• 02.12.2008, 16:22 Uhr

Schäfer Heinrich aus "Bauer sucht Frau"

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Alleine unter Wölfen

Schäfer Heinrich aus \
 © Daniel Müller
Fremdbestimmt: Heinrich Gersmeier, 41. Es war nie sein Traum. Trotzdem ist der Schäfer jetzt ein "Star" - mit Bodyguards, Plattenvertrag und eigenen Fanartikeln

Von Katharina Miklis, Völlinghausen

Eigentlich suchte Schäfer Heinrich nur eine Frau. Das Problem: Neun Millionen Menschen schauten ihm dabei zu. Jetzt ist der "singende Schäfer" aus "Bauer sucht Frau" eine Art Star - und kommt damit überhaupt nicht klar. Denn er ist in einer Welt gelandet, die ihm völlig fremd ist. Besuch bei einem überforderten "Superstar".

Das Pendel schlägt nach links aus. "Siehste, die bescheißen dich. Musst vorsichtig sein mit denen vom RTL." Heinrich-Fan Anna hat sich in Rage gependelt. Sie ist eigens aus dem hessischen Korbach angereist, um dem Schäfer seine Zukunft vorauszusagen. Anna redet genauso schnell wie sie pendelt. Und weiß über alles Bescheid: Frauen, Zukunft und die bösen Machenschaften von RTL. Jede Menge dubioser Fragen werden an Heinrichs Küchentisch beantwortet, absurde Verschwörungstheorien entworfen. Heinrich weiß nicht, was er davon halten soll. Er versteht im Moment so einiges nicht, was um ihn herum passiert. Anna ist nur eine von vielen seltsamen Gestalten, die seit einigen Wochen auf seinem Hof auftauchen. Und alle wollen etwas. Ein Autogramm, ein Foto, einen Auftritt im Getränkemarkt. Auch Anna erhebt Ansprüche: "Dann singste uns aber gleich auch was Schönes, ne?"

 

Aus dem Nichts zum Superstar
Heinrich Gersmeier ist 41 und einem Millionenpublikum vor dem Fernseher als "singender Schäfer" bekannt. Er ist der Quotenbringer der RTL-Doku-Soap "Bauer sucht Frau", die 2005 nach dem britischen Vorbild "The Farmer Wants A Wife" erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen war. Mittlerweile läuft die vierte Staffel der Verkupplungsshow, die von Schlagersängerin Inka Bause moderiert wird. Nie war die Sendung so erfolgreich wie jetzt. Bis zu 8,6 Millionen Zuschauer gucken montagabends zu, wenn Heinrich und die anderen flirtresistenten Landwirte unbeholfen auf Frauen losgehen - Rekord. "Bauer sucht Frau" erreicht somit mehr Menschen als Günther Jauchs "Wer wird Millionär" oder die "Tagesschau".

 

Heinrich Gersmeier hatte noch nie eine Freundin. Es fällt ihm schwer, sich klar auszudrücken. Singen kann er auch nicht. Aus dem Nichts ist der Schäfer dennoch zum Star geworden - ein Phänomen, wie es das Privatfernsehen zwar schon häufiger geschaffen hat. Aber Zlatko und Daniel Küblböck waren mit dem Promi-Dasein nicht so überfordert wie der linkische Landwirt. Sie waren wie geschaffen fürs Trash-TV - der Bauer dagegen kommt aus einer anderen Welt. Angelina Jolie kennt er nicht, Internet hat er nicht. Busladungen voll Fans aus allen Teilen der Republik überfallen am Wochenende seinen Hof. Von einer Frau hat Heinrich immer geträumt. Davon, dass er einmal Fans haben wird, nicht. Er wird mit seinem "Schäferlied", das gerade auf CD erschienen ist, von Dorfdisco zu Dorfdisco gereicht. Wenn er auftritt, fliegen BHs. Laut Media Control Single Charts ist seine Schäfersingle in dieser Woche bester Neueinsteiger - neben Madonna! Am Wochenende durfte er bei Bohlens "Supertalent" singen, kommenden Freitag tritt er bei der Teenie-Massen-Pop-Veranstaltung "The Dome" auf. Sogar vom Grand Prix ist schon die Rede.

Reisebusse voller Fans belagern Heinrichs Hof
Was steckt hinter dem Phänomen Heinrich? Antworten findet man in Völlinghausen, einem Dorf am Rande des Sauerlandes, das RTL den Zuschauern von "Bauer sucht Frau" als schöne, heile Welt verkauft. Eine Welt, in der die Ferkel zartrosa, der Himmel hellblau und die Felder golden strahlen und zwischen traditioneller Landwirtschaft und romantischer Bauernidylle genügend Platz für die zarten Entwicklungen der Liebe bleibt. Doch die Realität sieht anders aus.

 
Schäfer Heinrich aus \
 © Daniel Müller
Fanarbeit: Plötzlich muss Heinrich überall wo er auftaucht Autogramme geben - selbst beim Schafe hüten

Von goldenen Feldern und saftigen Wiesen ist in Völlinghausen nichts mehr zu sehen. Jetzt im November ist alles grau. Der Regen prasselt auf die hölzerne Bushaltestelle, die Millionen aus dem Fernsehen kennen: Hier holte der Bauer "seine" Anja mit einem kleinen Bollerwagen und großen Erwartungen auf seinen Hof ab. Anja war eine der Frauen, die sich bei RTL beworben hatten, um Bauer Heinrich kennenzulernen. Beim Scheunenfest zu Beginn der Staffel entschied er sich für die 34-jährige pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin.

Mittlerweile sind nicht nur die Kamerateams verschwunden. Auch Anja ist gegangen. Nur ihre zwei Kinder, Chantal und Cedric, waren in den Herbstferien fünf Wochen lang da. Dafür sind viele andere Menschen gekommen. "Heute haben Sie Glück", sagt der Taxifahrer. Kürzlich kam man hier nicht durch. Zwei Reisebusse mit Fans aus Thüringen waren gekommen, um Heinrich zu sehen. Man musste die Polizei rufen, um die Straße zu räumen. "Das ist doch nicht normal. Es ist doch nur unser Heinz!". In Völlinghausen wohnen 811 Menschen. Jeder kennt den Bauern. Viele schon von Kindesalter an. Jetzt mache man sich Sorgen, klagt nicht nur der Taxifahrer. Zu gutgläubig sei er, der Heinrich. Schon immer gewesen. "Meinen Sie, dem Sender geht es um den Menschen Heinrich?", schimpft der Fahrer. "Die da oben hören jetzt doch nur die Kassen klingeln. Traurig ist das ..."

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich andere am "Hype Heinrich" berreichern - und was für ihn übrig bleibt

 


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