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25. September 2009, 18:15 Uhr

Die betäubende Kanzlerin

Das ganze Land ist mit Plakaten zugemerkelt. Aber keiner weiß, was die Bundeskanzlerin will. Annäherungen an eine politische Pantomimin, die partout nicht wahlkämpfen will. Von Sebastian Christ

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Portrait, Angela Merkel, Wahlkampf, Bundestagswahl, CDU, CSU, Langguth, Giegold, Brunnhuber

Angela Merkel auf Postern, Plakaten, Rollwänden, Leuchttafeln, Videobildschirmen: Die Kanzlerin ist omnipräsent© Stoyan Neno/REUTERS

Und als sie aus dem Zug steigt, ziehen sie auf Hüfthöhe ein Seil durch die Bahnhofshalle, damit die Menschen sie nicht von links und rechts bedrängen können. Doch niemand will drängeln. Niemand will applaudieren. Niemand hat irgendwelche Parolen auf den Lippen. So schreitet Angela Merkel durch den Leipziger Hauptbahnhof, beobachtet von Dutzenden fragelosen Gesichtern. Nur die Kameraleute trippeln vor ihren Füßen her, sie kommen ihr ganz nah. Als Merkel fast schon auf den Treppenstufen Richtung Ausgang ist, entschließt sich doch noch jemand, für die Kanzlerin mit hohlen Händen zu klatschen. Ein Parteimitglied. Potsch. Potsch. Potsch. Niemand reagiert. Der Mann klatscht weiter. Potsch. Potsch. Potsch. Aber sein Applaus verklingt wie das Geräusch von gegeneinander schlagenden, nassen Kokosnussschalen auf einem unendlich langen Flur.

So wie bei ihrer Tour mit dem Rheingold-Express Mitte September geht es Angela Merkel in diesem Wahlkampf oft. Die Menschen interessieren sich für sie, weil sie mal eine echte Kanzlerin sehen wollen. So wie man mal eine echte Paris Hilton oder einen echten Franz Beckenbauer sehen will. Sie recken Kamerahandys hoch und verschwinden wieder, wenn die Politprominente den Wahrnehmungsbereich des digitalen Zooms verlassen hat. Doch die Begeisterung ist in diesen Tagen so etwas wie die verlorene Schwester der Politik. Es ist ein Wahlkampf auf Morphium, in dem man bestehende Schmerzen überspielt, weil die Vorstellung an die kluge Kanzlerin so beruhigend ist. Angela Merkel verabreicht dem Land eine Betäubungsspritze. Die Kanzlerin ist auf allen CDU-Plakaten zu sehen.

"Und alle so: Yeah!"

Ihre Sätze tun niemandem weh: "Wenn sie ein Auto zulassen wollen, dann brauchen sie TÜV, dann brauchen sie Haftpflicht. Das brauchen wir für die internationalen Banken auch", lautet einer ihrer Lieblingsphrasen in diesem Wahlkampf. Bewusst lässt sie offen, welche Regeln das sein sollten. Ein anderer oft gehörter Satz ist bezeichnend für das Gefühlige ihres Wahlkampf: "Ich bin der Überzeugung, wir können nur vorne dabei sein, wenn wir Optimismus haben, wenn wir gemeinsam handeln." Sie wirbt um Vertrauen. Konkreter wird Merkel nicht. Notizen ihrer Auftritte sind völlig wertlos, man könnte sämtliche vergeblich bekritzelten Papierbögen auch genauso gut verbrennen. Satirisch bringen das die "Yeah-Flashmobs"auf den Punkt, die ihr in diesen Tagen hinterher reisen: Ob in Hamburg, Wuppertal oder Mainz, bei jedem sinnfreien Aussagesatz der Kanzlerin ist aus dem Publikum dutzendfach ein lautes Yeah zu hören.

"Es ist eine nüchterne Erkenntnis: Sie hat 2005 sogar eine Erhöhung der Mehrwertsteuer angekündigt. Das gab es noch nie", sagt ihr Biograf Gerd Langguth, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bonn. Helmut Kohl soll damals gesagt haben: "Man gewinnt keine Wahl, in dem man den Leuten schon vorher seine Folterinstrumente zeigt". Und er behielt beinahe Recht, die Union landete nur knapp vor der SPD. "Merkel glaubte, mit einem Wahlkampf der Ehrlichkeit überzeugen zu können. Das hat sie nicht geschafft. Jetzt macht sie eben einen Soft-Wahlkampf", sagt Langguth.

Die Gefahr, entlarvt zu werden

Die 55-jährige Physikerin ist für viele eine hinnehmbare Kanzlerin. Eine, mit der man sogar ab und zu lachen kann, die manchmal auch menschlich wirkt - wenn sie das will. Sie ist beliebt, weil sie nicht so überpolitisiert wirkt wie ihre Berufskollegen, die sich schon mit 20 Jahren in der Jungen Union auf Grundsatzpapiere zum dreigliedrigen Schulsystem einigen mussten. Und trotzdem setzt sie sich der Gefahr aus, als Kanzlerin der tausend möglichen Lösungswege entlarvt zu werden, die vorwärts so schnell fahren kann wie rückwärts. Beim TV-Duell war es beinahe so weit, Frank-Walter Steinmeier wirkte verbindlicher als die Amtsinhaberin. Wahrscheinlich ist dies der Hauptgrund dafür gewesen, warum nun kurz vor dem Wahlsonntag Merkels Beliebtheitskurve abknickt. Laut Forsa würden nur noch 49 Prozent bei einer Direktwahl für die CDU-Vorsitzende als Regierungschefin stimmen. Ende Juli waren es noch neun Prozent mehr.

Bei der Bundestagswahl steht auch Merkels Machtgefüge auf dem Spiel, das sie sich über Jahre aufgebaut hat. Sollte es nicht für Schwarz-Gelb reichen, hätte sie bei ihrer zweiten Bundestagswahl zum zweiten Mal ihr Wahlziel verfehlt. Sie wäre eine Kanzlerin ohne gewonnenen Wahlkampf.

Noch hat sie die CDU fest im Griff. Nur die CSU wagt es, Merkel in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Konservative Wähler mögen es nicht, wenn sich ihre Politiker in aller Öffentlichkeit zanken - Merkel macht daher einen sehr guten Job als Parteichefin. Nach neuneinhalb Jahren kennt sie sich mittlerweile auch bestens mit dem Apparat der Christdemokraten aus. "Ich habe bei ihr festgestellt: Sie ist in eine ähnliche Richtung unterwegs wie früher Helmut Kohl", sagt Georg Brunnhuber, langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg. "Sie ist sehr interessiert. Wo gibt es Streit? Wo wackelt ein Kandidat? Sie ist sehr gut vernetzt, da hat sie schnell dazu gelernt." Dementsprechend oft suche sie das Gespräch mit Kollegen der Unionsfraktion - und wenn es nur kurz im Aufzug ist. "Damit schafft sie etwas: Die Leute fühlen sich wichtig. Da können sie in ihren Heimatwahlkreis gehen und sagen, dass sie die Probleme mit der Kanzlerin persönlich besprochen haben", so Brunnhuber.

"So manchen Gockel entblößt"

Doch wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, muss ebenfalls damit rechnen, von Merkel zur Rede gestellt zu werden. In aller Öffentlichkeit. "Sie entblößt so manchen Gockel in einer Diskussion mit ein oder zwei Fragen", sagt Brunnhuber. Der Württemberger schätzt an Merkel ihre Sachlichkeit. Jede Frage werde von ihr geprüft und auf eine passende Lösung abgeklopft. "Sie geht wissenschaftlich heran - während wir, gerade in Süddeutschland, immer nur Politik über Emotion, Emotion, Emotion gelernt haben."

Ihr Erfolg macht die Parteifreunde vorsichtig: Nur hinter vorgehaltener Hand ist noch die Rede von einer Frau ohne ideologischen Kompass, die - frei nach Elisabeth Noelle-Neumann - immer darauf warte, bis sich eine Mehrheitsmeinung herausgebildet habe, und sich dieser dann anschließe. Ein ehemaliger CDU-Abgeordneter sagt im Gespräch mit stern.de: "Haben sie schon einmal miterlebt, dass Angela Merkel eine Meinung vertreten hat, die nicht von der Mehrheit des Volkes geteilt wurde? Ich nicht."

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KOMMENTARE (10 von 35)
 
Mikeorganizer (27.09.2009, 17:20 Uhr)
Es bleibt zu hoffen ...
das es sich bald ausgemerkelt hat !
lowbas (27.09.2009, 12:14 Uhr)
Kann nur hoffen,
dass die Träume von einer Schwarzgeld-Koalition platzen. Noch mehr Kapitalfeudalismus, und ein Staat der für die Unternehmen die Löhen zahlt wären die Folge. Während die Verursacher der Krise ungeschoren davon kommen.
Corazito3333 (25.09.2009, 23:53 Uhr)
Die Merkel und die Loyalitätserklärung
die Angela kann ihr Fähnchen im Wind drehen und ist so nach oben gerutscht.
Sozialistisches Gedankengut hat die nicht und sonst kann sie auch nichts, sie hat es bewiesen.
Margrit1 (25.09.2009, 23:47 Uhr)
Ändern?
na was denn? Sie will doch ncihts anderes als Kanzlerin bleiben, egal mit wem. Und hätte sie sich nicht so festgelegt, würde sie auch mit der LINKEN koalieren, schließlich sind die ihr doch am nächsten. Noch viele alte SED-Leute, das paßt doch. Schließlich war Merkel eine 100%ige DDR-Bürgerin, wenn nicht gar 150%. Was sie ja bis heute verschweigt oder sogar bestreitet.
Nein, ändern möchte sie nichts, sie will Macht und nur Macht und nur für sich.
Unser Land? Das ist ihr ziemlich egal.
Ich hoffe, ihre Zeit ist am Sonntag um
berns4000 (25.09.2009, 21:37 Uhr)
Und ausserdem
wird sich am Wahlsonntag zeigen, was das deutsche Volk wirklich will:
Die CDU/CSU wird eine gehörige Schlappe erleben. Einen Absturz wie noch nie.
Das üble kommt dann, wenn die SPD wieder, wie 2005, trotz linker Mehrheit, dafür sorgt, dass die bürgerlichen Sozialabbauer und Kriegsbefürworter wieder an die Regierung kommen.
Die Frage ist auch, wie lange sich die Mehrheit der Deutschen - und die ist links - das noch gefallen lässt.
Da braucht man kein Weissager zu sein, wenn man prophezeit, dass in wenigen Jahren die lInkspartei so stark werden wird, dass sowohl CDU/CSU als auch SPD dagegen Zwerge sein werden.
Das heißt, die lInkspartei wird in der Lage sein, alleine zu regieren. Darauf hoffen Millionen Menschen, im Osten wie im Westen!
Johann58 (25.09.2009, 17:00 Uhr)
Bashing
ueber Monate hinweg hat der Stern die SPD niedergemacht, keinen konservativen hat es aufgeregt im Gegenteil, in der Erfindung von Kosenamen wie 20%Meier usw. waren die schwarzwaehler ganz besonders kreativ. Neben betaeubender Kanzlerin kann man durchaus auch von betaeubter Kanzlerin reden, die absolut NULL Inhalte in ihrem Wahlkampf hat. Es ist erstaunlich zu sehen wie die CDU einen Personenkult aufbaut und von ihrer Unfaehigkeit und Ideenlosigkeit ablenkt.
hardius (25.09.2009, 16:33 Uhr)
Wer soll denn hier jetzt was versprechen?
Wahlkampf ist doch nicht Vorweihnachtszeit für die Wähler. Geschenke kann man viele versprechen, aber wenn man sie sich nicht leisten kann...
Nein, was die Bürger wissen möchten ist wie es weitergeht. Daß irgendetwas hier nach der Wahl geschehen wird ist jedem klar. Nur es sollte eine Linie erkennbar sein. Da gibt es christliche, soziale, grüne und auch freiheitliche Linien. Allesamt haben wohl ihre Berechtigung. Nur die Wähler finden kaum noch in einer Partei diese Richtungen vor. Sie befürchten, daß es nur darum geht die "Leistungsträger des Landes", sprich den Bankern und Managern, mit Geld zu bedienen.
Jede Familie hat jeden Monat ihre Verbindlichkeiten zu bedienen. Die Menschen erwarten einfach nur eine Aussage der Sicherheit.
Und die kommt nicht!
XenaWilloughby (25.09.2009, 16:32 Uhr)
@ redflower
armer redflower, vielleicht gehste mal zu den leeren Fan-Seiten der CDU, dann kriegste nicht soviel Haue hier :-D
und als Tip: nenn Dich dann besser BLACKflower - das passt besser zur Partei
Xennia (25.09.2009, 15:56 Uhr)
keine Änderung erwünscht
Ist doch klar, was Angela Merkel will: dass alles beim Alten bleibt. Die Reichen sollen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, so läuft das, seitdem sie im Amt ist und so soll, dass dem Wunsch ihrer einflussreichen Freunde, auch bleiben. Der Wahlkampf dieser Kanzlerin ist deshalb so inhaltsleer, weil sie sich für die Probleme der Bevölkerung nicht interessiert. Es geht ihr nur darum, die Pfründe der Eliten zu sichern und um ihren eigenen Machterhalt. Das ist nicht sehr vielfältig und deswegen ist der
Wahlkampf so langweilig.
bodhi-patrick (25.09.2009, 15:56 Uhr)
@nightmare_online
Nun dann scheinen Sie aber mehr ein generelles Problem mit den politischen Ansichten der Union zu haben (das ich gerne teile)... Aber ich habe mich lediglich auf den Artikel bezogen und darauf verwiesen, dass die Inhalte eines Wahlkampfes nicht nur über TV-Duelle oder andere verbale/mediale Auseinandersetzungen vermittelt werden, sondern die Ansichten der Parteien primär in Ihren Wahlprogrammen oder Regierungsbeschlüssen veröffentlicht werden!!! Wie man diese Inhalte interpretiert ist jedem selbst überlassen!!!
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