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Die wichtigsten Informationen über Mutismus

Manche Kinder reden nur mit den engsten Verwandten, ansonsten gar nicht. Man nennt das Mutismus. Aber wo liegen die Ursachen dafür und was kann den Kindern helfen? Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Kein Mucks, kein Laut, kein Wort - zu niemandem. So verhalten sich mutistische Kinder. Ihr soziales Umfeld reagiert oft mit Unverständnis. Ein landläufiges Vorurteil lautet, diese Kinder seien doch nur schüchtern. Doch wer versucht, sie einfach anzusprechen oder aufzumuntern, bewirkt nur noch mehr Abwehr. Wo liegen die Ursachen für das eiserne Schweigen? Welche Auswirkungen hat es auf die Entwickung? Und wie kann man diesen Kindern bloß helfen? stern TV hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt:

Was ist Mutismus?

Mutismus bezeichnet das beharrliche Nichtsprechen von Menschen trotz gesunder Sprech- und Hörfunktionen. Der Begriff ist aus dem Lateinischen abgeleitet (mutus = stumm). Unterschieden wird zwischen totalem und selektivem Mutismus.

Menschen mit totalem Mutismus schweigen in jeder Lebenssituation. Zwar verstehen sie alles, sagen jedoch nie ein Wort. Oft werden diese Menschen deshalb auch für physisch stumm oder geistig behindert gehalten, was natürlich nicht zutrifft.

Selektiv mutistische Menschen kommunizieren mit ausgewählten Personen, meist innerhalb der Familie und mit engen Freunden, verhältnismäßig normal. Sobald Fremde anwesend sind schweigen sie eisern.

Wie viele Menschen sind betroffen?

In Deutschland sind etwa 6000 Menschen betroffen, EU-weit etwa 25.000, sagt die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland". Da die Kommunikationsstörung oft als extreme Schüchternheit abgetan wird, ist aber eine hohe, gar nicht diagnostizierte Zahl an Mutisten wahrscheinlich (Dunkelziffer).

Meist tritt Mutismus im Kindesalter auf. Experten schätzen, dass inzwischen drei von 1000 Kindern ein mutistisches Verhalten entwickeln. Mädchen sind häufiger betroffen, als Jungen.

Was sind die Ursachen für Mutismus?

Bei mutistischen Kindern sind - anders als bei echter Stummheit - die Sprechorgane völlig intakt. Die Störung ist meist rein psychologisch bedingt. Was genau Mutismus auslöst, ist aber nicht hinreichend geklärt. In der Fachwelt geht man von ausgeprägter Sozialangst aus. Geheilte Kinder berichten von großen Hemmungen, etwas Falsches zu sagen oder sich für ihre Stimme zu schämen. Erziehungsfehler gelten unter Experten nicht als Auslöser. Allerdings scheint ein Großteil genetisch bedingt zu sein: Bei auffallend vielen Kindern ist zumindest ein Elternteil ebenfalls sozial gehemmt. Weitere Gründe können innerfamiliäre Probleme oder in seltenen Fällen auch Traumata sein, zum Beispiel sexueller Missbrauch.

Wie verhalten sich mutistische Kinder?

Beharrliches Schweigen, vor allem Fremden gegenüber, ist das zentrale Kennzeichen von mutistischen Kindern. Werden sie direkt angesprochen, geht der Blick zu Boden, fällt die Gestik in sich zusammen. Geheilte Patienten haben berichtet, dass sie durchaus gerne sprechen wollten, jedoch das Gefühl bekamen, dass ihnen der Hals abgeschnürt wurde und die Worte einfach nicht über die Lippen kamen.

Wie wird Mutismus diagnostiziert?

Wenn das Kind schweigt und sich in bestimmten Situationen (z.B. Besuch von Fremden) immer wieder so verhält, sollte man stutzig werden. Insbesondere, wenn sonst keine sprachlichen Probleme vorliegen und das Kind altersgemäß alles versteht.

Um physische Ursachen sicher auszuschließen steht am Anfang eine neurologische und HNO-ärztliche Untersuchung. Darüber hinaus wird eine Patienten- und Familienanamnese gemacht (Sprachverhalten in der Familie und dervvorherigen Generationen, Entwicklungsverlauf des Kindes, vorangegangene Erkrankungen). Erst danach wird psychologisch untersucht.

Eine erste Einschätzung, ob Ihr Kind mutistisch sein könnte, kann Ihnen dieser Test geben.

Bei Verdacht auf Mutismus stellt die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V." eine erste Anlaufstelle für weitere Informationen dar: www.mutismus.de.

Warum wird die Krankheit oft nicht richtig erkannt?

Das auffällige Verhalten mutistischer Kinder wird häufig nicht als ernstzunehmende Störung aufgefasst, sondern zunächst mit extremer Schüchternheit verwechselt. Vor allem selektiver Mutismus wird vielfach nicht rechtzeitig erkannt. Kinder- und Hausärzte, die mit Mutismus bisher keine Erfahrungen haben, glauben oft an eine altersbedingte Introvertiertheit, die sich mit der Zeit "auswächst". Immerhin verhalten sich die Kinder in der Familie meistens normal: Sie sprechen und spielen wie andere gleichaltrige Kinder auch.

Manchmal ordnen Ärzte, sogar Psychologen das Verhalten auch als "Trotzreaktion" ein. In einigen Fällen wurden mutistische Kinder auch für geistig behindert gehalten und irrtümlich in eine Klinik eingewiesen oder auf eine Sonderschule geschickt, was verständlicherweise fatal ist. Deshalb ist eine frühzeitige, richtige Diagnose sehr wichtig.

Welche Folgen kann Mutismus haben?

In sozialen Situationen - etwa Gruppenerfahrungen in der Schule, im Kindergarten oder bei Geburtstagen - sind die Kinder in ihrer Welt gefangen und können nicht richtig teilhaben. Sie erleben die Situationen dadurch weniger intensiv, als Gleichaltrige. Vielfach sind die Kinder in der Folge isoliert, tauschen sich nicht altersgerecht mit anderen Kindern aus. Die fehlenden Kommunikationserfahrungen verhindern eine altersgerechte Identitätsentwicklung.

Wird Mutismus nicht frühzeitig als solcher erkannt, wird es für Betroffene zudem immer schwieriger, sich von den Ängsten zu befreien. In der Schule hat ihr Verhalten weitere Konsequenzen. Mit zunehmendem Altern - besonders in der Pubertät - wird es immer problematischer, die Störung zu überwinden.

Wie sehen Therapieansätze aus?

Gefragt sind Sprachtherapeuten und Kinder- und Jugendpsychologen. Dort werden mutistische Kinder behutsam in Situationen gebracht, in denen sie gerne sprechen würden oder sprechen müssen. Beginnt das Kind erst im therapeutischen Umfeld zu reden, wird die Sprache mehr und mehr in ähnliche Alltagssituationen integriert. Auch das familiäre Umfeld, das sich vielfach stets als Sprachrohr des Kindes gegeben hat, sollte involviert werden.

Wichtige Voraussetzung für den Therapieerfolg ist deine frühzeitige Diagnose: Kinder, deren Mutismus in der Vorschulzeit als solcher erkannt wird, haben gute Aussichten, die Kommunikationsstörung noch vor der Einschulung zu überwinden.

Viele Informationen inklusive Kontakte zu spezialisierten Therapeuten bietet die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V." auf ihrer Internetseite: www.mutismus.de

Einen intensiven Therapieansatz verfolgt die Rehaklinik Werscherberg für Kinder und Jugendliche mit Kommunikationsstörungen:

Rehaklinik Werscherberg
Am Werscher Berg 3
49143 Bissendorf
Telefon: 05402 - 4060
E-Mail: info@rehaklinik-werscherberg.de
Internet: www.rehaklinik-werscherberg.de

Wo erhalte ich weitere Informationen und Hilfe?

Viele weitere Informationen inklusive Kontakte zu spezialisierten Therapeuten bietet die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.": www.mutismus.de

Einen intensiven Therapieansatz verfolgt die Rehaklinik Werscherberg für Kinder und Jugendliche mit Kommunikationsstörungen:

Rehaklinik Werscherberg Am Werscher Berg 3 49143 Bissendorf Telefon: 05402 - 4060 E-Mail: info@rehaklinik-werscherberg.de Internet: www.rehaklinik-werscherberg.de

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