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Weniger Ebola-Erkrankung, aber Masern-Epidemie droht

Die Ebola-Epidemie scheint überstanden, da droht die nächste Erkrankung: die Masern. Der Immunschutz gegen dieses Virus sei um 75 Prozent zurückgegangen, weil die Impfungen vernachlässigt wurden.

Das westafrikanische Liberia ist auf gutem Weg, die Ebola-Epidemie zu überwinden, da steht schon die nächste Krankheitswelle bevor. Diesmal geht es nicht um das Ebola-Virus, an dem in Westafrika bereits mehr als 4000 Menschen gestorben sind, sondern um das ebenfalls hochansteckende Masern-Virus. Monatelang waren überforderte Krankenpfleger in den überfüllten Gesundheitszentren auf den Kampf gegen Ebola konzentriert - die normale Gesundheitsvorsorge kam da zu kurz.

Nun ziehen Impfteams durch die Straßen von Peace Island, einem bitterarmen, von Sümpfen umgebenen Viertel in der liberianischen Hauptstadt Monrovia, und rufen Mütter über Lautsprecher auf, ihre Kinder zum Impfen zu bringen. "Ich bin froh über die Möglichkeit, mein Kind gegen Masern impfen zu lassen, weil hier die Kinder sterben", sagt die 32-jährige Marie Bassa, als sie mit ihrem neun Monate alten Baby aus dem Impffahrzeug steigt. Aber nicht alle Bewohner freuen sich über die Kampagne. Die größte Herausforderung ist es laut den Mitarbeitern, den Müttern die Vorbehalte zu nehmen.

Am Freitag war in Liberia erstmals seit einem Monat ein neuer Ebola-Fall gemeldet worden. Anders als in den Nachbarstaaten Guinea und Sierra Leone scheint die tödliche Epidemie in dem Land weitgehend gebannt. Experten rechnen nicht damit, dass es noch einmal zu einem größeren Ausbruch kommt. Eine der Konsequenzen aus der Krise ist jedoch, dass es einen deutlichen Rückgang der Masern-Impfungen gegeben hat.

Slum-Bewohner trauen den Impfteams nicht

Laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ist Peace Island, wo sich Vertriebene des zwischen 1983 und 2005 wütenden Bürgerkriegs angesiedelt haben, besonders anfällig für eine Masern-Epidemie. Die Organisation startete daher in dem 30.000-Einwohner-Slum eine Impfkampagne für Kinder im Alter zwischen neun Monaten und fünf Jahren, wie der Koordinator der Kampagne, Denis Besdevant, sagt.

Doch die Skepsis gegenüber dem Impfteam ist groß. "Es ist keine leichte Aufgabe", sagt Alfred Godfrey von MSF. "Die meisten Menschen sagen, die Regierung wolle Ebola zurückbringen. Wir nehmen uns viel Zeit, sie darüber aufzuklären, dass ihre Kinder an Masern sterben könnten. Einige sehen es ein, andere nicht."

Masern lösen Fieber und Ausschlag aus und können schwere Komplikationen mit sich bringen, darunter Lungen- und Hirnentzündungen. Im schlimmsten Fall endet die Krankheit mit dem Tod. Ein Masernausbruch folgt oft auf eine humanitäre Krise, während der Impfungen vernachlässigt wurden.

Sprunghafter Anstieg der Masernfälle

In den von Ebola betroffenen Ländern in Westafrika ist der Impfschutz gegen Masern, den dort normalerweise 60 bis 80 Prozent der Kinder haben, Experten zufolge um 75 Prozent zurückgegangen. In Guinea, Liberia und Sierra Leone wurden bereits 127.000 Masernfälle bei ungeimpften Kindern gezählt, weitere 100.000 könnten folgen. Schon in normalen Zeiten sterben in den drei Ländern 7000 Kinder pro Jahr an Masern. Wegen der durch Ebola verursachten zusätzlichen Belastungen des Gesundheitssektors könnten 16.000 weitere Todesfälle hinzukommen, schätzen Experten.

In Peace Island helfen Mütter, die ihre Kinder impfen ließen, die Skeptiker zu überzeugen. Allmählich setze ein Bewusstseinswandel ein, sagt MSF-Helfer Godfrey - etwa bei Rita Kpepka, in deren Nachbarschaft zehn Kinder an Masern starben. Als Todesursache sei meist Ebola angenommen worden, sagt die 46-Jährige. Gegen diese Krankheit gibt es noch keinen ausreichend erprobten Impfstoff, während der Masern-Impfstoff seit über 40 Jahren existiert. Bevor sie ihr dreijähriges Kind zum Impfen brachte, sah Kpepka die Impfkampagne in ihrem Viertel kritisch. "Ich hatte erst Angst. Meine Freundin riet mir zu kommen. Sie hat mir erklärt, dass es wirklich ein Impfstoff gegen Masern ist und nicht gegen Ebola."

yps/AFP/AFP

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