• 18.07.2008, 17:00 Uhr

Nicolas Sarkozy


Harte Strafe für die Hofsänger


 © Abbas Momani/AFP
Karriereknick nach der Unterstützung für Nicolas Sarkozy: Sänger Faudel


Von Astrid Mayer

Es hagelt Kritik und auf Konzerten sogar Wurfgeschosse. Weil sie Frankreichs Präsident Sarkozy im Wahlkampf unterstützt haben, müssen französische Musiker um ihre Karriere bangen. Die Fans fühlen sich verraten.

Dass sich für den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy nicht nur Konservative, Reiche und Alte begeistern, ist bekannt: Seine Frau ist weder das eine noch das andere, sein Außenminister ist Sozialist, und im Präsidentschaftswahlkampf wurde er von zahlreichen Künstlern unterstützt. Darunter waren auch Musiker aus den Banlieues, Rapper oder Rai-Sänger, die dafür nun von enttäuschten Fans die Quittung bekommen. Da passt es, dass First Lady Carla Bruni keine Konzerte mehr geben darf: Sarkozy bringt Musikern eben kein Glück.
Der Bruni-Sarkozy-Song
 
Faudel ("1,2,3, soleil"), Doc Gynéco ("premières consultations"), Enrico Macias: Das sind alles Musiker und Einwandererkinder, die sich von Sarkozy, dem Enkel eines ungarischen Migranten, ein Ende von Hass und Gewalt in den Ghettos erhofften. Kassiert haben sie vorerst einen heftigen Karriere-Knick, und, was Doc Gynéco betrifft, Buhrufe sowie diverse Wurfgeschosse beim letzten Konzert. Faudel wagt sich in Frankreich nicht mehr auf die Bühne: Seine Tournee in diesem Sommer findet hauptsächlich in Nordafrika statt.

Der einzige, für den sich das Singen für Sarko gelohnt hat, ist Johnny Hallyday. Der hat es auch am wenigsten nötig. Sarkozy hatte ihm die Senkung des Spitzensteuersatzes versprochen, damit er seinen Wohnsitz wieder nach Frankreich verlegen kann, und das Versprechen hat der Präsident auch gehalten. Enrico Macias hingegen, der hoffte, an der Seite des angehenden Präsident endlich mal wieder in sein Heimatland Algerien reisen zu dürfen, schaute in die Röhre: Die algerische Regierung ließ den politisch Unliebigen nicht ins Land, präsidiale Fürbitten hin oder her.

"Der erste Bulle Frankreichs"
Auch bei vielen ihren Fans sind die Sänger unten durch, und zwar gründlich. Die Begeisterung für den "ersten Bullen Frankreichs", wie Sarkozy als Innenminister genannt wurde, teilen nur die wenigsten. Der ging auf Stimmenfang mit Faudels Chanson "Mon pays", das Frankreich als Heimat unterschiedlichster Kulturen lobt. Das Lied, so der Kandidat während des Wahlkampfs, höre er immer, wenn er müde sei. Es gebe ihm so viel Energie.
 
Als Faudel bei Sarkozys Siegesfeier im vergangenen Sommer nach "Mon pays" noch das Chanson "Abdelkhader" anstimmte, eine antikoloniale Hymne, wendeten sich die letzten Fans ab: Schließlich ist Sarkozy ein Dekret zu verdanken, das besagt, die Kolonialisierung müsse fortan positiver dargestellt werden. Die algerische Regierung hatte ihn daraufhin zur persona non grata erklärt.

Faudel hofft jetzt, wie er kürzlich sagte, für diesen Fehltritt und für sein Outing als Rechter teuer genug bezahlt zu haben. Er hat sich, ebenso wie Doc Gynéco, mittlerweile in einer Autobiographie gerechtfertigt. Die von Faudel liest sich wie ein Hohn auf die "offizielle" Lesart seiner Karriere als Beispiel für Erfolg und Integration ins Einwanderungsland. Nach dem großen Erfolg seines ersten Albums ist Faudel nämlich tief in Depressionen und Alkoholismus gefallen - seinen letzten Selbstmordversuch unternahm vor ungefähr einem Jahr, nicht lange nach Sarkozys Wahlsieg.
 

 © Philippe Wojazer/REUTERS
Falsche Freunde: Sarkozy, Enrico Macias und Carla Bruni

Gewaltverherrlichend
Politischen Instinkt zeigt keines der beiden Bücher, wobei das von Doc Gynéco eindeutig das Peinlichere ist. Der Musiker gehörte einst zur Entourage der Kerngruppe des französischen Rap, Ministère A.M.E.R. Nach Unruhen in den Banlieues hatte der damalige konservative Innenminister Charles Pasqua versucht, mehrere Songs der Gruppe als gewaltverherrlichend auf den Index setzen zu lassen. Was meint der Doc bloß, wenn er sagt, Sarkozy habe die Banlieue-Jugend schon richtig verstanden, als er sie als "Gesindel" bezeichnete, weil sie sich selbst so sehe? Und es war Sarkozy, der sie "Abschaum" nannte, den man von den Straßen "kärchern" müsse.

Wer solche Freunde habe, brauche keine Feinde mehr, hieß es nach Erscheinen von Doc Gynécos Buch im vergangenen Frühjahr. Nun wird die Schriftstellerin Christine Angot in die Bresche springen, um ihren Freund den Musiker zu retten: In ihrem Roman, der im kommenden Herbst erscheint, wird Doc Gynéco als Opfer einer rassistischen Öffentlichkeit dargestellt. Vielleicht schenken ihm ja die ehemaligen Fans - viele von ihnen Schwarze oder Maghrebiner - in einem Elan der Solidarität wieder ihre Gunst.
 


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