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28. Juli 2009, 13:00 Uhr

"Wählen gehen ist nicht witzig"

Bye, bye Parteienstaat? Immer mehr Menschen gehen nicht zur Wahl und zeigen "denen da oben" eine lange Nase. Der TV-Produzent Friedrich Küppersbusch hat darüber ein provokantes "Don't vote"-Video gedreht, das im Netz scharf kritisiert wurde. stern.de zeigt exklusiv den zweiten Teil des Videos.

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Initiator und Produzent des "Nichtwähler"-Videos: Friedrich Küppersbusch© Thomas Rabsch/Laif

Herr Küppersbusch, wie ist das politische Befinden heute?

Ausgezeichnet. Wir haben noch zwei Monate bis zur Bundestagswahl und ich erhole mich von dem länglich erlittenen Schock, dass diese und die vorhergehenden Wahlen der Bevölkerung weitgehend am Gesäß vorbei gehen.

Hand aufs Herz, wie viele Wahlen haben Sie schon geschwänzt?

Eine oder zwei.

Und das waren Europawahlen?

Das waren Ich-hab-den-Ausweis-vergessen-Wahlen. Einmal bin ich wieder zurück und wieder hin und war um 18.15 Uhr da. Und dann durfte ich nicht mehr.

Die FDP kann auf keine Stimme von Mittelständlern wie Ihnen verzichten!

Diese Partei tut alles, um mich auf kritische Distanz zu halten. Man kann es der FDP wirklich nicht vorwerfen, dass sie sich liebedienerisch um den deutschen Mittelstand bemüht hätte.

Ist es aus Ihrer Sicht legitim, nicht wählen zu gehen?

Auf jeden Fall. Ich glaube, das kann die allseits geschmähte apolitische, desinteressierte Haltung sein oder eine sehr politische. Man kann die Erkenntnis "Die Leute gehen nicht zur Wahl" nicht reflexartig mit "Das muss an den Leuten liegen" beantworten. Das lässt außer Acht, dass es auch an der Wahl liegen könnte.

Trotzdem haben Sie, auf eigene Kosten, eine Anti-Nichtwähler-Kampagne gestartet. Warum?

Das habe ich nicht. Ich habe mit politik-digital zusammen eine Reihe von Videos finanziert, die diese Frage offen thematisieren. Mir ist wichtig, dass das, was am 27. September passiert, nicht aus Versehen passiert. Ich kann jeden gut verstehen, der sagt, es ist unglaublich, wie arrogant die Parteien über die sinkende Wahlbeteiligung hinweggehen. Würde das ein mittelständischer Betrieb mit seinen Kunden machen, wäre er morgen fertig. Deswegen muss man mal auf den Tisch schlagen.

Heute präsentieren Sie das vollständige "Don't vote"-Video mit dem dringenden Appell, wählen zu gehen. Vorab haben Sie eine gekürzte Version ins Netz geschmuggelt, in der Prominente dazu auffordern, nicht wählen zu gehen. Viele Menschen haben das ernst genommen. Ging der Marketing-Gag nach hinten los?

Nein. Diejenigen, die erschrocken sind, sind ja nicht erschrocken, weil wir einen Scherz gemacht haben - das traut man uns schon zu. Sondern weil sie denken: Man glaubt denen das ja, dass sie zum Nichtwählen auffordern. Und das dürfe man nicht sagen. Mir ist das zu katholisch gedacht, für mich sind beide Aussagen in Ordnung, die des kürzeren und die des längeren Videos. Ich will auch niemanden belehren. Die Leute sollen ihre Haltung in den Videos wiederfinden - und dann dafür streiten.

Auch die NDR-Rundfunkräte waren angeblich zunächst entsetzt, weil Tagesschau-Sprecher Jan Hofer in Teil Eins erzählte, er sei Nichtwähler. Welche Drogen haben sie ihm gegeben, damit er das sagt?

Das Studio war das Gegenteil der Tour de France dieses Jahr - also alles dopingfrei. Und ich habe von den Rundfunkräten nur gelesen, dass sie gesagt haben: Gut gemacht, Jan Hofer.

Nicht zuletzt im Netz hagelte es Kritik an dem Video. Zum Beispiel: Die Idee sei von der Obama-Kampagne geklaut.

Die Obama-Kampagne hatte nicht diese Zweiteiligkeit. Sie zielte darauf, dass sich die Wähler registrieren lassen. Das war die Konsequenz aus dem Trauma des Wahlkampfs zwischen Al Gore und George W. Bush, die Gore mit ein paar Tausend Stimmen Rückstand verloren hatte, weil vielen demokratischen Wählern die Registrierung verweigert wurde. Unsere Nummer besagt: Hey Leute, redet darüber, warum ihr nicht wählt. Für mich ist es okay, wenn Leute nicht wählen und gute Gründe dafür haben. Der Staatsbürger, der im Vollrausch irgendwas ankreuzt, ist nicht unbedingt der bessere. Und dass das Obama-Video ansonsten unser Vorbild war: ja, klar.

Eine weitere Kritik: Es gäbe nur zweitklassige Protagonisten.

Ich wollte eigentlich noch eine kleine gelbe Ecke ins Video kleben: Garantiert Veronica-Ferres-und-Till-Schweiger-frei. Also - man muss doch auch mal fragen: Wen wollen wir eigentlich erreichen? Solche Menschen wie mich, die seit 30 Jahren zur Wahl gehen, gerne mal ein nettes Fernsehspiel sehen, auch nicht wissen, wo man beim Internet die Grillkohlen nachlegt und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Nein. Wir wollen genau die Zielgruppen erreichen, die sich durch die Protagonisten angesprochen und vielleicht auch provoziert fühlen. Für manche sind Jan Hofer und Anne-Sophie Mutter bereits eine Provokation.

... schlechte Kameraführung ...

Ja, das ist eine Traditionskritik, die ich bekomme, seit ich in diesem Beruf bin. Ich wäre beleidigt, wenn sie diesmal nicht gekommen wäre.

... nicht witzig ...

Wählen gehen ist ja auch nicht witzig.

Wie wollen Sie den ersten Teil des Videos nun wieder aus der Welt schaffen?

Das ist ja das Schöne im Netz: Das kann man nicht. Und ich finde es jetzt sehr spannend zu gucken, ob die zweite Version die erste in der Verbreitung einholt.

Zur Person Friedrich Küppersbusch, 48, ... ... hört die Frage "Wann moderieren Sie wieder ein politisches Magazin?" besonders gerne - weil sie auf seinen Nachruhm als Gastgeber von "ZAK" (WDR, 1990-1996) anspielt. Inzwischen ist Küppersbusch Geschäftsführer seiner eigenen TV-Produktion "probono", die Sendungen wie "Raus aus den Schulden" (RTL) und politische Talks für n-tv produziert.

Gemeinsam mit der Internetplattform politik-digital.de hat Küppersbusch auf eigene Kosten ein virales "Don't vote"-Video produziert, das vergangene Woche für erregte Debatten im Netz gesorgt hat - nicht zuletzt auch deshalb, weil Tagesschau-Sprecher Jan Hofer sich darin als vermeintlicher "Nichtwähler" outet. Teil zwei des Videos, das stern.de exklusiv vorab präsentiert, setzt die Kampagne fort.

Küppersbusch lebt mit der Journalistin Sabine Brandi und den beiden gemeinsamen Kindern in Dortmund. Er äußert sich politisch regelmäßig in der "taz".

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