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Lebensgefährliches Kaugummi

Jedes Jahr ersticken etwa 50 Kinder an Fremdkörpern, die in ihre Luftröhre gelangen. Doch auch wenn sie nicht gleich zum Tode führen, können solche Gegenstände schwerste Schäden hervorrufen. Wie beim elfährigen Justin, der fünf Lungenentzündungen erlitt.

Auf einmal beginnt Justin zu husten. Der Hausarzt diagnostiziert eine Bronchitis, auf die bald eine weitere folgt. Dann die erste Lungenentzündung. Monate lang muss der Elfährige Cortison inhalieren, Hustenstiller und Antibiotika nehmen, ist geschwächt und kann nicht zur Schule gehen. Der Junge erleidet fünf Lungenentzündungen in Folge, muss dreimal ins Krankenhaus und wird in eine vierwöchige Kur geschickt. Endlich entscheidet seine Mutter Daniela Sieboth, einen Spezialisten aufzusuchen.

Dr. Nick Merkel von der Uniklinik Halle ist spezialisiert auf Lungenerkrankungen bei Kindern. Mit speziellen Instrumenten bronchoskopiert er Justins Lunge - und findet im linken Lungenlappen Teile eines Kaugummis. Beim Röntgen waren sie nicht sichtbar gewesen, da sie nicht "röntgendicht" sind, wie es in der Fachsprache heißt. In einer anderthalbstündigen Operation entfernt Dr. Merkel die klebrigen Kaugummi-Stücke. Ergebnis: Justin ist geheilt, seine Lunge wieder voll funktionsfähig. Wäre der Fremdkörper nicht entdeckt worden und unglücklich verrutscht, hätte er daran ersticken können. In jedem Fall drohte Justin ein lebenslanger Lungenschaden.

Nüsse, Kaugummis, Plastikteilchen

"Fremdkörperaspiration" nennen Mediziner den Fall, wenn Kleinteile in die Luftröhre geraten, also sozusagen "eingeatmet" werden. Von den geschätzten 5000 Fällen im Jahr enden etwa 50 für Kinder tödlich. Am häufigsten sind es Nüsse, aber auch Karotten, Plastikteilchen und eben Kaugummis werden in der Luftröhre der Patienten gefunden.

Fälle, in denen sich jemand "verschluckt", sind die harmlosesten und durch einen Klaps auf den Rücken meist erledigt. Lesen Sie in der linken Spalte, was bei ernsthafteren Fällen zu tun ist, wie Sie ihnen vorbeugen und wie Sie Leben retten können.

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Was passiert bei einer Fremdkörperaspiration?

Im einfachsten Fall beginnt der Betroffene zu husten und befördert den Gegenstand so rasch wieder aus der Luftröhre heraus. Im schlimmsten Fall verstopft der Fremdkörper die Atemwege und führt zu einer Erstickung.

Passiert der Fremdkörper die Luftröhre und gelangt in die unteren Atemwege, so kann er sich in den Bronchien festsetzen: Atembeschwerden, Husten und Lungenentzündungen können daraus resultieren. In diesem Fall kann es auch später zu einem plötzlichen Ersticken kommen, wenn der Fremdkörper durch anhaltendes Husten ungünstig verrutscht. Wird die Fremdkörperaspiration nicht erkannt, kann es zu chronischen Atemwegserkrankungen bzw. zu Funktionsstörungen des gesammten Lungenlappens kommen.

Welche Fremdkörper geraten am häufigsten in die Atemwege?

Mit Abstand am häufigsten gelangen bei Babys und Kleinkindern Nüsse aller Art in die Luftröhre, gefolgt von Plastikteilchen und Nadeln. Weitere Fremdkörper sind Pflanzenteile, Karotten, Steine, Äpfel, Sonnenblumenkerne, Perlen, Knöpfe und Münzen.

Schulkinder verschlucken zuweilen Zähne, Stiftkappen und Bürokleinteile, während bei Jugendlichen häufiger Stecknadeln festgestellt werden.

Welche Symptome sind bekannt?

Dass ein Gegenstand in die Atemwege gelangt sein könnte, zeigt sich etwa an folgenden Symptomen:

- Das Kind bekommt plötzlich starken Husten, ohne Anzeichen für einen Infekt aufzuweisen.

- Es sind Atemnebengeräusche (z.B. Rasseln, Pfeifen) hörbar

- Die Leistungsfähigkeit des Kindes ist ohne erkennbaren Grund innerhalb kürzester Zeit stark gesunken

Wie wird eine Fremdkörperaspiration behandelt?

Der behandelnde Arzt untersucht die Bronchien bei Vollnarkose mit Hilfe einer Bronchoskopie (Spiegelung der Atemwege) und Röntgenaufnahmen. Findet er einen Gegenstand in den Bronchien, so wird er mit einem Endoskop entfernt: Dieses schlauchartige oder starre Gerät wird durch den Mund eingeführt.

Ist der Fremdkörper einmal entfernt, treten nur selten Nachwirkungen auf.

Notfallmaßnahmen bei einem Kind unter einem Jahr

Fall 1: Kind hat etwas verschluckt, Hustenanfall, atmet komisch.
Maßnahme: Sofort den Arzt rufen!

Fall 2:

Kind atmet nicht mehr, läuft blau an.

Maßnahme:

Rückenklopfen (Kind auf Arm legen, Kopf und Gesicht zeigen nach unten, und klopfen. Im Mund nachsehen, ob Fremdkörper herausgekommen ist.
Falls erfolglos: Herz-Druckmassage wie bei Wiederbelebung - im Mund nachsehen, ob Fremdkörper nach oben befördert wurde.
Wenn erfolglos: Beatmung und Herz-Druckmassage, Wiederbelebungsmaßnahmen sofort.

Notfallmaßnahmen bei einem Kind über einem Jahr

Fall 1: Kind hat etwas verschluckt, es fehlen Teile, Hustenanfall
Maßnahme: Nicht viel bewegen, Arzt rufen oder eine Ambulanz aufsuchen. Wenn Atemnot besteht, sofort Notarzt rufen! Fall 2: Bewusstlosigkeit, Blaufärbung
Maßnahme: "Heimlich-Manöver": Arme von hinten auf Bauchhöhe um das Kind legen, Hände ineinander verhaken, dann das Kind ruckartig zu sich ziehen, dabei drückt der Bauch auf das Zwerchfell und presst die Lunge nach oben, es entsteht ein künstlicher Husten. Nachsehen, ob Fremdkörper nach oben befördert wurde.
Falls erfolglos: Herz-Druckmaßnahme und Beatmung, Wiederbelebungsmaßnahmen.

Wie können Eltern vorbeugen?

- Eltern sollten Ihren Kindern keine Kleinteile überlassen.

- Nüsse und Karotten sollten nur Kindern ab 4 bis 5 Jahren gegeben werden.

- Achten Sie bei Spielzeug auf die Altersbeschränkungen

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