Um tatsächlich an die begehrte Spezies der Jungwähler heranzukommen, ziehen die Wahlkämpfer aus auf die virtuellen Marktplätze, und die heißen heute nun mal Facebook, MeinVZ/StudiVZ oder Wer-kennt-wen.de. Dort erfährt man, dass Guido Westerwelle gern "Pipi Langstrumpf" liest, "Türkisch für Anfänger" die Lieblingsserie von Frank-Walter Steinmeier ist und Claudia Roth "junge, wilde Kunst" mag. Den meisten Usern ist das völlig egal. Die einzige, die derzeit in größerem Umfang "Befürworter" in den sozialen Netzwerken sammelt, ist Angela Merkel als Einzelperson. Die kommt beispielsweise bei StudiVZ/MeinVZ auf fast 70.000 Unterstützer - liegt damit aber dennoch weit abgeschlagen hinter einer Kunstfigur wie Horst Schlämmer mit mehr als 141.000 Menschen, "die ihn gut finden".
Das mangelnde Interesse könnte auch mit einer gewissen Einfallslosigkeit zusammenhängen, mit der die meisten Politiker-Profile betrieben werden. Die Inhalte in den Statusmeldungen bestehen meist aus Ankündigungen von Wahlkampfveranstaltungen, hier und da mal einem Linktipp. Ansonsten Videos noch und nöcher: Wahlwerbespots, Wahlkampfreden, Wahlkampfinterviews. Für nahezu alle dieser Plattformen gilt aber: Offene Diskussionen finden in der Regel nur unter den Usern selbst statt - nicht aber mit Moderatoren der Wahlkampfteams geschweige denn mit den Spitzenpolitikern selbst.
"Anders als beim Präsidentschaftswahlkampf in den USA hat in Deutschland das Internet das Fernsehen noch nicht als Leitmedium der politischen Kommunikation abgelöst", sagt Online-Experte Bieber. "Häufig setzten die Parteien auf traditionelle Inhalte wie Videos und versuchen, das Netz eher als Vertriebskanal denn als Kommunikationsmedium zu nutzen." Trotz einiger guter Ansätze betrachtet er den Wahlkampf im Netz eher als eine Art Trainingsdurchlauf: "Die etablierten Parteien haben ihre Webstrategie noch nicht gefunden. Sie können sich da einiges von der Piratenpartei abschauen, die es mit einer eher schlicht gestalteten Website schafft, viele Menschen zu mobilisieren und Inhalte in hohem Maße kollaborativ zu erarbeiten."
Auch die Bundeskanzlerin kann noch ein bisschen Web 2.0 üben: Obwohl die erste Folge von "Frag Angie" auf Youtube kaum mehr ein paar Tausend Aufrufe erzielen konnte, wurden die User weiter aufgefordert, Fragen einzuschicken. In der Top 10 finden sich derzeit neben einigen Kuscheleien ("Woher nehmen Sie die Kraft, in Ihrer Position mit all der Verantwortung, die dazu gehört, so bravourös standzuhalten, solch eine starke Persönlichkeit zu sein?") finden sich durchaus spannende Fragen, etwa über die Verlängerung von Restlaufzeiten der Atomkraftwerke und den Umgang mit straffällig gewordenen Ausländern. Das könnte man bei CDU TV 2.0 und den anderen Parteienangeboten durchaus mal als Anregung verstehen: Einfach mal mehr Offenheit und Streitlust wagen.