HOME

Gegen den Willen verheiratet

Die Bundesregierung will weiterhin scharf gegen Zwangsehen vorgehen. Wie das funktionieren soll und wie viele Betroffene es überhaupt gibt - stern TV hat Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was ist eine Zwangsehe?

Eine korrekte Definition der "Zwangsehe" ist schwierig. Unter einer Zwangsehe versteht man grundsätzlich eine Ehe, die mindestens gegen den Willen einer der beiden Partner geschlossen wird - etwa durch die Ausübung von Gewalt oder weil die Weigerung kein Gehör findet oder weil ein Partner es nicht wagt, sich zu widersetzen. Es ist oft allerdings schwierig zu entscheiden, ob es sich wirklich um eine Zwangsehe oder eine arrangierte Ehe handelt, bei der die Heirat zwar von Dritten initiiert, aber im Einverständnis der Eheleute geschlossen wird.

Warum zwingen Eltern ihre Kinder in eine bestimmte Ehe?

In vielen Kulturen wird die arrangierte Ehe als legitim angesehen und ist von großer Bedeutung, um Tradition und Ehre aufrecht zu erhalten.

Wie viele Zwangsehen werden in Deutschland geschlossen?

Verlässliche Zahlen gibt es dazu nicht. Die Hilfsorganisation "Terre des Femmes" schätzt aber, dass sich jedes Jahr 1000 Betroffene an Beratungsstellen wenden. Die Rechtsanwältin Gülsen Celibi geht davon aus, dass etwa jede dritte muslimische Ehe in Deutschland arrangiert wurde oder sogar eine so genannte "Zwangsehe" ist. Genaue Zahlen hat auch sie nicht, weil die betroffenen Frauen selbst oft nicht zugeben, dass die Ehe unter Zwang geschlossen wurde.

Sind nur Frauen betroffen?

Nein. Zwar werden in vielen Fällen, die bekannt werden, junge Muslima in eine Ehe gezwungen. Doch die Realität ist vielschichtiger. Nur trauen sich die meisten betroffenen Männer mit dem Thema nicht an die Öffentlichkeit. Sie fügen sich und heiraten eine von der Familie ausgesuchte Braut, weil sie Angst davor haben, als Schwächling zu gelten.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Ausführliche Informationen und Kontakte gibt es bei der Hilfsorganisation "Terre des Femmes":
www.frauenrechte.de/online

Informationen und Online-Beratung zur Zwangsheirat:
http://www.ehrverbrechen.de

Dort finden Sie auch Beratungsstellen in Ihrer Nähe

Hilfe für junge Migrantinnen gibt es auch unter:
www.sibel-papatya.org

Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie außerdem unter:
www.ehrenmord.de

Wie will die Bundesregierung gegen Zwangsehen vorzugehen?

Ende Oktober 2010 hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, dass helfen soll, Zwangsehen besser zu bekämpfen. Erstmals wird die Zwangsheirat im Strafgesetzbuch als ein eigener Straftatbestand definiert, früher galt sie als schwere Nötigung. Und: Erst nach drei Jahren Ehe - vorher waren es nur zwei Jahre - erhalten die nachgezogenen Ehepartner nun ein eigenständiges Aufenthaltrecht.

Was sagen die Kritiker zu dem Vorstoß der Bundesregierung?

Die Grünen haben den Gesetzesvorschlag als reine Kosmetik bezeichnet. Das Gesetz sei unglaubwürdig, wenn gleichzeitig die Mittel für Integrationskurse gekürzt werden. Denn Frauen, die schlecht deutsch sprechen, werden von Hilfsangeboten dann gar nichts erfahren. Anwältin Gülsen Celibi bemängelt vor allem die Aufenthaltsregelung für die nachgezogenen Ehepartner: "Dies bedeutet besondes für Frauen, die aus einem anderen Land "importiert" wurden, dass sie gezwungen sind, drei Jahre in der Ehe zu verbleiben. Bei einer Rückkehr in die Heimat droht den Frauen oft eine erneute Zwangheirat."