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Warum Rita Wiederhold ihrem Leben selbst ein Ende setzte

Rita Wiederhold litt an einer tödlichen Nervenkrankheit. Sie wollte nicht leiden, wollte kein Pflegefall werden. Deshalb hatte sie vor langer Zeit beschlossen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu wählen. Durch Sterbehilfe. Doch in Deutschland ist das nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich.


Rita Wiederhold hatte den Zeitpunkt ihres Todes geplant. Die 69-Jährige setzte ihrem Leben nach einer letzten gemeinsamen Reise mit ihrer Familie vor einigen Wochen ein Ende. Sie wollte es nicht anders, hatte sie bereits vor über einem Jahr bei stern TV erklärt: "Das ist einfach ein langes Sterben. Warum soll ein Mensch so etwas ertragen?"
Rita Wiederhold litt an Amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS – einer tödlichen Nervenkrankheit, die nach und nach den gesamten Körper lähmt und nach wenigen Jahren unweigerlich zum Tod führt. Zuletzt setzt die Atemmuskulatur aus. Das hatte Rita Wiederhold bei ihrer älteren Schwester erlebt, die ebenfalls an ALS erkrankt und 2012 daran gestorben war. "Sie wurde künstlich ernährt und beatmet. Sie konnte keinen Finger mehr bewegen, konnte nicht mehr sprechen", erinnerte sich Rita Wiederhold. "Warum muss ein Mensch das aushalten? Das ist doch kein Leben mehr, das ist eigentlich nur Siechtum", so ihre Meinung.

Viele ALS-Patienten lassen sich bei Fortschreiten der Krankheit zu Hause oder im Hospiz paliativmedizinisch behandeln, wodurch ihnen die letzte Lebensphase erleichtert werden kann. Für sie sei das keine Option, sie habe all das bei ihrer eigenen Schwester erlebt, so Rita Wiederhold: "Ich habe die Entscheidung schon für mich getroffen, als ich die Diagnose erhalten habe. Weil ich genau wusste, was da kommt."

"Für mich ist der richtige Zeitpunkt, wenn ich es noch selbst tun kann"

Rita Wiederhold wolle Sterbehilfe in Anspruch nehmen, erklärte sie im März 2015 bei stern TV: "Sterbehilfe ist in Deutschland in dem Sinne nicht verboten. Es muss so sein, dass jemand einem ein Tod bringendes Medikament reichen kann, aber man muss selbst noch in der Lage sein, das zu schlucken." Die ALS-Patientin hatte sich deshalb schon früh an einen Sterbehelfer gewandt, der ihr beizeiten ein tödliches Medikament bereitstellen sollte.

Ihr Ehemann Hardo Wiederhold konnte den Wunsch seiner Frau lange Zeit nicht nachvollziehen – bis er ihre Entscheidung schließlich doch akzeptierte. Auch, weil er sich intensiv mit der Erkrankung befasst hatte. Das Leben des Ehepaars, das schon seit über 50 Jahren glücklich verheiratet war, hatte sich durch die Krankheit sehr verändert. Seit den ersten Anzeichen des Nervenleidens vor fast fünf Jahren war aus der einst sehr aktiven Frau, die gerne wandern ging, eine pflegebedürftige Patientin geworden. Ihre Muskeln wurden schwächer und schwächer. Rita Wiederhold konnte die einfachsten Dinge im Alltag nicht mehr ohne fremde Hilfe erledigen. Selbst das Sprechen fiel ihr zunehmend schwer. Das Paar hatte ihren Wunsch immer wieder besprochen. "Erstmal ist man sehr überrascht, wenn man solche Worte hört", so Hardo Wiederhold. "Aber schließlich musste ich ihr Recht geben."

Vor wenigen Monaten hat stern TV die kranke Frau noch einmal besucht. Eine Gesetzesänderung zur Regelung der Sterbehilfe in Deutschland, die im November 2015 verabschiedet wurde, hatte Rita Wiederholds Wunsch nach Sterbehilfe durchkreuzt. Sie würde ihren Sterbehelfer nicht in Anspruch nehmen können, da die Form der so genannten "geschäftsmäßigen Sterbehilfe" seitdem strafbar ist. Im Paragraf 217 des Strafgesetzbuches heißt es nun: Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Die neue Gesetzeslage hat Rita Wiederhold zum Umdenken bewogen: Sie musste es selbst tun, solange sie noch konnte: "Für mich persönlich bedeutet das auch, dass ich mein Leben früher beenden muss, als ich es sonst vielleicht gewollt hätte, weil mir niemand helfen darf. Weil das alles kriminalisiert wurde, jede Hilfe", sagte sie im vergangenen Herbst. "Für mich ist also der richtige Zeitpunkt, wenn ich es noch selbst tun kann. Ich hätte vielleicht, wenn das Gesetz anders wäre, noch gewartet. Aber ich weiß doch nicht, ob ich im Frühjahr überhaupt noch die Hände bewegen kann."

"Ich wünsche ihr, dass sie nicht traurig aus dem Leben geht"

Für ihre Familie – insbesondere für ihre Tochter und den Enkel – war es nicht leicht, mit ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod umzugehen. Ihr Enkelsohn Björn hatte Rita Wiederhold zu einer letzten gemeinsamen Reise in die Lausitz überreden können. "Da ich wusste, dass sie bald stirbt, wollte ich noch einmal Zeit dafür haben, zu erfahren, wie sie früher gelebt hat und ihr noch einmal den Weg ermöglichen, ihre Familie zu sehen. Damit sie für sich innerlich Abschied nehmen kann", so der 28-Jährige. Er akzeptiere und respektiere ihre Entscheidung aber, ebenso wie der Rest der Familie. "Ich wünsche ihr, dass sie nicht traurig oder ängstlich aus dem Leben geht. Sondern dass sie weiß, dass die Menschen um sie herum, ihre Familie, dass sie weiterleben."

Rita Wiederhold beendete ihr Leben am 5. Dezember 2016. Die ALS-Patientin wurde 69 Jahre alt.



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