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Kandidaten der Wahlen 2009

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26. September 2009, 17:21 Uhr

Steinmeiers Mission Impossible

Keine Mehrheit, kein Partner, keine Chance. Außerdem fehlt SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier etwas Entscheidendes: der unbedingte Wille zur Macht. Porträt eines ewigen Zweiten. Von Jens König

Bundestagswahl, Wahl, SPD, Steinmeier

Volksnah - nicht nur während der Wahlkampagne: SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier© Johannes Eisele/Reuters

Dieser Mann scheint unerschütterlich. Er fläzt sich in einem Ledersessel der kleinen Citation XLS, dem achtsitzigen Businessflieger, mit dem er in diesen Wochen oft unterwegs ist. In der linken Hand hält er eine Flasche Bier, in der rechten ein Salamibrötchen. Sein weißes Hemd ist durchgeschwitzt und fast bis zum Bauchnabel geöffnet. Feierabend. Der Wahlkampfauftritt in Saarbrücken ist gut gelaufen. Mehr als 2000 Menschen waren da. Langsam fällt die Anspannung von ihm ab. Er fliegt durch die Nacht zurück nach Berlin. Er schnallt sich weder beim Start noch bei der Landung an.

Verfügt der Mann über Gottvertrauen? Oder glaubt er, dass in seinem Leben einfach nichts schiefgehen kann?

Vor vier Jahren war Frank-Walter Steinmeier noch ein Unbekannter, ein Mann aus dem Schattenreich der Macht, dann wurde er Außenminister, sozialdemokratischer Hoffnungsträger, Kanzlerkandidat der SPD. Heute ist er für viele nur noch ein Langweiler vor dem Herrn, der sicherste Wahlverlierer seit 1949. Und was macht Steinmeier? Lächelt. Ständig und überall. "Ich glaube, was man an mir unterschätzt, ist meine innere Stabilität", sagt er fröhlich. Er trinkt einen Schluck Bier. Er plaudert gern noch ein bisschen. Werden Sie da nicht verrückt, Herr Steinmeier? Jahrelang priesen alle Ihre Kompetenz, und heute gelten Sie vielen als hoffnungsloser Fall.

Ein bodenständiger Westfale

"Sie sehen, ich lebe noch." Verfluchen Sie Ihre Kritiker? "Ja, manchmal tue ich das." Er lächelt schon wieder.

Wie gehen Sie mit dem gnadenlosen Blick von außen um? "Ich bin nicht abhängig von der Bewertung anderer. Ich bin kein selbstverliebter Typ. Klar lese ich lieber gute als böse Texte über mich. Aber wenn ich mal schlecht wegkomme, dann heule ich nicht ins Kissen, werde depressiv und trinke drei Flaschen Rotwein."

Steinmeier, 53 Jahre alt, ist ein bodenständiger Westfale. Von zu Hause in der Provinz hat er Geduld, Gelassenheit und eine tiefe Abneigung gegen Aufschneiderei mitbekommen.

Politik ist auch Kampf und Leidenschaft

Diese Eigenschaften kann er jetzt gut gebrauchen. Normalerweise steigen Politiker ja ganz unten ein und kämpfen sich nach oben. Steinmeier hingegen nimmt einen Seiteneingang in ziemlicher Höhe. Er war fast sieben Jahre lang Chef des Bundeskanzleramts unter Gerhard Schröder, er ist Außenminister und Vizekanzler - aber erst jetzt, da er sich um das mächtigste politische Amt der Republik bewirbt, erfährt er am eigenen Leib, dass Politik mehr ist als ein geordnetes Verfahren und eine Dienstleistung, mehr als nur Verstand und Vernunft. Politik ist auch Kampf und Leidenschaft, sie kommt aus dem Bauch, geht mitunter ins Herz. Sie kann schmutzig und brutal sein. Und sie ist großes Theater.

All das war Steinmeier bisher fremd. Manchmal dürfte er sich vorkommen wie der Handelsreisende Gregor Samsa aus Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", der eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht und sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt findet. Überall, wo Steinmeier jetzt hinkommt, steht eine Bühne. In der vorigen Woche zum Beispiel in Hannover, Opernplatz, 7000 Besucher. Es ist ein Heimspiel - für Schröder. Die Stadt gehört ihm. Die Leute klatschen schon, wenn er sich mit seiner Doris in die erste Reihe setzt. Dabei ist er heute nur Gast.

"Lieber Gerd", ruft der Kandidat zu Beginn seiner Rede. "Du warst ein mutiger Kanzler. Das unterscheidet dich von deiner Nachfolgerin." Steinmeier warnt vor Schwarz-Gelb und streichelt die Seele der Partei. Dass die SPD noch gewinnen könne und so Zeugs. "Wir wollen Frank!", rufen ein paar Genossen. Die Stimmung ist gut, nicht euphorisch. Wie auf einem Peter-Maffay-Konzert.

Das Rollenmodell Schröder

Im Wahlkampf werden Politiker mit einer menschlichen Urangst konfrontiert: Werde ich von meinen Mitmenschen akzeptiert, gewollt, vielleicht gar geliebt? Steinmeier hat diese Angst in den vergangenen Monaten oft besiegen müssen. Inzwischen fühlt er sich aufgehoben. Sogar im Bierzelt in Bayern haben sie ihn gefeiert. In Hannover geht er schnurstracks auf die Menschen zu, gibt Autogramme, lässt sich mit ihnen fotografieren, einige klopfen ihm auf die Schulter. Noch eine Stunde nach seiner Rede wird er von einer Traube Neugieriger umringt. Schröder ist längst zu einem Empfang ins Rathaus enteilt. Die Hauptrolle spielt ein anderer.

Es gibt kein Drehbuch für sozialdemokratische Kanzlerkandidaten. Es gibt aber einen Kanzler, den Steinmeier wie kein Zweiter kennt, an dessen Seite er 15 Jahre lang Tag und Nacht verbracht hat: Schröder eben. Muss der Kanzlerkandidatenneuling in seinem ehemaligen Chef nicht unwillkürlich das Rollenmodell sehen?

"Ich kopiere ihn nicht", sagt Steinmeier. Aber wenn er in seinen Reden laut wird und leidenschaftlich röhrt, wenn er den Arbeiterführer im weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln gibt, wenn er einen Witz macht und seinem Mund ein gackerndes, derbes Lachen entfährt, dann denken die Leute automatisch an - Schröder.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2009

Seite 1: Steinmeiers Mission Impossible
Seite 2: Steinmeier beißt die Zähne zusammen
Seite 3: Der Problemlöser
 
 
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