Die wichtigste Nachricht vom Randgeschehen der Wahl des Bundespräsidenten: Angela Merkel strebte in die Politik, weil ein Amtsarzt sie nicht für den bundesdeutschen öffentlichen Dienst geeignet hielt. Ob der Arzt dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten hat? Von Hans Peter Schütz

Da kann manches auch noch ein bisschen dynamischer werden: Angela Merkel, die vor vielen Jahren am Amtsarzt scheiterte© Carsten Rehder/DPA
Zunächst hatte Angela Merkel als stellvertretende Regierungssprecherin der DDR-Übergangsregierung die Gespräche zwischen dem westdeutschen Finanzminister Theo Waigel und dem ostdeutschen Finanzminister Walter Romberg publizistisch betreut. "Romberg war oft knatschig, Waigel immer sehr nett", erinnerte sie sich auf dem geselligen Abend der CDU/CSU vor der Wahl des Bundespräsidenten am Wochenende.
Nachdem 1990 ihr Job als Pressesprecherin weggefallen war, suchte sie neuen Broterwerb. Also bewarb sie sich beim Bundespresseamt, so erzählte Merkel auf dem geselligen Abend der CDU/CSU. Doch sie sei am Amtsarzt gescheitert. "Sie sind nicht geeignet für den bundesdeutschen öffentlichen Dienst, Ihr Blutdruck ist zu hoch", teilte ihr der Arzt mit. Merkel: "Mannomann habe ich gedacht, da kann manches auch noch ein bisschen dynamischer werden."
In den nun schon zahlreichen Merkel-Biografien ist dieser Butdruck-Test Merkels nicht erwähnt. Sie müssten eigentlich umgeschrieben werden. Wissen wir jetzt doch endlich, wem wir diese Kanzlerin, die erste Frau auf diesem Stuhl der Macht, verdanken. Nein, nicht Helmut Kohl, der sich gerne rühmt, das "Mädchen" entdeckt zu haben. Auch nicht Kanzleramtschef Thomas de Maizière, der sie mit in die CDU gelotst hat. Ein Amtsarzt war es. Ob er später das Bundesverdienstkreuz bekommen hat?
"Wir sind die Familie der Union", sagte Merkel an diesem Abend zu ihren Delegierten. Alles klatschte. Wer aber sind die wichtigsten Frauen in dieser Familie? Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion und Vertrauter der Kanzlerin, analysierte die Lage auf Wunsch von stern.de. Er blickte dabei entlang des Tischs, an dem Angela Merkel und Elisabeth Kauder, Frau des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, Seite an Seite saßen und plauderten. Röttgen: "Da sitzen die beiden einflussreichsten Frauen der Union."
Wie es aussieht, hat Horst Köhler alle zehn Stimmen der Freien Wähler aus Bayern bei seiner Wahl bekommen. "Von uns aus ist gewiss keiner umgefallen", versicherte der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger. Was er nicht ganz so laut heraus posaunte, war der eher peinliche Umstand, dass er zunächst nicht einmal den Reichstag finden konnte. Und das kam so: Mit Parteifreunden fuhr er mit seinem Auto gen Berlin, gab Luisenstraße ins Navigationsgerät ein, wo er den Reichstag vermutete, und landete so im Berliner Randbezirk Köpenick, weit entfernt vom Reichstag. Nach einigen ratlosen Anfragen bei Passanten, fanden die Freien Wähler schließlich doch noch ihr Ziel. Aiwanger soll gesagt haben: "Wenn wir erst mal im Bundestag sitzen, passiert das nicht noch einmal."
Eine Präsidentenwahl ist immer zugleich auch familiäres Ereignis. Ex-Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer (CDU) beispielsweise kam mit seiner 13-jährigen Tochter Sarah nach Berlin. Die sagte dem deutlich älteren Papa (70), wo er langzugehen hätte: "Ich wähle Roman Herzog." Papa war entzückt: "Da können Sie sehen, was eine gute Erziehung ausmacht." Vor dieser Aufgabe steht in drei Monaten Junge-Union-Chef Philipp Missfelder. Dann wird er Papa, wie der stern.de bestätigte. Die Mutter Ann-Christin saß auch auf der Tribüne des Reichstags, immer noch fast gertenschlank. Wahl-Doping für ihren Mann hatte sie auch dabei: Als Missfelder sich in den nur für Wahlmänner abgesperrten Bereich verabschiedete, gab es ein herzliches Küsschen für ihn.
Der Präsidentenwahl ging bekanntlich eine Sitzung der CDU/CSU-Fraktion voran, wo alle noch einmal auf die richtige Wahl eingeordnet wurden. Um ein Haar hätte der CSU-Bundestagsabgeordnete Ernst Hinsken die Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung gestört. Denn um ein Haar wäre ihm eine hochpolitische Frage an den anwesenden CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer rausgerutscht, der fortwährend die Verjüngung der politischen Eliten fordert. Auf der Zunge lag Hinsken: "Lieber Horst, willst du wirklich den Horst Köhler wählen? Denk daran, dass der doch schon über 60 Jahre alt ist." Mühsam habe er, sagt Hinsken, den Satz aus politischen Gründen unterdrückt.
Guten politischen Überblick lässt sich dem bayerischen Ministerpäsidenten aber nicht absprechen. Gut ein Dutzend führende Politiker hat stern.de vor der Wahl nach dem vermutlichen Ergebnis befragt. Seehofer lag mit der Prognose 616 Stimmen für Köhler dem Ergebnis am nächsten. Missfelder tippte auf 619 Stimmen, der Parlamentarische Geschäftsführer Norbert Röttgen auf 623, Verteidigungsminister Franz-Josef Jung auf 225. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte, "ich will dreimal wählen." Das erlaubte ihm die Bundesversammlung nicht. Und es erfüllte sich auch nicht die Befürchtung von Ex-CDU-Fraktionschef Friedrich Merz, der nicht an einen Köhler-Sieg in der ersten Runde glaubte. Seine Prognose: Absolute Mehrheit im dritten Wahlgang.
Die einsamste Frau in der Bundesversammlung war eine Wahlfrau, die noch vor vier Jahren ein Zimmer auf der Kanzleretage im Bundeskanzleramt besessen hatte: Doris Schröder-Köpf. Völlig allein saß sie lange im Gestühl des Plenarsaals. Kein Genosse setzte sich an ihre Seite. Erst nach langer Zeit opferte sich der Sozialdemokrat Kaus-Uwe Benneter, der Altkanzler Schröder auch mal als Generalsekretär gedient hatte.
Hans Peter Schütz Worüber redet das politische Berlin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? stern-Autor Hans Peter Schütz hört hin und notiert wöchentlich den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt - exklusiv auf stern.de lesen Sie seine Kolumne "Berlin vertraulich!"