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Kid Rock
Bräute, Brüste, Bourbon
© Joerg Koch/ddp
Mit 37 immer noch in der Pubertät: Kid Rock trauert seiner Jugend hinterher
Von Jochen Siemens
Der amerikanische Rocker Kid Rock beschwört in seinem
Song "All Summer Long" die Magie der sorgenfreien Jugend. Und hat damit den Überraschungshit des Jahres gelandet.
In der Euphorie der Jugend scheint
immer die Sonne. Und im Rausch, das
Leben eben erst angefangen zu haben,
ist der Himmel immer blau. Die großen
Momente unserer Biografien sind Sommermomente.
Die Welt wurde größer, weil wir
verreisten. An den Stränden hatten die
"blöden Mädchen" auf einmal interessante
Bikiniverschlüsse, und keiner vergisst das
Gefühl von Wehmut, im September noch
Sommersand in der Hosentasche gefunden
zu haben. Das Leben war Schule, aber der
Sommer war Lebensschule. Der erste Kater,
die erste durchfeierte Nacht, der erste Kuss,
der erste Herzschmerz; "seine Liebe für den
Sommer ist vielleicht das heftigste Gefühl
seines Lebens gewesen", schrieb einmal
Pier Paolo Pasolini über sich selbst. Und
der Sommer 2008? EM-Vize, Kurt Beck,
Benzinpreis - klingt wie grauer Himmel.
Album
Kid Rock
"Rock N Roll Jesus"
Atlantic Records
Aber dann ein Song. Und was für einer.
Kommt aus jedem Radio, von null in die
Charts geflogen, und ist Sonne aus den
Lautsprechern. "All Summer Long" von
Kid Rock: "Es war 1989, meine Gedanken
waren kurz, mein Haar war lang, ich
irgendwo zwischen Junge und Mann. Sie
war 17 und schon weit entfernt von irgendwo
dazwischen, und es war Sommer in
Nord-Michigan …" Das Ganze rau und lässig
zu einer Samplemelodie aus den alten
Gassenhauern "Sweet Home Alabama" und
"Werewolves Of London" gesungen und mit
einem Video bebildert, das nicht gerade als
feministische Botschaft firmieren kann. Es
zeigt die für Kid Rock wichtigen Dinge des
Lebens: Bräute, Brüste, Bourbon - und ein
schnelles Boot auf einem See.
Großartige Musik hat meist die simpelsten
Zutaten: Sie ist rücksichtslos geradlinig
und schert sich nicht um Konventionen,
sie maßt sich nicht an, die Welt zu
retten, sondern geht an den Nerv des kleinen
Glücks in uns allen. Ihr Rhythmus
kommt aus dem Takt unseres Lebens, wir
können mit ihr tanzen oder einfach nur
durch die Welt gehen. Und sie kitzelt prägende
Erlebnisse wach. "Wir hatten kein
Internet, aber Mann, ich werde nie vergessen,
wie das Mondlicht auf ihr Haar schien",
singt Kid Rock, der damit anscheinend
besonders auf deutschen Gefühlen
groovt.
Denn in keinem anderen
Land ist "All Summer Long" so
ein Erfolg. Das Album "Rock N
Roll Jesus" erschien schon Ende
2007, der Sommersong war
darauf einer von zwölf. Aber als
die ersten Frühsommertage ins
Land zogen, schlich sich der
Song über Radio und Internet
in die Ohren und schaffte es auf
Nummer vier der digitalen
Charts. Die Plattenfirma sah
das Potenzial und gab Mitte
Juni die Single als CD heraus,
die seitdem ganz vorn in den
Top Ten ist.
Ja, sagt Kid Rock, 37, das gehe
doch allen so, "wenn du jung
bist und Gras rauchst und mit
Frauen spielst, jeder erinnert
sich doch, wie geil das war".
Die Authentiziät des Rock 'n' Roll verkörpern wenige so wie
der Mann, der eigentlich Robert James Ritchie heißt, aus der
Nähe der Rock-Stadt Detroit kommt und von den Beastie Boys
beeinflusst wurde. Lange Jahre galt Kid als weißes HipHop-Talent
und wurde von Plattenfirmen in dieses Genre gedrückt. Er selbst
befreite sich schließlich aus dieser Marketing-Zwangsjacke und
orientierte sich an den Klassikern des Rock 'n' Roll und deren
Helden wie Jerry Lee Lewis. Auf dem Internetportal You
Tube kann man sehen, mit welchem gegenseitigen
Respekt Lewis und Kid Rock im Studio
arbeiten. Als ihn ein Reporter nach seinem Auftritt
bei "Rock am Ring" im Juni fragte, warum er
auf der Bühne jedes Instrument auch selbst spiele,
kam die lakonische Antwort: "Weil ich es kann."
Und warum er immer die tollsten Frauen um sich
habe? "Weil ich es kann."
Politisch korrekt ist Mr. Rock nicht. Wo andere
Kerle bei Frauen noch von schönen Augen
reden oder "Ich mag ihr Lachen" säuseln, bringt
der Rocker seine Präferenzen auf den Punkt: Titten und Arsch.
Da passte es, dass er lange mit Pamela Anderson zusammen war,
die er im Sommer 2006 heiratete - und sich nach vier Monaten
wieder scheiden ließ, "weil man niemals für möglich halten würde,
wie sehr sich eine Frau verändert, sobald man sie geheiratet
hat. Ich habe Pamela schon wenige Tage nach der Hochzeit nicht
mehr wiedererkannt", war seine knappe Bilanz. Seinen überschaubaren
Herzschmerz über die Trennung besang Kid Rock
dann in einem für ihn typischen Song "One More Time": "Es
wird schwer, so einen Arsch wie deinen noch mal zu finden."
stern-Artikel aus Heft 29/2008
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