• 06.09.2008, 09:58 Uhr

Damien-Hirst-Verkaufsausstellung


Der Tanz ums goldene Kalb


 © Fiona Hanson/AP
Mit seinen in Formaldehyd eingelegten Tieren wurde Hirst berühmt

Von Cornelia Fuchs, London

Beim britischen Auktionshaus Sotheby's hat die Verkaufs-Ausstellung zur weltweit ersten Auktion neuer Werke eines lebenden Künstlers begonnen. 223 Posten will Damian Hirst am Mitte September versteigern lassen, - darunter auch sein goldenes Kalb in Formaldehyd, dessen Wert auf bis zu 15,2 Millionen Euro geschätzt wird.

Wie ungewöhnlich diese Ausstellung ist, zeigt sich schon daran, dass die Berichterstattung über dieses Ereignis gar nicht einfach einzuordnen ist. Gehören die Berichte über diese außergewöhnliche Verkaufs-Masche des Damian Hirst ins Feuilleton? Oder doch in den Wirtschaftsteil? Ist Hirst einfach ein großartiger Geschäftsmann? Oder macht er aus dieser Auktion ein neues Gesamtkunstwerk?
 
Auffallend ist, dass bei den Beschreibungen aller 223 Ausstellungsstücke nur eine einzige Jahreszahl genannt wird: 2008. Das schweißt von den farbenfrohen feinen Schmetterlingsbildern bis zu den Tieren in Formaldehyd alles, was unter den Hammer kommt, zu einem Gesamt-Kunstwerk zusammen - und stählt Hirst gegen die schon laut gewordenen Vorwürfe, er versuche hier seine unverkäuflichen Kreationen in einer Art überhöhten Flohmarkt doch noch an den Mann zu bringen. Es gibt Gerüchte, dass bei Kunsthändlern noch ganz andere Mengen von Schmetterlings-beklebten und gepunkteten Leinwänden im Keller herumstehen und keine Käufer finden.
 
Endloser Fundus an Schmetterlingen
Wie auch immer, die Ausstellung ist ein Ereignis. Der Besucher wird hineingezogen in ein Labyrinth aus Zimmern: Hirst belegt zwei riesige Etagen des Auktionshauses in der New Bond Street im Herzen Londons. Zebra, Einhorn und Haie starren tot und unbeweglich aus ihren Riesen-Aquarien hinaus in die Räume. Hinter jeder neuen Tür fragt man sich, wie viele Bilder mit schillernden Flügeln außergewöhnlicher Schmetterlinge es wohl noch geben kann. Der Nachschub scheint endlos.

Damien Hirst beschäftigt 120 Menschen an sechs verschiedenen Orten in England, die seine Werke umsetzen. Er hat eine Art Mini-Massenproduktion aufgebaut, und das Ergebnis sieht man in den zehn Ausstellungsräumen: An jeder Wand schimmern und glimmern die Schmetterlinge, flimmern bunte Punkte, zerfließen Farben in den "Dreh-Bildern", die an alte Kindertage erinnern, als man Acryl-Farbe über eine Drehscheibe laufen ließ.

Der Künstler als Marketing-Experte
Damien Hirsts große Kunst war von Anfang an, sich zu einer Marke gemacht zu haben. Und auch seine Bilder sind es geworden - wer heute Schmetterlinge sieht, denkt an Hirst. Und nach dieser Ausstellung wird wohl keiner mehr ohne Hommage an Hirst einen Schmetterlingskörper auf einer Leinwand verwenden können.

Der englische Künstler hat im Vorfeld der Auktion gesagt, dass er abschließen wird mit den Schmetterlingen, und auch mit den Tieren in großen Glaskästen. Er räumt seine Lager aus, und das war es. Angeblich will er versuchen, ob er allein mit einem Pinsel auch etwas zustande bringen kann. Es könnte ein sehr mutiger Schritt sein, diese Ankündigung. Denn Hirst ist nicht für seine Meisterschaft an der Leinwand bekannt, sondern für seine meisterhaften Ideen. Es könnte aber auch ein weiteres Spiel mit dem Kunstmarkt sein - denn je rarer die Werke, desto teurer der Preis.

Fließband-Kunst für 84 Millionen Euro
Wer durch diese Ausstellung geht, kann es einfach nicht vermeiden, bei jeder Beschreibung der Werke die Preise mitzulesen: Posten 54, Der Abgrund, verspiegeltes Kabinett in Wandhöhe mit Zigarettenstummeln, Wert ab 1,52 Millionen Euro; Posten 5, Das Königreich, Tigerhai im Aquarium, Wert ab fünf Millionen Euro; Posten 149, Bete für uns, zwei weiße Leinwände mit Schmetterlingskörpern, Wert ab 190 000 Euro.

Wenn die Auktion die Erwartungen erfüllt, könnte Hirst danach 84 Millionen Euro reicher sein. Und er muss nichts mehr an die Galeristen abgeben, die ansonsten bis zu 50 Prozent Kommission nehmen. Er braucht keine Verkaufsberatung mehr. Seine Kunst ist der Kommerz, und vielleicht ist er dabei einfach nur ehrlicher als andere. Denn welche Kunst existiert ohne Kommerz in einer Zeit, in der bei jeder Kunst-Auktion neue Rekorde gebrochen und in der alte und neue Meister als ernsthafte Investitionsobjekte gehandelt werden?

Hirst hat seine Auktions-Ausstellung "Wunderschön für immer in meinem Kopf" genannt, ein Teil seiner Genialität lag schon immer in der Namensgebung. Und wer sich durch die Ausstellungsräume arbeitet, an Millionen und Aber-Millionen-Skulpturen vorbei, der landet am Ende vor dem goldenen Kalb, einem kleinen Bullen mit 18-Karat-Gold-Belag an seinen Hufen und Hörnern und einer goldenen Scheibe auf dem Kopf. Und wird davor irgendwie das Gefühl nicht los, etwas leicht Verbotenes zu tun im Angesicht des reinen Mammons.
 


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