Die große Überraschung ist ausgeblieben: Die Bundesversammlung hat Horst Köhler bereits im ersten Wahlgang mit der denkbar knappsten Mehrheit wieder zum Bundespräsidenten gewählt. Köhler nahm die Wahl an, lobte Deutschlands Stärke - und wandte sich mit bewegenden Worten an seine Frau. Für Irritationen hatte zuvor gesorgt, dass er sehr lange auf sich warten ließ.

Wiedergewählt: Bundespräsident Horst Köhler ist auf Anhieb in seinem Amt bestätigt worden© Marcus Brandt/DPA
Es war schon kurios. Da ist der Plenarsaal des Bundestags rappelvoll mit den Delegierten der Bundesversammlung, die Stimmen des ersten Wahlgangs sind ausgezählt, alle warten gespannt auf die Verkündung des Ergebnisses - und dann lässt Horst Köhler alle warten. Wie ein Hotelpage steht Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU), der doch eigentlich drinnen das Ergebnis verlesen soll, vor dem Ostportal des Reichstags und wartet auf den amtierenden Bundespräsidenten, den Kandidaten Horst Köhler. Er wartet und wartet, nestelt an seinem Mobiltelefon herum - und wartet.
Möglicherweise hatte Horst Köhler zu diesem Zeitpunkt schon erfahren, dass er nicht nur der alte, sondern auch der neue Bundespräsident sein würde. Und möglicherweise genoss er es, alle warten zu lassen, seinen Sieg auszukosten, Macht zu demonstrieren. Wie auch immer: Ein paar Minuten, nachdem Köhler dann endlich eingetroffen ist, nachdem dessen Wiederwahl verkündet ist, sagt Lammert, die Verzögerung habe sich ergeben, weil man habe sichergehen wollen, dass das Wahlergebnis auch stimme. "Sie werden einsehen, dass hier ganz besondere Sorgfalt walten musste", sagt Lammert.
Denn zwar ist Köhler am Samstag in Berlin schon im ersten Wahlgang erneut gewählt worden. Allerdings mit der denkbar knappsten Mehrheit von 613 Stimmen, die für die absolute Mehrheit erforderlich sind. Das Ergebnis verkündete Lammert um kurz nach halb drei Uhr. Nach lang anhaltendem Applaus der Delegierten nahm Köhler die Wahl offiziell an.
Auf Gesine Schwan, die Kandidatin der SPD, entfielen 503 Stimmen, auf Peter Sodann, den Kandidaten der Linkspartei, 91 Stimmen, auf den Rechtsextremisten Frank Rennicke vier Stimmen. Zwei Stimmen waren ungültig, es gab zehn Enthaltungen
In einer kurzen Ansprache nach der Annahme der Wahl bedankte sich Köhler bei allen, die ihn gewählt hatten - und sagte, dass er an Deutschlands Stärke in der Krise glaube. "Unser Land steht mitten in einer Krise, die die ganze Welt erfasst hat", sagte Köhler. "Wir haben viel Arbeit vor uns, aber wir werden es schaffen. Dieses Land ist stark." Auf den Gebieten Arbeit, Bildung und Integration müsse Deutschland vorankommen, sagte Köhler. "Wir wollen uns für eine menschliche Globalisierung einsetzen", sagte er. "Helfen wir auch mit, Antworten auf die globale soziale Frage zu finden. Wir können dazu beitragen, dass mehr Gerechtigkeit in die Welt kommt."
Am Ende seiner Ansprache gestattete sich Köhler eine persönliche Bemerkung. Er versprach, auch weiterhin sein Bestes für das Amt zu geben - und wandte sich anschließend direkt an seine Ehefrau Eva-Luise, die auf der Besuchertribüne des Plenarsaals des Bundestags saß: "Und dir, Eva, möchte ich Danke sagen. Jede Stunde mit dir ist ein Geschenk", sagte Köhler.
Das bürgerliche Lager um Union und FDP darf die schnelle Wiederwahl Köhlers nun als Erfolg und als Zeichen der Geschlossenheit werten. Entsprechend äußersten sich die Parteichefs von CDU, CSU und FDP nach der Wahl. Sie freue sich sehr, dass Köhler bereits im ersten Wahlgang gewählt worden sei, sagte Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel. Köhler sei der Präsident, den Deutschland jetzt brauche. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte: "Das ist ein schöner Tag für die Demokratie." Einen möglichen zweiten oder gar einen dritten Wahlgang hätte man vor der Europawahl Anfang Juni und der Bundestagswahl im September als Schwäche von Bundeskanzlerin Angela Merkel auslegen können.
Für die SPD ist die Schlappe ihrer Kandidatin eine halbwegs verkraftbare Niederlage. Ein zweiter Wahlgang wäre eine Überraschung, ein Sieg Schwans gar eine faustdicke Überraschung gewesen. Ein Sieg Schwans hätte wie ein Fanfarenstoß für eine rot-rot-grüne Koalition im Bund gewirkt - und die SPD gleichzeitig in eine Diskussion über ihren Koalitionswillen mit der Linkspartei gezwungen. SPD-Chef Franz Müntefering gratulierte Köhler. Zugleich zeigte er Respekt vor der SPD-Kandidatin Schwan: "Es bleibt ihr Verdienst, mit ihrem Engagement in den vergangenen Monaten die öffentliche Debatte vorangebracht zu haben", sagte Müntefering.
Der 2004 erstmals zum Bundespräsident gewählte Horst Köhler darf sich nun auf fünf weitere Jahre in seinem Amtssitz Schloss Bellevue in Berlin einrichten. Die zweite Amtzeit beginnt offiziell am 1. Juli 2009, sie dauert bis 2014. Köhler ist damit nach Theodor Heuss, Heinrich Lübke und Richard von Weizsäcker erst der vierte von insgesamt neun Bundespräsidenten, der für eine zweite Amtszeit gewählt wird.