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21. Mai 2009, 20:22 Uhr

Gesine Schwan im Bundesvision-Contest

Bei der Wahl des Bundespräsidenten geht es nicht nur darum, welche Partei profitiert, sondern auch um die schlichte Frage: Wer kann es besser? Gesine Schwan oder Horst Köhler? Porträt der SPD-Kandidatin unter Wettbewerbsbedingungen. Von Lutz Kinkel

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"Lustig, aber nicht weiterführend": SPD-Kandidatin Gesine Schwan© Axel Schmidt/ddp

Willkommen beim Bundesvision Präsidenten-Contest. Hier die Wertungen der Jury!

Intellektuelle Potenz:
Klarer Vorteil Gesine Schwan.
Begründung: Sie ist Professorin, das Denken ihr Beruf.
Einstimmiges Votum.

Freie Rede:
Klarer Vorteil Schwan.
Begründung: Sie braucht kein Manuskript.
Einstimmiges Votum.

Distanz zur und Verständnis für die Politik
Vorteil Schwan.
Begründung: Sie steht im Gegensatz zum Karrierebeamten Köhler seit Kindheit im politischen Saft.
Das Votum der Jury fiel mit 7:3.

Außenpolitische Kompetenz:
Leichter Vorteil Schwan.
Begründung: Europapolitik ist einer ihrer langjährigen Arbeitsschwerpunkte.
Die Jury entschied mit 6:4 Stimmen.

Wirtschaftskompetenz:
Vorteil Horst Köhler
Begründung: Ex-IWF-Direktor Köhler kennt das Monster Finanzmarkt.
Die Jury votierte mit 8:2 Stimmen.

Volksnähe:
Klarer Vorteil Köhler.
Begründung: Mit Horst Köhler will man Currywurst essen, das belegen die Umfragen.
Einstimmiges Votum.

Nach bisherigem Punktestand hat Gesine Schwan die Nase vorn. Und nun eine kurze Unterbrechung.

Die Sache mit Franziska Drohsel

Mittwochnachmittag, SPD-Parteizentrale in Berlin, Dachterrasse. Thymian Bussemer, 36, Typ Dichter und Denker, sitzt im Anzug in der Sonne und raucht. "Sie ist null populistisch, sie ist kein Kumpeltyp, sie hat durchaus etwas Kapriziöses", sagt er. Natürlich habe er auch Meinungsverschiedenheiten mit seiner Chefin. Aber nie persönlichen Streit. Das wäre auch schlecht fürs Arbeitsklima: Bussemer ist Gesine Schwans Vertrauter, der Kopf hinter ihrer Kampagne für die Wahl des Bundespräsidenten. An diesem Freitag feiert sie ihren 66. Geburtstag, am Samstag ist D-Day, dann tritt die Bundesversammlung im Reichstag zusammen. Köhler oder Schwan.

Gesine Schwan lebt ihre unkumpelhafte Art mit einer gewissen Lust aus. Am Montag zelebriert die SPD in der Parteizentrale eine kleine Feier zum 60ten Jahrestag des Grundgesetzes. Es spricht auch Franziska Drohsel, die Vorsitzende der Jusos. Sie diskutiert den Gedanken, dass das Grundgesetz alle möglichen Gesellschaftsformen zulässt, auch solche, die das Recht auf Privateigentum aufheben. Drohsel zitiert Jean Jacques Rousseau, sie glüht vor linkem Eifer, die Krise macht's möglich. Gesine Schwan, eine konservative Sozialdemokratin mit Brosche am Revers, hört zu, wie Eltern ihren pubertären Kindern zuhören, wenn sie plötzlich allein in den Urlaub fahren wollen. Dann tritt sie ans Mikrophon und sagt Drohsel, dass sie sich in diesem Zusammenhang nicht auf Rousseau berufen sollte. Sondern auf John Locke. Also rein ideengeschichtlich betrachtet. Drohsel hört zu. Und Schwan lächelt.

Schwan auf dem "Egotrip"?

Die intellektuelle Schärfe, das Dozierende, Hinweisende, mitunter auch Zurechtweisende, hat Schwan einigen Missmut eingetragen. Aber auch Respekt. Dass sie vor Parteifreunden nicht Halt macht, gefällt den Genossen weniger als dem Publikum. Im Februar, bei einer Matinée in den Hamburger Kammerspielen, watscht sie Moderator Michael Naumann ab, ehemals SPD-Kandidat für das Amt des Hamburger Bürgermeisters, nun wieder Herausgeber der "Zeit". Naumann hatte, als beim Thema Religion das Wort Mythos fiel, wie ein Klassenstreber angemerkt, dass der Begriff auch mit "Lüge" übersetzt werden könne. Schwan sagt: "Das ist lustig, aber hier nicht weiterführend" und macht weiter im Text. Dann hört auch Naumann wieder zu.

Eine akademische Überfliegerin in Schloss Bellevue? Warum nicht. Es ist die vornehmste Aufgabe des Bundespräsidenten, bei gesellschaftlichen Debatten den Taktstock zu schwingen. Gesine Schwan, nebenbei auch erprobte Hausmusikerin, könnte dies wohl besser als Amtsinhaber Horst Köhler, 66. Gleichwohl (oder gerade deswegen) ist Köhler ungleich beliebter als Schwan. Könnten die Deutschen den Bundespräsidenten direkt wählen, würden sich nach der aktuellen Forsa-Umfrage 69 Prozent für Köhler entscheiden. Nur 15 Prozent votieren für Schwan. Die Ergebnisse anderer Umfrageinstitute unterscheiden sich nur unwesentlich. Aber weshalb? Ist der Bundespräsident so beliebt, weil ein Bundespräsident immer beliebt ist? Hat es etwas mit dem Hang nach Sicherheiten zu tun, der in der Krise naturgemäß stärker hervortritt und die Assoziation Köhler=Normalität, Schwan=Abenteuer hervorruft? Forsa-Chef Güllner hat eine Erklärung. Er sagt, die Menschen würden spüren, dass Schwan auf dem "Egotrip" sei, und nähmen ihr dies übel.

Ein Gespräch im Supermarkt

Thymian Bussemer kennt das Argument, es löst sich auch nach der dritten Zigarette nicht in Luft auf. Er antwortet, wie es Gesine Schwan in diversen Interviews getan hat, aber in deutlicheren Worten: "In dem Moment, wo Frauen Machtwillen zeigen, gibt es was auf den Deckel." Das schwang, alle Spezifika herausgerechnet, schon bei Andrea Ypsilanti in Hessen mit. Nun hat Gesine Schwan das Problem an der Backe. Sie will Bundespräsidentin werden und sagt das auch. Hieße sie Horst Schwan, würde dies als löblicher Ehrgeiz gelten. Eine Gesine macht sich suspekt, auch deshalb, weil sie ihren Willen nicht wie Angela Merkel in geräumigen Blazern versteckt. Schwan hat 200 öffentliche Auftritte und 140 Interviews absolviert, um die Menschen trotzdem für sich einzunehmen. Vergebens. Übrig bleibt eine Anekdote, die sie gelegentlich erzählt hat. Sie sei von einer älteren Dame im Supermarkt angesprochen worden, ob sie die Schwester von Gesine Schwan sei. Diese Gesine Schwan, fuhr die alte Dame fort, sei ja so machthungrig! Schwan sagte: "Vorsicht! Ich bin die andere." Als die alte Dame die Verwechslung begriffen hatte, sagte sie erstaunt: "Sie sind aber sympathisch. Dann muss man sie wählen."

Natürlich hatte die gescheiterte Imagewerbung in eigener Sache auch ein politisches Ziel. Die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung sind knapp, es ist entscheidend, wie Abweichler, Unentschlossene und heimliche Protestwähler reagieren. Die Wackelkandidaten im sozialdemokratischen Lager, die mit Köhler liebäugeln, hat Schwan in Vier-Augen-Gesprächen eingenordet. Die Linkspartei, deren Stimmen sie braucht, hat sie ebenfalls bespielt, von Gregor Gysi bis zu den Landtagsfraktionen. Dort sei sie feindselig empfangen, aber freundlich entlassen worden, sagt Schwan. Geholfen hat ihr, der erklärten Antikommunistin, dass sie über Karl Marx fachkundiger diskutieren kann als mancher Freizeitrevoluzzer. Doch reicht das alles? Natürlich hätte sie noch ein paar Unentschlossene mehr umdrehen können, wenn die das Gefühl hätten, Volkes Wille zu vollstrecken. Aber das geben die Umfragen nicht her.

Die Wiederentdeckung

Immerhin: Die SPD, die mit Schwan seit Jahrzehnten ein On-Off-Verhältnis pflegt, ist nun angeblich wild entschlossen, ihre eigene Kandidatin zu wählen. Peter Struck, Fraktionschef im Bundestag, beteuerte jüngst, sie könne auf alle 222 Stimmen der Abgeordneten zählen. Selbstverständlich ist das nicht. Kanzler Gerhard Schröder hatte Schwan 2004 erstmals dazu aufgefordert, für die SPD anzutreten - im Rückblick sei das ein "Spaziergang" gewesen, sagt Bussemer seufzend. Die aktuelle Situation ist für Schwan ungleich härter, denn nicht alles, was Tage vor der Wahl wie Geschlossenheit und Solidarität aussieht, ist es auch. Ursächlich dafür war ein legendäres SPD-Spitzentreffen in Potsdam am 17. Mai 2008.

Eigentlich wollten sie keine eigene Kandidatin. Weder der damalige Parteichef Kurt Beck, noch Fraktionschef Peter Struck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück. Doch tief im Bauch der Partei grummelte etwas: Wie jetzt, die stolze SPD soll einen Unionsmann mitwählen? Einen Terminator des geheiligten Mindeslohns? Der ehemalige Parteivorsitzende Hans Jochen Vogel sprach als Erster mit Schwan, ob sie möglicherweise noch mal antreten würde. Der Innenexperte Sebastian Edathy meldete sich. Dann entdeckte auch Parteivize Andrea Nahles Gesine Schwan aufs Neue und die Sache kam in Bewegung. Schwan schob im Hintergrund kräftig mit und drückte auf der Klausursitzung in Potsdam die Becks und Steinbrücks an die Wand. Dort standen sie und kauten auf ihrem Dilemma herum.

Das Dilemma der Kandidatur

Keinen eigenen Kandidaten aufstellen? Geht vielleicht doch nicht. Auch weil Struck nicht garantieren konnte, dass seine Fraktion geschlossen Köhler wählen würde. Gesine Schwan aufstellen? Dann bräuchte man die Stimmen der Linken und hätte sofort eine Rote-Socken-Kampagne am Hals. Schwan aufstellen und verlieren lassen? Das würde den Kanzlerkandidaten im Superwahljahr 2009 beschädigen. Beck entschied sich schließlich, Schwan ins Rennen zu schicken - mit allen Risiken und Nebenwirkungen, die das für die Partei bedeutet. Und weil diese nach wie vor gefürchtet sind, hat sich die SPD-Führungsspitze bei der Kampagne für Schwan auffällig zurückgehalten. Schwan hat das verletzt, sie kann barsch reagieren, wenn sie zu lange mit Fragen zu dieser vertrackten Liaison gelöchert wird. Und sie strahlt, wenn Franz Müntefering sie mit den Worten "Herzlich willkommen in unserer Mitte" begrüßt. Das war auf dem Festakt für das Grundgesetz im Willy-Brandt-Haus. Am Montag, fünf Tage vor der Wahl.

Es gibt für Schwan ein Geländer, das über die Bundespräsidentenwahl am Samstag hinaus ragt. Es ist nicht nur die mit viel Liebe gepflegte Familie, sie ist in zweiter Ehe mit Peter Eigen verheiratet, dem Gründer von Transparency International. Es ist nicht nur ihr christlicher Glaube, zu dem sie sich offensiv bekennt. Es ist ihr Job an der Viadrina School of Governance, über den sie sich, falls es nicht klappt, politisch weiter einmischen will. Wie die alte Tante SPD nach der Wahl in die nächste Wahl klappert, ist eine andere Frage.

Hallo, hier noch mal Bundesvision Präsidenten-Contest. Eine letzte Wertung der Jury!

Politische Begleitumstände:
Megavorteil Horst Köhler.
Das Votum war einstimmig.

Abstimmung

Wen würden Sie in das Amt des Bundespräsidenten wählen?

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Von Lutz Kinkel
 
 
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