Das ganze Land ist mit Plakaten zugemerkelt. Aber keiner weiß, was die Bundeskanzlerin will. Annäherungen an eine politische Pantomimin, die partout nicht wahlkämpfen will. Von Sebastian Christ

Angela Merkel auf Postern, Plakaten, Rollwänden, Leuchttafeln, Videobildschirmen: Die Kanzlerin ist omnipräsent© Stoyan Neno/REUTERS
Und als sie aus dem Zug steigt, ziehen sie auf Hüfthöhe ein Seil durch die Bahnhofshalle, damit die Menschen sie nicht von links und rechts bedrängen können. Doch niemand will drängeln. Niemand will applaudieren. Niemand hat irgendwelche Parolen auf den Lippen. So schreitet Angela Merkel durch den Leipziger Hauptbahnhof, beobachtet von Dutzenden fragelosen Gesichtern. Nur die Kameraleute trippeln vor ihren Füßen her, sie kommen ihr ganz nah. Als Merkel fast schon auf den Treppenstufen Richtung Ausgang ist, entschließt sich doch noch jemand, für die Kanzlerin mit hohlen Händen zu klatschen. Ein Parteimitglied. Potsch. Potsch. Potsch. Niemand reagiert. Der Mann klatscht weiter. Potsch. Potsch. Potsch. Aber sein Applaus verklingt wie das Geräusch von gegeneinander schlagenden, nassen Kokosnussschalen auf einem unendlich langen Flur.
So wie bei ihrer Tour mit dem Rheingold-Express Mitte September geht es Angela Merkel in diesem Wahlkampf oft. Die Menschen interessieren sich für sie, weil sie mal eine echte Kanzlerin sehen wollen. So wie man mal eine echte Paris Hilton oder einen echten Franz Beckenbauer sehen will. Sie recken Kamerahandys hoch und verschwinden wieder, wenn die Politprominente den Wahrnehmungsbereich des digitalen Zooms verlassen hat. Doch die Begeisterung ist in diesen Tagen so etwas wie die verlorene Schwester der Politik. Es ist ein Wahlkampf auf Morphium, in dem man bestehende Schmerzen überspielt, weil die Vorstellung an die kluge Kanzlerin so beruhigend ist. Angela Merkel verabreicht dem Land eine Betäubungsspritze. Die Kanzlerin ist auf allen CDU-Plakaten zu sehen.
Ihre Sätze tun niemandem weh: "Wenn sie ein Auto zulassen wollen, dann brauchen sie TÜV, dann brauchen sie Haftpflicht. Das brauchen wir für die internationalen Banken auch", lautet einer ihrer Lieblingsphrasen in diesem Wahlkampf. Bewusst lässt sie offen, welche Regeln das sein sollten. Ein anderer oft gehörter Satz ist bezeichnend für das Gefühlige ihres Wahlkampf: "Ich bin der Überzeugung, wir können nur vorne dabei sein, wenn wir Optimismus haben, wenn wir gemeinsam handeln." Sie wirbt um Vertrauen. Konkreter wird Merkel nicht. Notizen ihrer Auftritte sind völlig wertlos, man könnte sämtliche vergeblich bekritzelten Papierbögen auch genauso gut verbrennen. Satirisch bringen das die "Yeah-Flashmobs"auf den Punkt, die ihr in diesen Tagen hinterher reisen: Ob in Hamburg, Wuppertal oder Mainz, bei jedem sinnfreien Aussagesatz der Kanzlerin ist aus dem Publikum dutzendfach ein lautes Yeah zu hören.
"Es ist eine nüchterne Erkenntnis: Sie hat 2005 sogar eine Erhöhung der Mehrwertsteuer angekündigt. Das gab es noch nie", sagt ihr Biograf Gerd Langguth, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bonn. Helmut Kohl soll damals gesagt haben: "Man gewinnt keine Wahl, in dem man den Leuten schon vorher seine Folterinstrumente zeigt". Und er behielt beinahe Recht, die Union landete nur knapp vor der SPD. "Merkel glaubte, mit einem Wahlkampf der Ehrlichkeit überzeugen zu können. Das hat sie nicht geschafft. Jetzt macht sie eben einen Soft-Wahlkampf", sagt Langguth.
Die 55-jährige Physikerin ist für viele eine hinnehmbare Kanzlerin. Eine, mit der man sogar ab und zu lachen kann, die manchmal auch menschlich wirkt - wenn sie das will. Sie ist beliebt, weil sie nicht so überpolitisiert wirkt wie ihre Berufskollegen, die sich schon mit 20 Jahren in der Jungen Union auf Grundsatzpapiere zum dreigliedrigen Schulsystem einigen mussten. Und trotzdem setzt sie sich der Gefahr aus, als Kanzlerin der tausend möglichen Lösungswege entlarvt zu werden, die vorwärts so schnell fahren kann wie rückwärts. Beim TV-Duell war es beinahe so weit, Frank-Walter Steinmeier wirkte verbindlicher als die Amtsinhaberin. Wahrscheinlich ist dies der Hauptgrund dafür gewesen, warum nun kurz vor dem Wahlsonntag Merkels Beliebtheitskurve abknickt. Laut Forsa würden nur noch 49 Prozent bei einer Direktwahl für die CDU-Vorsitzende als Regierungschefin stimmen. Ende Juli waren es noch neun Prozent mehr.
Bei der Bundestagswahl steht auch Merkels Machtgefüge auf dem Spiel, das sie sich über Jahre aufgebaut hat. Sollte es nicht für Schwarz-Gelb reichen, hätte sie bei ihrer zweiten Bundestagswahl zum zweiten Mal ihr Wahlziel verfehlt. Sie wäre eine Kanzlerin ohne gewonnenen Wahlkampf.
Noch hat sie die CDU fest im Griff. Nur die CSU wagt es, Merkel in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Konservative Wähler mögen es nicht, wenn sich ihre Politiker in aller Öffentlichkeit zanken - Merkel macht daher einen sehr guten Job als Parteichefin. Nach neuneinhalb Jahren kennt sie sich mittlerweile auch bestens mit dem Apparat der Christdemokraten aus. "Ich habe bei ihr festgestellt: Sie ist in eine ähnliche Richtung unterwegs wie früher Helmut Kohl", sagt Georg Brunnhuber, langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg. "Sie ist sehr interessiert. Wo gibt es Streit? Wo wackelt ein Kandidat? Sie ist sehr gut vernetzt, da hat sie schnell dazu gelernt." Dementsprechend oft suche sie das Gespräch mit Kollegen der Unionsfraktion - und wenn es nur kurz im Aufzug ist. "Damit schafft sie etwas: Die Leute fühlen sich wichtig. Da können sie in ihren Heimatwahlkreis gehen und sagen, dass sie die Probleme mit der Kanzlerin persönlich besprochen haben", so Brunnhuber.
Doch wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, muss ebenfalls damit rechnen, von Merkel zur Rede gestellt zu werden. In aller Öffentlichkeit. "Sie entblößt so manchen Gockel in einer Diskussion mit ein oder zwei Fragen", sagt Brunnhuber. Der Württemberger schätzt an Merkel ihre Sachlichkeit. Jede Frage werde von ihr geprüft und auf eine passende Lösung abgeklopft. "Sie geht wissenschaftlich heran - während wir, gerade in Süddeutschland, immer nur Politik über Emotion, Emotion, Emotion gelernt haben."
Ihr Erfolg macht die Parteifreunde vorsichtig: Nur hinter vorgehaltener Hand ist noch die Rede von einer Frau ohne ideologischen Kompass, die - frei nach Elisabeth Noelle-Neumann - immer darauf warte, bis sich eine Mehrheitsmeinung herausgebildet habe, und sich dieser dann anschließe. Ein ehemaliger CDU-Abgeordneter sagt im Gespräch mit stern.de: "Haben sie schon einmal miterlebt, dass Angela Merkel eine Meinung vertreten hat, die nicht von der Mehrheit des Volkes geteilt wurde? Ich nicht."