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Karoline Herfurth
Mehr als nur "das Mädchen"
© John Macdougall/AFP Photo
Karoline Herfurth, 24, kann in ihrem neuen Film endlich ihr ganzes Talent zeigen
Von Matthias Schmidt
Bislang spielte sie fast nur Teenies und "die Freundin von". Im Familiendrama "Im Winter ein Jahr" darf Karoline Herfurth jetzt trauern, tanzen, Klavier spielen, singen und vor allem erwachsen sein. Eine längst überfällige Reifeprüfung.
Schwärmen wir doch einfach mal.
Von den hundert Sommersprossen
allein auf ihren Schultern. Von der
elektrisierenden Ungeduld, mit der sie, halb
ausgelassen, halb angezogen, in einem
Hotelzimmer teure Kleider anprobiert für
die Gala zum Deutschen Filmpreis. "Oh
Mann, nichts passt", stöhnt sie. "Normalerweise
würde ich jetzt heulen und einen
Nervenzusammenbruch kriegen." Natürlich
sieht sie abends am roten Teppich wieder
umwerfend aus. George Clooney hat
einmal gesagt, man wird vor allem deshalb
Schauspieler, weil man geliebt werden will.
Bei Karoline Herfurth fällt das besonders
leicht.
Die Busenfreundin
Sie ist erfrischende 24, ihr Gesicht mit
den hohen Wangenknochen und dem
Kinngrübchen verstörend herb und attraktiv
zugleich, eine junge Kate Moss, die sich
in Paris eine WG mit Julie Delpy teilt. Herfurths
bisherige Kino- und TV-Karriere
lässt sich auf ein einziges Wort zusammenschmelzen:
Mädchen. Genauer: rothaariges
Mädchen. Ein wenig verführerische
Lolita, ein wenig unnahbares Fräuleinwunder.
Unvergessen ihr Auftritt als fuchsrotes
Mirabellenmädchen in "Das Parfum".
Wenn der supernasige Held ihre Witterung
selbst durch den Schwefelqualm eines
Feuerwerks aufnimmt, sie versehentlich
erstickt und dann entblößt. Sie hat zweimal
eine Prinzessin gespielt, dazu jede
Menge Busenfreundinnen auf Identitätssuche
in Filmen wie "Mädchen, Mädchen"
oder "Große Mädchen weinen nicht". Sie
war die große Liebe von Tom Schilling in
"Pornorama", die große Liebe von Kostja
Ullman in "Das Wunder von Berlin", die
große Liebe von Robert Stadlober in "Peer
Gynt". Schublade zu, Image fest?
In der Bayerischen Theaterakademie am
Prinzregentenplatz geht der 15. Drehtag
ihres neuen Filmes "Im Winter ein Jahr"
den gewohnten Gang vieler Drehtage. Wiederholungen,
können wir das noch mal
machen, du schaust zu früh hoch, Wiederholungen.
Herfurth trägt ein federleichtes
Ballettkleid und sagt trotz blauer Knie und
vor Erschöpfung zitternden Händen: "Ich
fang noch mal im Männerspagat an." Ein
paar Drehungen und Sprünge später rumst
ihr Kopf an den ihres Tanzpartners.
Benommenheit, Pause. Bin ausgerutscht.
Brauchst du Eis? Nein, geht schon.
Herfurth war Waldorfschülerin und
Mitglied in einem Kinderzirkus, turnte
Trapez und Rhönrad. Für ihre Szenen als
Tanzstudentin Lilli hat sie sich dennoch
monatelang mit einer eigenen Akrobatiktrainerin
vorbereitet. "Morgen wird es
noch härter", meint sie lapidar, "da muss
ich Klavier spielen und singen."
Auch damit sollte sie kaum Probleme haben.
Geboren in Berlin-Pankow, als echtes
Kind der DDR aufgewachsen rund um den
Alexanderplatz, waren ihre Eltern (der Vater
Altenpfleger, die Mutter Psychologin)
und die fünf Geschwister vernarrt in Hausmusik,
die Großmutter arbeitete als Musiklehrerin.
Im Urlaub an der Ostsee oder in
Tschechien verdiente man sich als kleine
Kelly Family ein Zubrot mit Straßenmusik,
Karoline war die Blockflöte. Viel mehr Privates
erzählt sie nicht, viel zu "unerheblich".
Nur, dass sie seit vielen Jahren denselben
Freund hat und ein Pflegepferd und gar keine
roten Haare, sondern normales "Berliner
Straßenköterblond".
"Sie weiß noch gar nicht, wie gut sie
ist"
Zurück am Set. Robert Cort, einer der
US-Produzenten des Films, lehnt entspannt
in einer Ecke und beobachtet das Geschehen.
"Sie weiß noch gar nicht, wie gut sie
ist", murmelt er und wirft Namen wie Sarah
Polley in den Raum. Regisseurin Caroline
Link - ihr "Nirgendwo in Afrika" gewann
vor fünf Jahren den Auslands-Oscar - lobt
derweil Herfurths Offenheit und wie sie
vom Kopf umschalten könne aufs Gefühl.
Und Kamerafrau Bella Halben findet sie
einfach nur unvergleichlich: "Sie hat so was
Durchsichtiges, man sieht ihre Seele in den
Augen."
© Constantin/AP Photo
Aus "Im Winter ein Jahr": Lilli (Karoline Herfurth) posiert für einen Maler (Josef Bierbichler)
Während dieses langen Tages in
München wird immer klarer: Das hier ist
keine weitere "Mädchen-für-alles-Rolle".
Hier wird jemand vor der Kamera erwachsen.
In "Im Winter ein Jahr" muss Herfurth
als Lilli erleben, wie sich ihr Bruder
umbringt, woraufhin die traumatisierte Familie
zerfällt. Und dann hat die herrische
Mutter (Corinna Harfouch), eine Innenarchitektin,
noch die Schnapsidee, bei einem
eigenbrötlerischen Maler (Josef Bierbichler)
ein Gemälde in Auftrag zu geben. Ein
Porträt von Lilli und dem Toten, für das die
Tochter Modell stehen muss. Der Film ist
mehr intime Trauer- und Sühnearbeit als
Melodram und macht es in seiner stillen
Kühle dem Publikum nicht leicht. Die gereifte
Herfurth aber ist überwältigend gut.
Ein paar Monate später. Nach "Im
Winter ein Jahr" (Kinostart: 13. November)
hat Herfurth viel gearbeitet. Sie spielte
Theater in Weimar, übernahm eine Nebenrolle
in der Verfilmung von Bernhard
Schlinks Bestseller "Der Vorleser" mit Kate
Winslet und Ralph Fiennes und übte wochenlang
die Schersprung-Technik. Für
eine Kinohauptrolle als jüdische Hochspringerin,
die zum Verdruss der Nazis bei
den Olympischen Spielen 1936 als Favoritin
antritt.
Zum nackt sein gezwungen
Und sie hat sich gerade an der Berliner
Humboldt-Uni eingeschrieben: Politik, Soziologie
und Russisch. Für den Abschluss
an der Ernst-Busch-Schauspielschule fehlt
ihr nur noch die Diplomarbeit. Thema:
Der Konflikt zwischen Figur und Person in
Bezug auf Nacktheit in der Öffentlichkeit.
"Sex spielt eine Riesenrolle in unserem
Leben", sagt sie. "Deswegen kannst du eine
Figur nur zeigen, wenn du auch diesen Teil
von ihr beleuchtest. Wenn ich jetzt sage,
das möchte ich nicht, geht das nicht zusammen.
Die Prostitution einer Schauspielerin
ist ein ökonomischer Gesichtspunkt
ihrer Karriere. Ich muss mich praktisch
ausziehen."
© DPA
Dreh einer Tanzszene mit Herfurth
Genauso analytisch-kritisch wird sie,
wenn es um andere Aspekte ihres Berufes
geht. "Die Zuschauer merken, wenn ein
Schauspieler nicht die Gedanken seiner Figur
denkt, sondern mit seinem Aussehen
beschäftigt ist. Dann berührt die Figur
nicht mehr." Herfurth macht sich überhaupt
sehr viele Gedanken, und manchmal
fragt man sich, wie sie die ganzen Teenie-Problemchen ihrer Kinorollen überstehen
konnte. Auch zu George Clooneys Aussagen
zum Geliebtwerdenwollen hat sie
eine klare Meinung: "Jemand, der gemocht
werden will, sollte kein Schauspieler werden.
Man setzt sich einer extremen öffentlichen
Kritik aus, das muss man erst mal
abkönnen."
Sie wird das schaffen. Denn das Mädchen
Karoline kann jetzt alles, Frau Herfurth
fängt gerade erst richtig an.
stern-Artikel aus Heft 47/2008
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