Sind Nichtwähler einfach zu bequem, um am Sonntag ins Wahllokal zu gehen? Verstehen sie nichts von Politik? Expertin Kerstin Plehwe beschreibt im stern.de-Interview den Typus Nichtwähler - und erklärt, warum Obama in den USA so viele von ihnen zu Wählern gemacht hat.

Protest: Ein Wahlplakat im Spreewald Brandenbrug© Michael Urban/ddp
Das hat viele Gründe. Jedem Menschen steht heute ein riesiges Angebot zur Verfügung, wie er seine Zeit verbringen und was er konsumieren kann, letztlich: wofür er sich täglich entscheiden muss. Am stärksten lässt sich das anhand der Medien verdeutlichen. Wer erschöpft von Arbeit und Familienalltag ist, schaltet heute nicht unbedingt die politische Talkshow ein oder greift zum Leitartikel in der Tageszeitung, sofern die überhaupt noch abonniert ist. Sondern er entscheidet sich im Zweifel für ein Unterhaltungsprogramm.
Viele Wähler werden nach und nach der Politik entfremdet. Sie kennen das Regierungspersonal nicht, verfolgen keine Debatten um Steuern, Bildung oder die Finanzkrise, wissen schon gar nichts vom Wahlprogramm. Politisches nimmt immer weniger Raum im Leben vieler Menschen ein. Wahlen werden für sie unwichtig.
Das ist natürlich überspitzt. Aber wir beobachten: Die Wahlbeteiligung steigt immer dann, wenn Politiker und ihre Programme scharf miteinander konkurrieren, Debatten sich zuspitzen, wenn polarisiert wird. Es geht aber nicht bloß um einen Showeffekt - Wähler wünschen sich, dass Tacheles geredet wird. Sie möchten die Parteien unterscheiden können. Das steht oft im Widerspruch zur Taktik der Funktionäre, die klare Worte vermeiden, auch im Hinblick auf etwaige spätere Koalitionen. Das nehmen Wähler übel.
Ja, in der Tat. Barack Obama hat besonders die Jung- und Erstwähler für sich gewinnen können. Seine Kampagne war allerdings von Anfang an darauf ausgerichtet, direkt, persönlich und lebensnah mit den Wählern zu kommunizieren. Es kommt hinzu, dass sich in Deutschland seit Jahrzehnten Milieus und Bindungen auflösen, die früher bestimmten Parteien zugeordnet werden konnten, zum Beispiel die Zugehörigkeit zu Kirchen oder Gewerkschaften. Ein hochqualifizierter Großstadtsingle, der für seinen Job von Stadt zu Stadt zieht, interessiert sich nicht zwingend für die Oberbürgermeisterwahl. Darin liegt eine Gefahr, die Politiker erkennen müssen. Obama wiederum hat es vermocht, viele dieser neuen Ungebundenen für seine politische Vision zu begeistern und an sich zu binden.
Diese Kategorien sind überholt. Das es keine neuen gibt, liegt auch daran, dass in Deutschland wenig zum Thema geforscht wird. Natürlich trifft das Genannte auf einen der Teil der Nichtwähler zu. Aber in unserer Studie im Nachgang zur Hamburger Bürgerschaftswahl in 2008 haben wir ermittelt, dass Nichtwähler in allen politischen Lagern gleichermaßen zu finden sind. Und: Es gehen immer mehr bewusst nicht wählen, sie entscheiden sich, es nicht zu tun. Diese "wählenden Nichtwähler" sind gebildet, haben ihren Platz in der Gesellschaft und schätzen die Demokratie als Staatsform.
Sie haben das Vertrauen in die Politik und deren Gestaltungskraft verloren. Das ist die zentrale Aussage, die wir immer wieder hören und die sich aus den Umfrageergebnissen herauskristallisiert. Dem bewussten Nichtwählen geht dabei ein Prozess des Nachdenkens voraus, die Verweigerung der Stimme wird meist als Ultima Ratio angesehen. Das ist bedenklich für die Politik. Denn diese Enttäuschten wieder zu gewinnen, ist schwer.
Wähler möchten, dass ihre Lebenswelt wahrgenommen wird. Das heißt, sie schauen, ob die Parteien glaubwürdig etwas anbieten, was ihren Alltag, den Beruf, das Familienleben betrifft. Was gar nicht zieht, sind allgemeine Slogans, wie "Partei der Mitte" oder "Für soziale Gerechtigkeit". Damit erreicht man in unserer individualisierten Gesellschaft niemanden mehr.
Das wissen die Wähler, niemand erwartet, dass ihm eine Partei zu 100 Prozent zusagt. Die Menschen sind viel schlauer, als die Parteien gemeinhin unterstellen. Enorm wichtig sind die Glaubwürdigkeit der Argumente, Programme - und vor allem des Personals. Gebrochene Wahlversprechen nur um des Machterhalts willen haben das Vertrauen nachhaltig zerstört. Dadurch ist diese Grundstimmung entstanden: Es ändert sich eh' nichts.
Vor allen Dingen sollten sie direkt angesprochen werden und die Möglichkeit haben zu reagieren! In einer Kampagne zur Landtagswahl in Bayern haben wir es als überparteiliche Initiative erreicht, dass in jenen Wahlbezirken, in denen wir Wähler direkt zur Wahl aufgerufen hatten, die Beteiligung um 18 Prozent höher war als im Durchschnitt.
Genau. Reden, überzeugen, der Kandidat muss sichtbar werden und zwar über alle Kommunikationsmittel. Jeder zweite Wähler wünscht sich einen persönlichen Dialog, genauso viele favorisieren ein Gespräch am Infostand. Die Ansprache über den guten alten Brief finden immer noch mehr Menschen attraktiv als die Wahlkampfkommunikation per E-Mail.
Das ist erstaunlich: E-Mails wollen die Deutschen nicht, nur jeder Zehnte favorisiert diese Kontaktaufnahme. Auch das Internetangebot wird sehr unterschiedlich genutzt. Bei FDP-Anhängern sind es 40 Prozent, die sich über diesen Kanal politisch informieren. Bei der SPD und unter Nichtwählern ist es dagegen nur jeder vierte.
Die Wahlrechtsreform spielt eine untergeordnete Rolle. Den Volksentscheid wünschen sich schon mehr. Allerdings gilt auch hier: Wähler wollen konkret darüber informiert werden, was eine Partei will und warum und was sie von den anderen unterscheidet. Das geht vor allem über den Dialog.
Interview: Dorit Kowitz
Kerstin Plehwe Die Kommunikationsberaterin und Sachbuchautorin Kerstin Plehwe, 41, ist Vorsitzende der Berliner "Initiative Pro Dialog" - eine überparteiliche Institution, die den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft fördern will. Sie wird von der Deutschen Post unterstützt. Von Plehwe erschien zuletzt "Von der Botschaft zur Bewegung - Die 10 Erfolgsstrategien des Barack Obama"
Wählen? Nein Danke! Eine große Reportage über Nichtwähler lesen Sie im ab Seite 53 im aktuellen stern
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