stern.de für unterwegs
. .

Kandidaten der Wahlen 2009

RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
15. September 2009, 11:05 Uhr

Wenn der Moderator zum Aggressor wird

Die unsachgemäße Ruppigkeit, mit der TV-Moderatoren zunehmend Politiker angehen, ist verheerend. Das zeigte sich auch gestern beim TV-Duell: Wo Moderatoren zu Aggressoren werden, verbünden sich Politiker gegen sie. Das Ergebnis: Sternstunden der Langeweile. Ein Kommentar von Johannes Schneider

Zoom
TV, Duell, Angela, Merkel, Frank, Walter, Steinmeier, Frank, Plasberg, Maybrit, Illner, Peter, Limbourg, Peter, Kloeppel

Hart und unfair: Besonders Frank Plasbergs Moderationsleistungen sind immer wieder fragwürdig© ARD/DPA

Ja, die Moderatoren hatten eine schwierige Aufgabe. Ja, sie mussten zwei angebliche Kontrahenten gegeneinander in Stellung bringen, die doch eher als Duo funktionierten. Ja, Peter Limbourgs Feststellung, man blicke hier eher auf ein "Duett" als auf ein "Duell", erwies sich im Nachhinein als richtig. Allein: Dass er das bereits nach den einleitenden Wortbeiträgen der Kombattanten feststellte, versprühte einen Hauch von Unverschämtheit.

Die Unverschämtheit der Moderatoren prägte das Duell ebenso wie die mangelhaften Kämpfernaturen der Kandidaten. Speziell an den Talkshowgastgebern Maybrit Illner und Frank Plasberg zeigte sich einmal mehr, was in der Nach-Christiansen-Ära zum guten Ton geworden ist: Politiker als Verdächtige zu behandeln, für die die Unschuldsvermutung nicht gilt. Als Steinmeier einer verfrühten Unterbrechung Illners an einer Stelle ein scharfes "Haben Sie bitte Interesse an meinem Argument!" entgegensetzte, dürfte das nicht nur SPD-Wählern gefallen haben.

Mangelndes Interesse und Gängelung

Genau dieses mangelnde Interesse ist es, das klammheimlich unerträglich geworden ist. War speziell Frank Plasbergs Härte zu Beginn von "Hart aber fair" noch ein wichtiger Kontrapunkt zu Sabine Christiansens sonntäglichen Wohlfühlrunden, wirkt die Limitierung, Gängelung und Bevormundung der Talkshowgäste heute allzu oft dummdreist. Um Inhalte scheint es dabei schon lange nicht mehr zu gehen, vielmehr um die Selbstprofilierung der journalistischen Kaste auf Kosten der politischen. Dass man dabei nur allzu oft überhört, wenn sich ehrliche politische Leidenschaften entfalten - geschenkt.

"Wollen wir weiter den Eindruck erzeugen, als ob die Frage von Regierungsbildung in Deutschland ausschließlich von Machtspielchen abhängt, oder gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass es der Inhalt ist, der nicht zusammengeht?" meldete sich etwa Sigmar Gabriel in der "Hart aber fair"-Folge vom 2. September durchaus leidenschaftlich zum Thema "Rot-Rot-Grün" zu Wort. Zuvor hatte Plasberg über Minuten alle inhaltlich begründeten Versicherungen geflissentlich ignoriert. "Sie fühlen sich ja geradezu ertappt", deutete er nun das Verhalten und orakelte mit dem Experten Karl-Rudolf Korte weiter über die rot-rot-grüne Nicht-Option. Die Bank der Diskutanten lag derweil seitab in Erduldungsstarre mit heruntergefahrenen Mikrophonen, und hätten dort nicht Spitzenpolitiker gesessen, sondern "normale" Talkshowgäste, Plasberg hätte sich im Anschluss vielleicht die Frage gefallen lassen müssen, was er - Stichwort "Fairness" - von einem menschenwürdigen Umgang mit denen so halte.

Politiker vereint gegen den Moderator

Für Politiker erspart eine "Hart aber fair"-Runde den Gang zur Domina - der politischen Debatte schadet die von Plasberg induzierte Kultur der Unhöflichkeit eventuell noch mehr als der ausbleibende Ideenwettbewerb in der Politik. Mehr noch: Wo Politiker auf unsachgemäße Weise angegriffen werden - das zeigte sich im TV-Duell ebenso wie in besagter "Hart aber fair"-Runde -, verbünden sie sich gegen die zu Aggressoren gewordenen Moderatoren, auf Kosten der politischen Debatte. Dem Wähler, dem Politiker als Diskutanten zweiter Klasse vorgeführt werden, wird es schwer fallen, den Respekt vor sowohl Journalisten als auch Politikern nicht vollends zu verlieren. Die politische Öffentlichkeit schränkt sich da, wo sie zum unwürdigen Spektakel verkommt, immer weiter ein - der Quotensinkflug des TV-Duells darf nicht nur Merkel und Steinmeier angelastet werden. Dabei sind Würde und Respekt genau jene Werte, die einer konstruktiven Streitkultur zugrunde liegen sollten.

Ein Kommentar von Johannes Schneider
KOMMENTARE (10 von 14)
 
flashback007 (17.09.2009, 11:29 Uhr)
Ein Politiker sollte...
damit umgegehen können und ein Journalist muss auch den Mut haben das Thema etwas härter anzupacken. Letzendlich geht es hier auch um Inhalte und nicht um Knigge.
AlexMW (16.09.2009, 17:12 Uhr)
Guter Artikel
Gratuliere - dieser Kommentar war bei weitem besserer Journalismus als eben diese Moderatoren ihn gezeigt haben. Schade, daß Stern-TV auch nicht gerade gut ist. Und auch schade, daß die beiden Kandidaten vermutlich von einem unverdienten Mitleidsbonus aufgrund der Sendung profitieren werden.
Geisterhoernchen (15.09.2009, 11:48 Uhr)
Moderator streichel mich!
Der Moderator verhält sich gegenüber den Politikern ähnlich wie es die Politiker untereinander tun. Die Politiker begegnen sich in tiefster Abneigung und abgrundtiefer Vorbehalte. Wieso soll sich ein Moderator anders verhalten?
covy111 (15.09.2009, 11:40 Uhr)
Hart angegangen?
Hab' ich da eventuell eine andere Sendung am Sonntagabend gesehen?
Hart wäre gewesen, wenn man Steinmeier z.B. nach seiner Ankündigung, Mindestlöhne einzuführen, gefragt hätte, warum Rot-Grün das nicht in den Jahren 1998-2005 durchgesetzt hat und ob Schröder da falsch gelegen hat, als er zu diesem Thema "Mit mir nicht" gesagt hat. Weiter wäre interessant gewesen, warum die SPD nicht den Antrag der Linken, die genau das wollten was Steinmeier & Co. jetzt vorhaben, unterstützt haben.
Auch hätten die Moderatoren Steinmeier in die Parade fahren müssen, als er dauernd erzählte, was Schwarz-Gelb alles machen will ohne zu erwähnen -allgmeine Phrasen mal ausgenommen- wie die SPD es machen will. Ganz zu schweigen von der Rechnung, man benötige 9% Wachstum, um die Steuererleichterungen von Schwarz-Gelb finanzieren zu können. Hat das ZDF gestern Abend eindrucksvoll widerlegt. Erinnert mich ein wenig an Scharping, der hatte ja auch so seine Schwierigkeiten mit Zahlen! Ob er haute wohl den Unterschied zwischen Brutto und netto weiß? ;-)
Buureremmel (15.09.2009, 11:37 Uhr)
Herrn Plabergs Selbstprofilierungsdrang
und der von ihm "induzierten Kultur der Unhöflichkeit" ist es wohl auch zuzuschreiben, dass er als einziger in der Runde - insoweit völlig unangemessen, nicht nur der Runde, auch den Zuschauern gegenüber - wie ein Penner, wie ein Kirmesplatzflaneur auflief. Frühere WDR-Intendanten hätten das so nicht geduldet. Inzwischen ist es aber leider so, dass die "Moderatoren" auch in den öfftl.-rechtl. Anstalten längst als Unternehmer in eigener Sache und auf eigene Rechnung handeln.
lucida (15.09.2009, 10:02 Uhr)
Die Ironie ist...
...das die angesprochene Sabine Christiansen mit Stefan Aust im Anschluss an das "Duell" in der SAT.1-Wahlarena die wesentlich bessere Performance mit Westerwelle und Trittin hingelegt hat.

Ich bin wirklich kein ausdrücklicher Christiansen-Freund, aber so ist's nun mal...
jetrabbit (15.09.2009, 03:19 Uhr)
die moderatoren
stellen oft nur systemkonforme fragen, die in keinster weise direkt zur sache gehen. das ist so oberflächlich, das selbst politiker sich vollkommen sicher fühlen und sich in ihrer arroganz suhlen können. mann muss sich mal vorstellen, die wären gezwungen die wahrheit zu sagen, omg.
joschitura (14.09.2009, 22:13 Uhr)
Wen wunderts ?
So lammfromm kann ein Moderator doch garnicht sein, dass er bei Frau Merkels "mädchenhafter" Arroganz nicht einen dicken Hals bekäme:"Ich beantworte die Fragen, wie ich mir das vorgenommen habe.." sagt die Kanzler-
-Darstellerin in ihrer unnachahmlich leiernden Ossi-Diktion - und beantwortet zum wiederholten Male die Frage gleich garnicht und sondert stattdessen das übliche inhaltsleere Geseire ab - ja da soll man nicht aggressiv werden ? Die Verrohung der Moderatoren-Sitten ist schlicht eine Folge des präpotenten Politiker-Gehabes.Wer je erlebt hat, wie diese überhebliche Kaste Journalisten niederbügelt, die kritische Fragen stellen, den wundert garnichts mehr.
knilch_59 (14.09.2009, 21:21 Uhr)
@burkhard58 hat recht
Der gleiche Einheitsbrei wie in der großen Koalition erreichte uns auch in der Diskussion: 4 Moderatoren treffen sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, um unter strikter Wahrung des Proporzes Politiker zu befragen, die weder Lust haben die Wahrheit zu sagen, noch die Notwendigkeit vermittelt bekommen es zu tun. Das liegt aber nicht an den Moderatoren, sondern am Rahmen. Dieses Format war einfach schlecht: Vielleicht hätte man die beiden im Quiz gegeneinander antreten lassen sollen: mehr richtige Antworten ergeben mehr Sendezeit. Und wenn sich eine Partei nicht traut ihren Spitzenkandidaten dorthin zu schicken, bekommt die andere Partei eben die ganze Sendung!
HTHK (14.09.2009, 19:50 Uhr)
Moderatoren abwählen !
Leider gibt es keine Möglichkeit, TV-Moderatoren per Wahl abzuwählen, Was sich die Dame und die Herren an Unverschämtheiten (z.B. dauernd ins Wort fallen) geleistet haben, ist eine bodenlose Frechheit. Als Politiker würde ich nie mehr an einer derartigen Unart(rat?)-Sendung teilnehmen.
MEHR ZUM ARTIKEL
Merkel versus Steinmeier Kissenschlacht ums Kanzleramt

Mutti ist nicht immer die beste, das ist beim TV-Duell klar geworden. Vor Ort zeigt sich aber auch: Wenn zwei nicht streiten, freut sich die Opposition. Ein Blick hinter die Kulissen. mehr...

"Hart, aber fair" Von roten und schwarz-gelben Socken

Lager-Wahlkampf, nächste Runde: Gestern versuchte ARD-Talker Frank Plasberg, seinen Gästen aus der neu sortierten Parteien-Landschaft klare Macht-Optionen zu entlocken. Heraus kamen allenfalls ein paar atmosphärische Eindrücke und rhetorische Kuriositäten. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind