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15. September 2009, 10:09 Uhr

Merksätze statt Merkelsätze

Wer hätte das gedacht? Es ist tatsächlich noch möglich, politische TV-Diskussionen mit Informationswert zu führen. Die Oppositionsführer Westerwelle, Trittin und Lafontaine haben vorgeführt, wie das geht. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Zoom
Dreierrunde, Trittin, Westerwelle, Lafontaine, Wahlkampf

Informativer Wahl-Dreikampf (v.l.): Westerwelle (FDP), Trittin (Grüne), Lafontaine (Linke)© Herby Sachs/EPA

Welch eine lebendige Wohltat! Gemessen an den reichlich nebulösen Wattewortwechseln der Kanzlerin mit ihrem Vize-Kanzler am Vortag, stürzte ins wahre politische Leben, wer sich am Montagabend in den TV-Dreikampf der Oppositionsführer Lafontaine (Linke), Westerwelle (FDP) und Trittin (Grüne) eingeschaltet hat. Merkel und Steinmeier blickten vor allem zurück auf die schiedlich friedliche Langeweile ihrer Großen Koalition. Das dunkelrot-gelbe-grüne Trio kam wie ein erfrischender Bergquell auf die Mattscheibe politikinteressierter Bürger - und sagte, was man morgen will.

Wenn TV-Runden vor Bundestagswahlen der Entscheidungsfindung der Wähler dienen sollen, wenn dadurch politische Aufklärung durch die Übermittlung politischer Standpunkte stattfinden soll, dann verschone man die politisch interessierte Republik künftig mit sogenannten "Duellen", nach denen man hinterher Groß- wie Kleinhirn nach politischen Merksätzen durchsucht, ohne vage Leerformeln zu finden.

Kampf und Austausch klarer Positionen

Das Schmuse-Duett hat nichts gebracht. Der Dreier-Tanz der kleinen Parteien hingegen war ein rundum akzeptables Kräftemessen mit Argumenten in der Sache. Linkspartei, Liberale und Grüne führten durch ihre Vertreter vor, was Wahlkampf sein sollte und was Wahlkampf ist: Kampf und Austausch von klaren Positionen und ausformulierten Inhalten. Keine Kuschelei mit leeren Phrasen, sondern Kräftemessen mit Argumenten.

Natürlich blieben die Fronten eindeutig erkennbar. Ein Westerwelle findet gewiss nicht ins Koalitionsbett mit einem Lafontaine. Ein Trittin lebt empfängnisbereit in der Mitte der drei Oppositionsparteien im Bundestag. Die Nähe des Grünen-Repräsentanten Trittin zum Linksvertreter Lafontaine in Sachen Steuerpolitik war unübersehbar. Sie wären koalitionsfähig - nicht nur in der Sache, auch sehr persönlich, wie sich am Austausch überaus wohlwollender Blickkontakte ablesen ließ. Nichts wird dagegen laufen in Sachen Steuerpolitik zwischen einem Westerwelle und einem Trittin.

Bildungsförderung statt Abwrackprämie

Es kam zustande, was Merkel und Steinmeier weit verfehlten: Die nachvollziehbar konkrete Beschreibung politischer Positionen. Etwa dann, wenn ein Westerwelle gesteht, dass er nicht begreifen wolle, weshalb auf Tafelwasser der volle Mehrwertsteuersatz lastet, auf Hundefutter aber nur sieben Prozent. Oder wenn der FDP-Chef, der ansonsten in einem Satz locker dreimal das Wort Mittelstandförderung unterbringt, eingesteht, dass heutzutage Familiengründung ein Armutsrisiko darstellt.

Die Kanzlerin hat sich im Duett mit Steinmeier zu einer offensiven Bildungspolitik bekannt. Konkret gesagt hat sie nichts. Wie sollte sie auch, nachdem sie den Bund aus diesem Politikfeld rundum hinausmanövriert hat? Wer politische Wegweisung etwa in diesem Themenbereich suchte, wurde von den Widersachern der beiden Volksparteien eindeutig bedient: Mehr Bildung zum Nulltarif. Die Abwrackprämie hätte man besser in die Bildungsförderung gesteckt. Einigkeit auch in der Opel-Frage: Wer das Geld deutscher Steuerzahler in den Autobau in Russland steckt, rettet keinen einzigen deutschen Arbeitsplatz. Und rundum händchenhaltend präsentierte man sich auch bei der von der Großen Koalition verordneten pauschalen Rente mit 67. Damit marschiere man - politisch blind - komplett an den unterschiedlichen Lebensläufen der Menschen vorbei, hieß es unisono.

Probleme, Hoffnungen und Ängste der Wähler wurden hier nicht hinter Schmuseformeln versteckt. Sie wurden offen ausgesprochen. Das war respektable Wahlentscheidungshilfe. Vielleicht denken die TV-Bosse in vier Jahren einmal darüber nach, ob es nicht Sinn macht, die Chefs aller Bundestagsparteien gemeinsam an einen Tisch zu holen. Dann müssen wir uns vielleicht auch keine Merk(el)sätze mehr anhören.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
KOMMENTARE (10 von 52)
 
boernies7012 (15.09.2009, 21:18 Uhr)
Es geht um sehr viel, diesmal...
Ich möchte, nachdem sich alle inkl. admin ausgetobt haben, noch einmal auf das Thema soziale Gerechtigkeit zurückkommen. Es ist ein Skandal, dass man über Verlustzuweisung, Ausnahmetatbestände usw. von einem Riesenbruttoeinkommen kaum oder gar keine Steuern zahlen muss. Rot-Grün wollte das ändern, das Gesetz ist damals von der schwarz-gelben Mehrheit im Bundesrat gekippt worden, weil es, laut Merkel damals, "den Standort Deutschland" gefährde. Und Kirchhof, der 2005 Finanzminister unter Merkel werden sollte, war nach seinem Vorschlag, alle Steuer-Ausnahmetatbestände abzuschaffen und im Gegenzug den Spitzensteuersatz auf 25-30% zu senken, schon vor der Wahl weg vom Fenster. Denn DIE Steuern hätten BEZAHLT werden müssen. All das sind Fakten, die jeder Wähler berücksichtigen sollte. Ledige ab 100.000?, Verheiratete ab 60.000? Bruttojahreseinkommen sollten allerdings schwarz-gelb wählen. Punkt.
thinkbest (15.09.2009, 15:46 Uhr)
@ Robbespierre: letzter Versuch
Halten Sie es für einen Kommentar, wenn Sie dem Forum mitteilen, wen Sie wählen? Don´t honk, there will be no reply.
thinkbest (15.09.2009, 15:25 Uhr)
@ Robbespierre und andere
Es wird Sie vielleicht überraschen, aber es interessiert mich überhaupt nicht, welche Partei Sie wählen. Wir sind hier in einem Diskussionsforum, nicht in einem Chatroom.
Robbespierre (15.09.2009, 15:08 Uhr)
Linke überzeugt
Ich möchte sozimod beipflichten. Auch ich werde die Linke wählen, da ich Lafontaines Position - im Gegensatz zu Hern Schütz - für Überzeugend halte. Damit mein Posting von den Admins nicht gelöscht wird, verzichte ich hier jedoch auf eine sachliche Begründung.
RockyBeach (15.09.2009, 15:05 Uhr)
@sozimod
Vielen Dank!!! Endlich wieder beim Thema. Ich bleibe bezüglich des Dreikampfs bei meiner Wertung: Alle Beteiligten haben ihre Sache sehr gut gemacht, was ich respektiere und offensichtlich haben es ja auch zumindestens Herr Westerwelle und Herr Lafontaine geschafft, ihre Wähler zu mobiliseren und zu emotionalisieren (was ich aus der lebhaften Diskussion hier im Forum schließe). Lediglich Anhänger der Grünen waren bislang hier noch nicht auszumachen. Mich würde interessieren: Wie fanden die denn den Dreikampf?
Administrator (15.09.2009, 15:02 Uhr)
@raptor-xl
Danke. Das haben wir verstanden. Dennoch dürfen wir diese Aussage so nicht verbreiten und müssen auch dieses Posting löschen.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
thinkbest (15.09.2009, 15:00 Uhr)
@ Administrator: Seit langem erhofft
Es ist in höchstem Maße anerkennenswert, dass Sie neuerdings kurz darlegen, warum Sie moderierend eingegriffen haben bzw. eingreifen mussten. Sie werden es zwar - leider - nicht schaffen, Usern wie z.B. TammiWhite (13:26 Uhr) klarzumachen, dass Begriffe wie Hartz-IV-Schmarotzer menschenverachtend sind, diese Praxis ist aber durchaus geeignet, Transparenz zu schaffen, und hebt sich damit wohltuend von anderen Foren ab.
Sozimod (15.09.2009, 14:59 Uhr)
Jetzt zum Bericht
Herr Schütz hat erkannt, dass die große Koalition höchstwahrscheinlich wieder erneuert wird. Dies wäre fatal. Ich werde die Partei DIE LINKE wählen, weil sie die sozialen Probleme in Deutschland nicht ignoriert. Aber ich würde nie eine Partei grundsätzlich verunglimpfen. Meine Kritik bezieht sich immer auf Bundesebene. Am Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten, kann man ersehen wofür wer steht. Auf Abgeordnetenwatch, sowie linksfraktion.de dürfen sie das recherchieren. Bei uns im LK Cuxhaven behaupten SPD und CDU Abgeordnete das Hartz IV Empfänger ungebildet und faul sind. Quelle:Dielinke-landhadeln.de. Ich möchte nochmal die Gelegenheit nutzen um auf die Lafontaine Veranstaltung und die Berichterstattung der Nordseezeitung zurückkommen. Es wurde behaupet nur 200 Menschen waren da. Ich habe Fotobeweise(nicht bearbeitet), es waren ca. 600 Menschen vor Ort. Hafenarbeiter, Hartz IV Empfänger mit Transparenten. Antikriegsgegner mit Transparenten, Rentner und Behinderte, Migranten, Ausländerdeutsche ect pp. Es lief alles friedlich ab und das Klientel der Partei DIE LINKE wurde sichtbar. Unterer Mittelstand, Kleinunternehmer, Rentner, Kranke, Hartz IV Empfänger, Menschen mit einem mittleren Einkommen. Woher ich diese Information habe? Ich habe mit vielen Menschen gesprochen und zugehört. Eines möchte ich noch hinzufügen:
Der Respekt der Mitmenschen sollte unser Gebot sein. Solidarisch mit allen erklären, die unserem Grundgesetz verpflichtet sind. Als demokrat muss ich auch andersdenkende respektieren.
Administrator (15.09.2009, 14:59 Uhr)
Liebe User,
wir haben die Zensur-Vorwürfe gegen uns jetzt ausreichend diskutiert. Bitte kehren Sie mit Ihren Argumenten zum Thema des Artikels zurück. Alle anderen Beiträge werden ungeachtet der Sachlichkeit ihrer Argumente gelöscht.

Vielen Dank und herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Administrator (15.09.2009, 14:55 Uhr)
@Robbespierre (15.09.2009, 14:44 Uhr)
gelöscht wegen persönlicher Angriffe der Userin. Mäßigen Sie Ihren Ton!
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