HOME

Hanka Rackwitz zeigt den schwierigen Alltag mit ihren Zwangsstörungen

Fernsehzuschauer kennen Hanka Rackwitz als toughe Immobilienmaklerin aus der Doku-Serie "Mieten, Kaufen, Wohnen". Doch privat ist die Moderatorin eine andere: Hanka Rackwitz leidet unter Zwangshandlungen und Ängsten. Bei stern TV spricht sie offen darüber, wie sich ein solches Leben lebt.

Zwänge und Ängste machen Hanka Rackwitz den Alltag oft zur Qual.

Zwänge und Ängste machen Hanka Rackwitz den Alltag oft zur Qual.

Was für die meisten Menschen alltäglich ist, ist für Hanka Rackwitz ein Kraftakt: Duschen und Anziehen, das Haus verlassen, einen Gegenstand vom Boden aufheben. Die 47-Jährige muss stundenlang alles kontrollieren. Beinahe jede ihrer Bewegungen ist ritualisiert und abgezählt. Fast alles macht sie sechs Mal - die 6 ist ihre Sicherungszahl. Hanka Rackwitz kann kaum etwas berühren, ohne sich zu schützen, nicht einmal in ihrer eigenen Wohnung. Um aus dem Haus zu kommen, braucht sie ein Hilfsmittel, da sie die Klinke ihrer Haustür nicht berühren kann – aus Angst vor Keimen. Die TV-Maklerin leidet unter einer Kontaminationsangst. Auch wenn es in ihrer Fernsehsendung kaum auffalle, so rufe selbst eine versehentliche Berührung bei ihr eine körperliche Panik-Reaktion hervor, erzählt sie: "Der Mund wird trocken, die Kehle wird zugeschnürt und die ersten Gedanken sind: Alles aus! Das Dumme ist, dass die Vernunft keine Chance hat, durch diesen Zustand durchzukommen. Die Panik ist immer schneller, die Angst ist immer schneller als die Vernunft. Und die zwingt mich eben zu diesen Handlungen: Ich müsste, wenn sich die Starre auflöst, die betroffene Stelle ganz oft waschen. Waschen, waschen, so lange bis die Panik glaubt: Es ist jetzt gut."

Bis zu 100 Mal Händewaschen

Hanka Rackwitz wäscht sich bis zu 100 Mal am Tag die Hände – mindestens sechs Mal hintereinander. Selbst ein Glas Wasser zu trinken, wird durch die Angst vor Keimen für sie zur Herausforderung. Die Flasche dürfe auf keinen Fall das saubere Glas berühren und bevor sie trinken könne, müsse sie sich dann die Hände waschen, weil sie ja die Flasche angefasst hat. "Wenn man ein Ding berührt, das aus der Außenwelt kommt, muss man sich die Hände waschen", so die Moderatorin. Doch es dauere eine Weile, bis in ihrem Gehirn ankommt: Die Hände sind sauber. "Ich muss das so oft machen, dass ich fühle: Das brennt jetzt schon. Das Auge reicht nicht als Sinn, ich muss fühlen, dass das Desinfektionsmittel auf der Haut brennt, den Schmerz fühlen."

Die Kontaminationsangst ist so übermächtig, dass Hanka nur mit diversen Berührungs-Hilfsmitteln wie Handschuhen, einer Harke oder einem Kochlöffel den Alltag und das Leben in ihrer Wohnung bewältigen kann. Sie weiß, dass Außenstehende darüber den Kopf schütteln. "Wir haben das im Kopf und man sieht das von außen null. Und deshalb denken viele, wir bilden uns das ein. Es kann ja nicht angehen, dass man von außen so tough ist und dann – Angst vor seinen Schuhen hat."

Zwangs- und Angsterkrankungen treten häufig in Kombination auf. Hanka Rackwitz leidet auch unter einem Kontrollzwang. Den Wasserhahn zuverlässig abzustellen, kostet sie Kraft und Zeit. Nur wenn das Schließen schmerzt, kann sie sich selbst glauben, dass der Hahn wirklich geschlossen ist. Wenn sie für ihren Job über Nacht verreist, kontrolliert sie hoch konzentriert bis zu 45 Minuten lang, ob der Herd wirklich aus ist. Denn wenn sie während dieses Prozesses einmal blinzelt, muss sie ihr Kontroll-Ritual wieder von vorne beginnen. Noch dazu muss sie den Herd fotografieren, um sicher zu sein, dass er wirklich abgeschaltet ist. Hanka Rackwitz verbringt jeden Tag vier bis acht Stunden mit solchen Zwangshandlungen. "Ich leide unter den Zwängen", sagt sie selbst. "Das Gefühl der Angst ist ja kein angenehmes Gefühl. Es ist einfach nicht schön, die kleinsten Dinge mit so viel Kraftaufwand machen zu müssen."

Immer dieselbe Reihenfolge – nur dann war alles "gut"

Als zweites Kind von Wolfram und Helga Rackwitz wuchs sie gemeinsam mit ihrer Schwester Anja in Dresden auf. Als sie sechs Jahre alt war, erkrankte ihr geliebter Vater an Magen-Darm-Krebs und starb. In der Familie wurde die Krankheit und Trauer nie thematisiert. Alles was Hanka als Kind mitbekam und nicht rauskonnte – für das Mädchen ein Trauma. Damals entwickelten die beiden Schwestern erste Rituale: Sie mussten vor dem Einschlafen immer wieder alle Verwandten aufzählen, in immer derselben Reihenfolge, mit einer festgelegten Hierarchie. Wurde eine Tante vergessen, mussten die beiden wieder von vorne anfangen. Nur dann war alles "gut".

Zwischen ihrem achten und 20. Lebensjahr lassen Hankas Zwänge nach und verschwinden schließlich ganz. Die Wende habe ihr jedoch den Boden unter den Füßen weggerissen, erzählt sie: In den Supermärkten neue, fremde Lebensmittel, im Radio fremde Musik, ihr Studium der Germanistik und Kunst schien ihr kaum zu bewältigen, da plötzlich internationale Kunst und Literatur studiert werden musste. Alles Vertraute schien fort zu sein.

"Ich konnte am Leben nicht mehr teilnehmen"

Hanka Rackwitz wurde Immobilienmaklerin, verdiente viel Geld und konnte gut leben. Doch die Zwänge kehrten zurück und Hanka Rackwitz war plötzlich in dem festen Glauben todkrank zu sein. Sie entwickelte sich zum Hypochonder. Aus Angst vor dem eigenen Körper konnte sie sich beim Waschen selbst nur noch mit Gummihandschuhen anfassen. Noch in der Dusche stehend musste sie berührungslos in ihre Unterhosen schlüpfen, damit die Füße den Slip nicht mit Krankheitserregern verseuchen. Hatte ein Fuß den Slip in irgendeiner Weise berührt, musste sie einen frischen nehmen. Hanka Rackwitz benötigte auf einmal Stunden, um sich fertig zu machen. Manchmal hatte sie nach einer solchen Prozedur nichts mehr zum Anziehen. "Ich bin nicht mehr aus dem Haus gekommen, saß heulend in meiner Küche und dachte, ich kann am Leben einfach nicht mehr teilnehmen."

Damals entschloss sich Rackwitz zu einer Therapie. Sie wollte ihr altes Ich zurück haben! Der Arzt verschrieb ihr auch Psychopharmaka: ein anti-obsessiv wirkendes Antidepressivum, das Ängste und Zwänge mildert. Und zwar auf das Niveau, auf dem sie jetzt lebt.

Bitte wundern Sie sich nicht: Ich ticke nicht richtig

Mittlerweile kann die Mittvierzigerin wieder zum Einkaufen in den Supermarkt gehen, hat jedoch immer einen Gummihandschuh in der Hosentasche. Nur mit dem Handschuh fasst sie die Lebensmittel an, offene Waren wie beispielsweise Gemüse könnte sie allerdings niemals kaufen. Und beim Bezahlen mit der EC-Karte hantiert sie mit einem Kugelschreiber, um die Tasten nicht zu berühren. Hat die Verkäuferin ihre Geldkarte angefasst, "muss ich meine Karte zu Hause sofort desinfizieren."

Nach wie vor ist jeder Dreh für ihre Wohnungsmakler-Doku bei VOX für Hanka Rackwitz eine Tortur, da sie immerzu darauf achten muss, nichts und niemanden zu berühren. Die Erfahrung habe ihr jedoch gezeigt, dass sie besser offen mit ihren Zwängen umgehen kann: "Früher hab ich mich sehr dafür geschämt. Jetzt sage ich den Leuten als erstes: 'Guten Tag, bitte seien Sie mir nicht böse, dass ich Ihnen nicht die Hand gebe, bitte wundern Sie sich nicht  - ich ticke nicht richtig'. Und dann kucken die erstmal und lachen, und dann ist das in Ordnung. Und von mir ist der Druck genommen."

Die einzigen Menschen, mit denen sie Körperkontakt erträgt, sind ihre Mutter und ihre Schwester Anja, die in Hanka Rackwitz' ehemaliger Wohnung wohnt – mit ihren ehemaligen Möbeln. Sie selbst musste einst dort ausziehen, weil ihre Kontaminationsangst so groß wurde, dass sie nicht einmal mehr mit ihren eigenen Sachen leben konnte. Ihre Schwester Anja erzählt: "In der Wohnung hat es angefangen. Da hatte sie schon Angst vor den ganzen Sachen, hat es uns aber erstmal nicht gesagt. Denn wer möchte das anderen Menschen schon sagen? 'Ich habe Angst vor meiner Tür'."

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools