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Wiedersehen nach fast 50 Jahren

Als Kind wird Sigrid Weißer zur Adoption freigegeben. Dennoch sucht sie Jahrzehnte nach ihrer Mutter - und findet sie. Doch mit dem Wiedersehen erfährt sie auch ein dunkles Stück Familiengeschichte.

Mit zwei Jahren wurde Sigrid Weißer zur Adoption freigegeben: Die näheren Umstände und die ganze Tragweite ihrer Familiengeschichte kamen erst jetzt ans Licht.

Mit zwei Jahren wurde Sigrid Weißer zur Adoption freigegeben: Die näheren Umstände und die ganze Tragweite ihrer Familiengeschichte kamen erst jetzt ans Licht.

Die Suche nach ihr hat Sigrid Weißer nie aufgeben: Vor fast 50 Jahren gab ihre Mutter sie zur Adoption frei. Die Kindheit verbringt Sigrid in einer Adoptionsfamilie. Sie ist unglücklich, hofft fast jeden Tag auf die Rückkehr ihrer leiblichen Mutter. Doch sie kommt nicht. Dann, Mitte 2012, findet Sigrid Weißer endlich eine Spur in den USA. Kurzerhand ruft sie die Frau an: Renate Basham meldet sich. Mutter und Tochter haben sich wiedergefunden.

Doch ein Wiedersehen sollte nicht so leicht zu arrangieren sein. Denn weder Sigrid Weißer noch die inzwischen 70-jährige Renate Basham haben die finanziellen Mittel für eine solche Reise. Sigrid Weißer wendet sich mit ihrer Geschichte und einem bewegenden Video an die stern TV-Storybox. Was sie noch nicht ahnt: Hinter der Adoption steckt eine dunkle Seite ihrer Familiengeschichte, die erst jetzt ans Licht kommen würde.

Was war mit Sigrid Weißer passiert?

Rückblick: Nach einer kurzen Affäre mit einem amerikanischen Soldaten wird ihre Mutter Renate schwanger mit Sigrid. Doch der Kontakt zu dem Soldaten bricht bald ab, Renate ist alleine mit dem Kind. Auch ihre Familie lehnt das uneheliche Kind damals in den 60er Jahren vehement ab, so dass sich die junge Mutter mit einem anderen Mann einlässt: Elijah Colvard, ebenfalls amerikanischer Soldat, ein Schwarzer. Sigrid ist als Baby die meiste Zeit in einem Säuglingsheim untergebracht. Erst als Renate den Mann heiratet, holen sie die zweijährige Sigrid zu sich. Renate und Elijah haben inzwischen ein gemeinsames Kind, ein zweites ist unterwegs. Weil Sigrid weiterhin unter der Fürsorge des Jugendamtes steht, wird das Familienleben dokumentiert. In den Dokumenten wird festgehalten, dass der Stiefvater Elijah das Kind mit einem Riemen misshandelt und die Mutter keine Liebe für Sigrid empfinde. Als Renate und ihr Mann Elijah planen, in die USA zu gehen, empfiehlt das Jugendamt, Sigrid zur Adoption freizugeben.

Die näheren Umstände ihrer Geschichte beginnt Siegrid Weißer erst in den vergangenen Jahren aufzuklären. Ihr ganzes Leben war sie von diffusen Ängsten und Albträumen geplagt worden. Immer wieder träumt sie, wie ein schwarzer Mann in ihr Zimmer kommt und ihr weh tut, berichtet Sigrid Weißer. Was sie in all den Jahren noch nicht weiß: dass ihre Mutter mit einem Afroamerikaner in die USA ausgewandert ist.

Ihre psychischen Probleme machen Sigrid arbeitsunfähig, in unzähligen Therapien versucht sie ihre Kindheit aufzuarbeiten. "Ich hatte damals einen Selbstmordversuch hinter mir. Ich war in der Klinik, und da ist mir der Gedanke gekommen: Vielleicht muss ich doch an meinen Wurzeln forschen", sagt Sigrid Weißer. Als sie sich ihre Adoptionsunterlagen besorgt, liest sie dort erstmals von dem schwarzen Ehemann ihrer Mutter und seinem Gürtel. "Und das mit dem Riemen - diese Erinnerung hatte ich immer. Dieser Riemen, der da über dem Stuhl hing." Sie ist sich sicher: Dieser Mann hat sie misshandelt und auch sexuell missbraucht. Die Therapien und medizinische Untersuchungen unterstützen ihre Annahme.

Die entscheidende Spur - ein Dokumentarfilm

Trotz der Erschütterung beschließt Sigrid Weißer, ihre leibliche Mutter kennenlernen zu wollen. Zwölf Jahre lang forscht sie immer wieder im Internet. Die entscheidende Spur gibt schließlich der Dokumentarfilm "Family Affair": Darin dokumentiert Sigrids Stiefbruder 2010 seine eigene Familiengeschichte – die der Familie Colvard, bestehend aus der deutschen Mutter Renate, dem farbigen US-Soldaten Elijah, den drei Schwestern Paula, Angelika, Chiquita und ihm selbst, Chico Colvard. Aus dem Film erfährt Sigrid, wie es ihren Stiefgeschwistern ergangen ist - und dass auch sie vom Vater grausam missbraucht wurden. Renate Basham, seit 20 Jahren von dem Mann geschieden, erinnert sich: "Er hat uns nie vergessen lassen, wir schulden ihm alles, er hat für uns bezahlt, wir sind sein Eigentum, und dann hat er uns schlecht behandelt."

Doch Sigrids Weißer weiß schon beim ersten Telefonat mit Renate, dass sie ihrer Mutter keine Vorwürfe machen wird. Auch für ihr eigenes Seelenheil hat die 51-Jährige beschlossen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Als stern TV ein Wiedersehen der beiden organisiert, finden Mutter und Tochter endlich Zeit, sich über die verlorenen fast 50 Jahre auszusprechen. "Mein Wunsch ist, dass Sigrid mir ihr Leben erzählt", sagt Renate Basham. "Ich will alles von ihr wissen, was sie mir sagen will. Wie es gewesen ist, was sie erlebt hat, sie soll sich alles vom Herzen sprechen."

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