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14. September 2009, 12:54 Uhr

Kissenschlacht ums Kanzleramt

Mutti ist nicht immer die beste, das ist beim TV-Duell klar geworden. Vor Ort zeigt sich aber auch: Wenn zwei nicht streiten, freut sich die Opposition. Ein Blick hinter die Kulissen. Von Lutz Kinkel

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Das TV-Duell wurde in die Lounge neben dem Studio übertragen© Jens Kalaene/DPA

Zehn Minuten vor dem Duell - das ist gewöhnlich die härteste Phase. Moderatoren und Kandidaten stehen bereits im Studio, die Kameras laufen noch nicht, alle sind extrem angespannt, jeder Versuch einer Plauderei bleibt quer im Hals stecken. So war es jedenfalls bislang.

13. September 2009, zehn Minuten vor dem Duell: freundlicher Handschlag zwischen Angela Merkel, CDU, und Frank-Walter Steinmeier, SPD. Die Kanzlerin, der die Kulissen opernhaft vorkommen, sagt: "Das ist ja wie bei La Traviata". Und dann scherzen Kandidaten und Moderatoren darüber, wer hier einen Knopf im Ohr trägt, um Regie-Anweisungen zu bekommen. Hätte Merkel auch einen, lautet einer der Jokes, würde sich im schlimmsten Fall versehentlich ein Einflüsterer aus der SPD-Zentrale melden. Allgemeine Heiterkeit. Unterdessen hat es sich Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender in einem Raum neben dem Studio vor dem Fernseher bequem gemacht. Merkel hat ihren Gatten Joachim Sauer zuhause gelassen, aber ihre Büroleiterin mitgebracht. Es ist eine Art Familientreffen der Großen Koalition. Keiner ist bewaffnet.

Hoffen auf die Dokusoap

Vor dem Studio haben die Helfershelfer eine riesige Halle zu einer schnieken TV-Lounge umgewandelt - große Leinwände, weiße Ledersofas, Bars und Imbiss-Stände. Die Lagerbildung, die beim Duell nicht so recht funktionieren sollte - hier klappt's. Auf den Sofas linker Hand die Wahlkämpfer der SPD, allen voran Parteichef Franz Müntefering mit dem üblichen Poker-Blick, neben ihm SPD-Geschäftsführer Kajo Wasserhövel und Sympathisanten aus der Kulturszene, darunter Supernanny Katja Saalfrank, Schauspieler Ralph Herforth und Sebastian Krumbiegel von den "Prinzen". Schaut her, wollen die Sozialdemokraten sagen: Wir können auch Glamour!

Rechter Hand die CDU, die Gästeliste fiel etwas trockener aus: Generalsekretär Ronald Pofalla ist da, Fraktionschef Volker Kauder, Pfarrer Peter Hintze, auch Medienmanagerin Christiane zu Salm hat sich dazu gesetzt. Pofalla grinst siegesgewiss, will sich aber zu keiner Prognose hinreißen lassen. Die Frage, ob die sozialdemokratisch gewendete Kanzlerin heute Abend rot trage, findet er nur begrenzt lustig. "Sie trägt schwarz."

Schlag 20.30 Uhr beginnt das Duell, rund 600 akkreditierte Journalisten, Politiker und Fanclubs heben die Köpfe. Der Einstieg hat Biss: Frank Plasberg (ARD) und Peter Limbourg (Sat.1) fordern Steinmeier und Merkel auf, sich gegenseitig madig zu machen, was diese aber nicht tun. Limbourg beschwert sich, das sei ja mehr Duett als Duell, Peter Kloeppel (RTL) hakt nach, ob sich die beiden duzen, was angesichts der nicht vorhandenen Gefechtslage ins Bild passen würde. Aber Steinmeier sagt: "Nein, das halte ich auch nicht für notwendig". Die Kanzlerin wiederum kontert auf eine Zwischenfrage: "Ich beantworte die Fragen so, wie ich es mir vorgenommen habe", was Gelächter in der Halle auslöst. Wenn sich die beiden schon nicht streiten wollen, so könnte das doch eine amüsante Dokusoap werden.

Merkels Dilemma

Wird es aber leider nicht. Ein paar Minuten später sind die Kandidaten schon mittendrin im großkoalitionären Ringelpietz. Merkel sagt laufend "wir" und meint damit auch die SPD. Steinmeier sagt zu selten "ich", aber immerhin gelingen ihm einige Attacken. Zum Beispiel, als er Merkel vorhält, die CDU habe schärfere Regeln bei Managergehältern verhindert. Oder ihr vorrechnet, dass es ein Wachstum von illusorischen neun Prozent brauchen würde, um die Steuersenkungspläne von CDU und FDP gegenzufinanzieren. Vor allem in der ersten Hälfte kann Steinmeier punkten, in der zweiten fuchtelt er viel mit dem Stift herum und schaut grimmig, wenn Merkel mal wieder eine Frage mit dem Bügeleisen bearbeitet.

Gleichwohl: Es bewahrheitet sich Merkels strategisches Dilemma, das ein Grund dafür sein mag, weshalb die CDU ihre Zusage zum Duell so ewig herausgezögert hat: Gemessen an den kellertiefen Erwartungen, die derzeit an Steinmeier gestellt werden, schlägt er sich wacker. Und gemessen an ihren phantastischen Sympathiewerten wirkt Merkel mitunter wolkig oder angestrengt.

Nach den Schlussworten stellt sich Müntefering sofort vor die Kameras. "Das war ein Durchbruch in diesem Wahlkampf", sagt Müntefering. Steinmeier sei viel authentischer gewesen, "der quatscht nicht so viel". Ein paar Meter weiter erklärt Pofalla Merkel zur Siegerin, sie habe Steinmeier auf Abstand gehalten. Auch wenn der nicht soo schlecht gewesen sei (was Pofalla natürlich nur indirekt sagt, und wohl auch nur, um den Sieg Merkels noch ein bisschen größer erscheinen zu lassen.)

Bartsch und Niebel

Etwas abseits der Kameras, zwischen den Bars und Imbiss-Ständen, tummelten sich schon vor Beginn des TV-Duells zwei Männer, von denen man annehmen sollte, dass sie sich gegenseitig die Beulenpest an den Hals wünschen: FDP-Generalsekretär Dirk Niebel und Dietmar Bartsch, Geschäftsführer der Linkspartei. Aber von wegen Beulenpest: Die beiden trinken gut gekühlten Weißwein und sind überraschenderweise per Du. Das sei "unter Klassenfeinden üblich", scherzt Niebel - was die langen Jahre in der Opposition doch so alles bewirken.

In der Bewertung des Duells sind sich die beiden sowieso einig. "Es gibt nur einen einzigen Verlierer - und das ist Deutschland. Dieses Duell war so saft- und kraftlos wie die Politik der Großen Koalition", sagt Niebel. Bartsch sekundiert: "Das war ein langweiliges 0:0." Und schiebt noch hinterher, dass Steinmeier ja ohnehin keine Machtoption habe. Dann werden Bartsch und Niebel vor die Kameras gerufen, beide sind schon etwas stinkig, dass das nicht früher passiert ist.

Vor dem Studio, in der kühlen Nachtluft dieses 13. September, steht Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, sie will nachhause, es geht auf Mitternacht zu. "Es hat ihm genützt und ihr nicht geschadet", sagt Lemke. "Die Gewinner werden die kleineren Parteien sein, was mir natürlich nicht unrecht ist." Dann spricht Lemke noch ein paar Sätze über eine mögliche Ampel-Koalition nach der Wahl, die FDP habe das ja nicht definitiv ausgeschlossen. Dirk Niebel, eine Stunde zuvor von stern.de dazu befragt, nannte diese Option "ausgeschlossen". Aber vielleicht kommt es ja auch wieder zu einer Großen Koalition. Blut ist bei diesem Duell jedenfalls nicht geflossen.

An- und Abgang

Übrigens: Frank-Walter Steinmeier, so ist zu hören, war, als er um 19.15 Uhr in Berlin-Adlershof ankam, etwas angespannt. Die Kanzlerin, die um 19.30 Uhr ankam, eher munter. Bei der Abfahrt soll es genau anders herum gewesen sein.

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Von Lutz Kinkel
KOMMENTARE (10 von 25)
 
omaha (14.09.2009, 23:16 Uhr)
wo ja wo?
Wo sind die angeblichen 56 % der Deutschen , dei Merkel weiter als Kanzlerin wollen.
Ich lese überall nur Ablehnung zu dieser Dame.
Leider muß ich trotzdem dei schwarzen wählen, denn ich lasse mich von den roten nicht abzocken.
Meine Hoffnung ist v Guttenberg.
Für Ihn würde ich sogar Plakate kleben, for Kanzler
janus55 (14.09.2009, 15:44 Uhr)
Guttenberg hätte es um Klassen besser gemacht
als Frau Merkel! Davon bin ich fest überzeugt, nachdem ich den "Baron aus Bayern" LIVE erlebt habe. Merkel, die ich noch nie mochte, war erschreckend schwach. Aber das ist für mich kein Grund, die Hartz4-Partei des Genossen Steinmeier zu wählen. Auch Steinmeier wollte ich nicht zum Nachbarn haben, der ist mir noch unsympathischer als die Merkel. Außer Populismus haben die SPD-Genossen auch nichts anzubieten. In meiner Wahleinstellung bin ich gestern bestärkt worden. Ich wähle das vermeintlich kleinere Übel - und das ist nicht rot-rot-grün.
stimmloser (14.09.2009, 14:00 Uhr)
nun also: alternatives, demokratisches Abstimmverhalten.
Kann man sich nicht für eine Partei entscheiden hier eine unparteiische Empfehlung: der Stimme enthalten durch einen leeren oder ungültigen Stimmzettel.
Das ist Stimmenthaltung und wird auch von den Volksvertretern bei Abstimmungen im Bundestag praktiziert.
Man setzt damit allerdings auch ein deutliches Signal: wenn eine hohe Wahlbeteiligung nachgewiesen wird aber der ungültige Anteil exorbitant hoch ist.
Eben dadurch:
- zur Wahl gehen
- einen ungültigen oder leeren Stimmzettel abgeben.
So ein Signal kann dann auch nicht mehr schön geredet werden.
Es kommt dann auch noch eine Sache hinzu, die den Parteien sehr weh tut, wenn es nicht vorhanden ist:
>GELD< *) dieses Geld (pro Stimme 0,70?) entzieht man den Parteien, indem man keine Stimme abgibt, bzw. sich seiner Stimme enthält.
Das hilft dann auch dem Volk: es entlastet den Haushalt.
Damit ist Mann/Frau dann im Wählerverzeichnis als "hat gewählt" geführt, ist seiner demokratischen Wahlverpflichtung nachgekommen aber Mann/Frau verweigert seine Stimme und das damit verbundene Geld.

*) http://bundesrecht.juris.de/partg/__18.html
Maeus (14.09.2009, 12:41 Uhr)
das schlechteste
an dem ganzen spektakel waren übrigens die moderatoren, die ja offenbar (mit ausnahme plasbergs) überhaupt nicht mehr in der lage sind, nachzufragen. ich würde ja sogar so weit gehen, zu sagen: die qualität des journalismus' in diesem land ist deutlich schlechter als die politik, auch wenn die journalisten das gegenteil glauben... die vorliegende publikation ausdrücklich eingeschlossen.
Dieter37 (14.09.2009, 12:17 Uhr)
Merkel muss weg !
Das sollte jetzt jedem klar sein.
forenwanderer (14.09.2009, 12:17 Uhr)
(M)Ferkel vs. Steinm(eier)arder
Das Kanzlerduell könnte auch anders aussehen, wenn beide Kontrahenten ihre Karten offen legen würden. Steinmeier hofft fest auf die Weiterführung der Großen Koalition, denn ohne die Linkspartei, die er kategorisch aus seinem Deutschlandplan ausschließt, kann er keine Mehrheit erreichen, das ist sicher. Merkel widerspricht sich selbst, indem sie Mindestlöhne ablehnt, aber Steuererleichterungen verspricht. Sie will den Arbeitsmarkt damit ankurbeln. Welchen Reinerlös wird wohl ein Arbeiter mit 4 Euro Stundenlohn bei irgend einer Steuerentlastung erhalten? Andere wichtige Dinge wurden überhaupt nicht angesprochen, auch nicht von den Moderatoren, damit hätte man den Kuschelwahlkampf womöglich gefährden können. Wo war was konkret zum Thema Atommüllentsorgung? Kurz mal faktenlos erwähnt von Steinmeier, Merkel ging aus gutem Grund nicht darauf ein. Das merkwürdige Gesetz gegen Kinderpornographie, welches beide mit zu verantworten haben, aber nachweislich nichts gegen Kinderpornographie bewirkt, aber den nächsten Schritt zum Überwachungsstaat bildet, interessiert niemanden. Klar, es hätte ja beiden geschadet. Ein satirischer Blick auf das Duell ist da erfrischender: http://www.guedesweiler.wordpress.com
arniston (14.09.2009, 12:06 Uhr)
stromausfall..
im tv duell hätte man eine stromausfall gar nicht gemekt.
gääännn !
cba38 (14.09.2009, 12:01 Uhr)
Schauspieler
Die Frage von Anne Will in ihrer aktuellen Talkshow "Was meinen Sie, wer hat seine Rolle am besten gespielt?" bezeichnet doch in entlarvender Weise worauf es scheinbar ankommt. Schauspielern, seine Rolle draufhaben. Vorgefertige Texte abspulen, keine Spontanität, Marionettentheater. Auch die Frage ansich ist schon niveaulos. Hier geht es doch nicht darum wer seine Rolle gut spielt, sondern wer Visionen hat, wie dieses Land weiterentwickelt werden soll. Frau Wills Fragen waren da nicht geeignet, einen umfassenden Blick auf das Thema zu werfen. Fragen nach irgendwelchen Zahlen, nach den schauspielerischen Fähigkeiten der beiden Protagonisten helfen nicht weiter.

Wie doch unsere Politiker mit den Jahrzehnten immer blasser, farbloser und glatter geworden sind, das ist schon erschreckend.

jo--jo (14.09.2009, 11:11 Uhr)
Großer Fehler
In der Runde fehlte eigentlich Ronald Pofalla, der hätte wenigstens ein bisschen zur Belustigung beigetragen. Apropos fehlen... dürfen bei solch einem Gespräch wirklich Vertreter der Parteien fehlen, die man jetzt schon in der Opposition sieht? Ich meine, dass es ein großer Fehler war, sie nicht einzuladen!!!
BrunoK (14.09.2009, 10:59 Uhr)
Falsche Einladung
Wieso man da Merkel und Steinmeier eingeladen hat versteh ich sowieso nicht. Besser wäre es gewesen, z.B. Herrn Ackermann einzuladen. Der hätte vieleicht einiges dazu sagen können, wie es denn jetzt weitergehen soll in diesem unserem Lande. Welche Steuern für wen erhöht und welche für wen gesenkt werden, wer hier und wer da noch ein paar Milliarden "Überbrückungshilfen" bewilligt bekommt, in welcher Höhe an welche Partei welche Spenden verteilt werden und wer sich von den verdienten Politikern schon einmal für einen Aufsichtsratsposten bereithalten sollte. Das wäre informativer gewesen als dieses Selbsthudeleien unserer Lobby-Marionetten.
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