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6. Mai 2009, 11:38 Uhr

Die Kanzlerin und ihre Leerstelle

Wenn Angela Merkel über ihre Vergangenheit redet, dann erzählt sie meistens nur Anekdoten. Über ihre Biografie bis 1989 ist verhältnismäßig wenig bekannt, aus der Debatte um den "Unrechtsstaat" DDR hält sie sich heraus. Im Jahr des Wendejubiläums könnte sie damit Probleme bekommen. Von Sebastian Christ

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Angela Merkel bei ihrem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen: Warum ist die Kanzlerin so schweigsam, wenn es um ihre Ost-Biografie geht?© Fabrizio Bensch/Reuters

Es ist ein Puzzle. Eines der mühsamen Art, für das man Jahre braucht und Jahrzehnte übersehen muss. Manche Teile passen perfekt, andere kann man drehen und wenden - sie scheinen dennoch aus einer anderen Kiste heraus gepurzelt zu sein. Welche Bedeutung hat Angela Merkels Herkunft als Bürgerin der DDR für ihr Politikverständnis? Und wie steht sie zur Geschichte der ostdeutschen CDU? Wenn man sich lange genug damit beschäftigt hat, weiß man vor allem eins: Wenn es um die Deutsche Demokratische Republik geht, wird die Kanzlerin zur Sphinx.

Ortstermin am Dienstag, Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen: Das meterhohe Rolltor am Eingang des ehemaligen Gefängnisses öffnet sich langsam. Merkel betritt das Gelände nicht über den Besuchereingang, sie schreitet zusammen mit Gedenkstätten-Leiter Hubertus Knabe durch jene Pforte direkt neben an, durch die vor 20 Jahren noch die als Lieferwagen getarnten Gefangenentransporter fuhren. Merkel betrachtet die Mechanik des stählernen Kolosses und ist beeindruckt. Sie hält inne und macht ein ernstes Gesicht. Die Kanzlerin ist die erste deutsche Regierungschefin seit der Wende, die das Museum besucht. Man kann Merkels Präsenz an diesem Ort also getrost als ein Zeichen werten. Mit der CDU-Vorsitzenden ziehen Dutzende Medienvertreter über das Gelände. Sie werden - zumindest am Rande - auch über das Unrecht berichten, das hier im Schatten der Ostberliner Plattenbauten geschah. Hubertus Knabe sagt: "Wir wollen einfach nicht, dass 15-Jährige hier vor dem Tor stehen und Stasi-Chef Erich Mielke für einen Schriftsteller halten."

Die Kanzlerin setzt ein Zeichen, mehr nicht

Merkel trifft auf Schüler, die meisten kommen aus dem Westen. Und sie spricht mit ehemaligen Häftlingen. Einer von ihnen, Gilbert Furian, wurde eingesperrt, weil er eine Broschüre über die DDR-Punkszene produziert hatte. Er schildert ihr den Grund für seine Inhaftierung. Merkel hört ihm aufmerksam zu und rümpft die Nase, als Furian ihr im offiziellen Stasi-Amtsdeutsch aus den Ermittlungsakten zitiert. Es ist ihre Art, Beileid auszudrücken. In Momenten wie diesen gibt sie zu erkennen, was sie vom verklärten Blick auf den DDR-Staat hält: nämlich nichts. Nach der Besichtigung der Zellen wirkt sie mitgenommen. Was sie jedoch sagt, geht kaum über das Floskelhafte hinaus. "Es ist wichtig, jetzt, da die DDR-Zeit Geschichte wird, daran zu erinnern." Und: "Wir werden alles tun, damit diese Gedenkstätte eine Zukunft hat." Eine klare Zusage für höhere Fördermittel ist das nicht. Frei nach dem Motto: Besuchen ist okay, Zuspruch auch und Solidarität. Aber als vorderste Frontkämpferin für die Aufarbeitung von DDR-Staatsverbrechen möchte sie auch nicht wahrgenommen werden.

Im Jahr des Wendejubiläums wird die DDR-Zeit wieder zum Politikum. Klar ist jetzt schon: Über die DDR wird in Deutschland immer noch debattiert. Es gibt verschiedene Standpunkte zum SED-Regime, abhängig von Herkunft, Haltung und Biografie - das hat sich auch nach fast 20 Jahren Einheit nicht geändert. Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering (SPD), sagte vor sechs Wochen in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" über die DDR: "Sie war gewiss kein Rechtsstaat. Ich verwahre mich aber dagegen, die DDR als den totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab." Und er schob nach: "Allerdings stimmt: Der Staat machte vielfach, was er wollte. Es gab keine Kontrolle durch unabhängige Gerichte. Insofern hat zur DDR immer auch ein Schuss Willkür und Abhängigkeit gehört." Die Konservativen tobten, weil Sellering den ursprünglich für Hitler-Deutschland geprägten Begriff "Unrechtsstaat" nicht auf die SED-Diktatur anwenden wollte. Der frühere Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer (SPD) nahm Sellering sein Wort vom "Schuss Willkür" übel. Werner Schulz von den Grünen sagte: „Ich kenne solche Debatten. Erst heißt es, in der DDR war doch nicht alles schlecht. Und am Ende soll herauskommen, in der DDR war sogar vieles besser, als es heute sei.“

Eine klare Aussage zur DDR bleibt Merkel schuldig

Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) sagte dazu am Montag beim Festakt "60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall", zu dem die CDU in ein Berliner Theater geladen hatte: "Es muss jedem klar sein, dass dieser Staat auf Unrecht gegründet wurde." Aber im Kleinen sei manchmal ein Sinn für Gerechtigkeit erkennbar gewesen. "Das Komische ist: Es gibt eben auch Richtiges im Unrichtigen."

Von Merkel selbst hört man zu diesem Thema dagegen selten wirklich klare Ansagen. Wie sieht sie das DDR-Regime? War es ein Unrechtsstaat? Oder gab es Nischen, in denen durchaus Recht existierte? In der Diskussion um die Sellering-Äußerungen hielt sich die CDU-Chefin zurück. Wenn sie über die DDR öffentlich redet, dann lobt sie meist den Widerstandswillen ihrer Landsleute. "Es waren die kleinen Freiheiten, die das Feuer der großen Freiheit am Leben erhielten", sagte sie etwa am Montag beim CDU-Festakt. Eine ausweichende Antwort auf die Frage, wie man als DDR-Bürgerin mit der sozialistischen Diktatur im Nacken leben konnte. Denn längst nicht alle Bürger der Deutschen Demokratischen Republik befanden sich im Alltagsclinch mit der Obrigkeit.

Lesen Sie im zweiten Teil, was ihr Verhalten für den Wahlkampf bedeutet.

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KOMMENTARE (10 von 14)
 
kette1 (07.05.2009, 07:27 Uhr)
@Angel_of_Mercy
Ehemalige DDR Bürger oder OSSIS auf neudeutsch mussten sich mit den Staat arrangieren. Sonst wären nur Jobs wie Kohlentragen oder Leergutannahme in der Kaufhalle möglich.
Gott und seiner CDU/CSU sei Dank ist das heute nicht mehr so.
Jeder kann überall seine Meinung sagen. Vor allem in der Firma seinem Chef. Er muss dann dafür keine Kohlen schleppen, er muss dann gar nichts mehr.
Er wird ja auch nicht von der Stasi überwacht. Das tut die Telekom, Lidl, Schlecker oder Schäuble.
Und überall hin reisen kann man auch. bei 6,50 Stundenlohn hat man schnell das Lufthansa Ticket nach New York erworben.
n8g8 (07.05.2009, 01:16 Uhr)
Hilfestellung
All das Gegeifer nutzt nichts solange keine konreten Namen fallen.
utospatz (06.05.2009, 23:42 Uhr)
@Angel_of_Mercy versuche mal dieß
mit dem Nachkriegsdeutschland personenmäßig, konzernmäßig in Einklang zu bringen. Du wirst feststellen, fast nichts hat sich verändert! Die damaligen 20% sind heute immer noch die oberen 10%!
Und dabei sind die restlichen Überlebenden der Bleivergifteten Zwangsarbeiter des Naziregims noch nicht mal entschädigt. Doch legt jeder Parteitrottel an irgend einem Denkmal einen Lorbeerkranz ab! Deswegen hab Alle ich lieb, denn wenn ich sie seh, dann kann gefahrlos ich kotzen!
n8g8 (06.05.2009, 23:41 Uhr)
Alles halb so wild
Die Sekretöse für Agitation und Propaganda, die Bundeskanzlerin, mahnt an, die Erinnerung an die DDR-Diktatur nicht zu vergessen...
Und der ehemalige IWF-Präsident, unser Noch-Gruß-August, fordert christliche Moral, Demut und Reue – von den Bankstern...
Getreu nach Lübke, Fillbinger und „dem deutschen Volke“ fragt man sich, warum ausgerechnet die "Haifischzähne" eines Bayern heute so hoch aktuell sind? Und dazu ausgerechnet die von Brecht: "Nur die dümmsten Kälber..."
Wie den Heuchlern auch sei, ich wähle Die.Linke und bin dabei schlimmstenfalls ein Schaaf. :-)
Solidarische Grüße
utospatz (06.05.2009, 22:52 Uhr)
@Angel_of_Mercy versuche mal
die Ex-Nazis, und Ex-Nazikonzerne des dritten Reiches zu entflechten, um herauszufinden, wie viele Varta-Geschädigte ehemalige Zwangsarbeiter heute noch ein Leben ohne Leben fristen! Das wäre ein lebenslanges Unterfangen, denn dann müsstest du sämtliche Großkonzerne,(BMW,Thyssen-Krupp, ect.)ergo alle 2.te Weltkriegsgewinnler über Nacht vom Erdboden tilgen. Wäre das schön!
utospatz (06.05.2009, 22:37 Uhr)
Ist dieß nun die neuzeitliche Sphinks
wie bei den Pharaonen? Jetzt angeblich christlich zwar? Kein Schwein wusste und weiss was vorher war.? Bei Weiß,-oder Rotkohl frisch kasteit, ist selbst vor dem Ertrinken ein jeder Regenwurm zu allen Schandtaten bereit! Durch 6 Jahrzehnte deutsche Nachkriegsgeschichte schleppt sich so manche Jubelgeschichte! Nun denn du lieb Vaterland, magst ruhig sein, christlich oder sozial holt jede Partei dich ein!
Angel_of_Mercy (06.05.2009, 20:45 Uhr)
Merkel nennt es "Kulturarbeit"
Zitat: "Merkel war während ihrer Zeit an der Akademie in der FDJ als Kreisleitungsmitglied und Sekretärin für Agitation und Propaganda tätig – sie selbst bezeichnet diese Tätigkeit als „Kulturarbeit“, die ihr laut einem Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1992 Spaß gemacht habe."
Diese Kulturarbeit bestand darin, gegen das kapitalistische Ausland generell und gege die damamlige BRD im Besonderen, ideologisch zu Felde zu ziehen (hetzen) und andere Menschen über die Überlegenheit des Sozialismus im Besonderen der DDR und UdSSR zu aufzuklären (indoktrinieren). In der Regel hatten diese "Kulturarbeiter" auch zu schauen, wer sich in den "Kulturstunden" systemkritisch zeigte und dies in einem Bericht über die "Kulturstunden" weiterzugeben. Wie zynisch und Menschenverachtend kann jemand sein?
Dieses Merkel durfte 1986 in die BRD reisen. Das war für DDR Bürger nur möglich, wenn sie Rentner waren oder eine ideologische Unbedenklichkeitsprüfung durch das MfS bestanden.
Dieses Frau ist verachtenswert, eine Opportunistin wie es wohl kaum jemals einen Opportunisten gab und Stern.de bringt einen larifari Beitrag wo es um die Aufarbeitung der OST-CDU Vergangenheit geht, während die Vorsitzende der CDU alles unternimmt um ihre eigene Vergangenheit vergessen zu lassen.
Auch scheint es eine interessante Differenzierung zu geben. CDU Mitglieder aus der ehemaligen FDJ kann man ja nicht gleich deswegen verurteilen weil sie ein Blauhemd trugen, während ehemalige FDJ Mitglieder der Linken gleich als Stasispitzel verunglimpft werden. Diese Drecksverlogenheit kotzt mich an.
Und Merkels Daisy, den Ronald Pofalla
zum Leiter einer Antragskommission über die Aufarbeitung der OST-CDU Vergangenheit zu machen zeigt eigentlich nur, dass kein Interesse besteht. Diese ganze CDU Spitze in ihren Tagungen erinnert mich an ein Familientreffen der von Münchhausens, mit dem Unterschied Münchhausen war amüsant. Dieser Haufen ist einfach nur erbärmlich.
Aquarius2 (06.05.2009, 19:36 Uhr)
Man muss es ihr nur oft genug erklären,
wie sie in der DDR gelebt hat.
Ossis haben vom Leben in der DDR keine Ahnung und können deshalb allein sowieso kein objektives Bild abgeben.
Es wird schon eine schlimme Jugend zwischen spionierenden Stasi-Leuten und IM's und immer schußbereiten Kalaschnikows (falls Fluchtgedanken) gewesen sein.
Und wer sein kärgliches Dasein an der Akademie der Wissenschaften fristen musste, der (die) war besonders hart dran.
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Keine Panik, sie wird schon nichts Falsches sagen ...
Mule (06.05.2009, 18:50 Uhr)
Aus wahlkampftaktischen Gründen.......
... und dann kommt die Frage nach der moralischen Verpflichtung. Seit wann haben Politiker eine moralische Verpflichtung? Für eine ehemalige FDJ-Sekretärin ist das doch wohl ein wenig viel verlangt. Ansonsten auch von mir der Hinweis auf den "Zieh-vater" Kohl - bei dem Gedanken wird mir heute noch übel!
mona.lisa (06.05.2009, 17:30 Uhr)
Das große Schweigen von Politikern....
... tritt z.B.dann ein, -
- wenn sie was verbergen wollen, und
- wenn sie Wählerstimmen nicht verlieren wollen (z.B. die aus der Ex-DDR).
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Das sind 2 überlebenswichtige Gründe für einen Politiker.
Und Kohl war ein guter Lehrmeister.
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