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Stammtisch für Spekulanten: Wie Aktienclubs die Börse aufmischen

Den meisten Deutschen sind Aktien zu kompliziert und nicht geheuer. In Aktienclubs dagegen diskutieren Mitglieder mit Lust das Börsengeschehen und investieren gemeinsam in potenzielle Kursraketen. Zu Besuch bei einer Anlagesitzung in Köln.

Aktienclub

Anlagesitzung beim Aktien Club Coeln: Welche Aktien gekauft werden, wird per Handzeichen entschieden.

Man muss nicht Anzug und Krawatte tragen, um über Aktienkurse fachsimpeln zu können. Das geht auch in Karohemd und kurzer Hose. Es ist warm an diesem Kölner Juliabend und dementsprechend gekleidet sind die Mitglieder des Aktien Club Coeln () zur monatlichen Anlagesitzung in Köln-Braunsfeld erschienen.

Während andere in die Kneipe gehen, um sich die Köpfe über Fußball heiß zu reden, diskutieren die Mitglieder des ACC im Neonlicht eines nüchternen Konferenzraumes die aktuellen Trends der Börse. Der Beamer wirft Kursverläufe und Zahlenkolonnen an die Wand. Mal geht es um die ganz großen Zusammenhänge - um Zinsen, Ölpreis, . Dann wieder um die feinen Details der charttechnischen Analyse einzelner Unternehmenstitel.

Über die Lufthansa-Aktie zum Beispiel muss heute wirklich dringend gesprochen werden. Erfreulich, finden die Hobbybörsianer, wie sich der Aktienkurs der Airline zuletzt entwickelt hat. Schließlich sind Lufthansa-Aktien der größte Posten im Musterdepot des Aktienclubs. Aber was nun? Nachkaufen, abwarten oder Gewinne mitnehmen? Da hilft nur eine Kampfabstimmung. Vorsitzender Dirk Arning, der die Sitzung zuvor mit einem Glöckchen eröffnet hat, bittet um Handzeichen. Die grünen Stimmzettelkärtchen schießen in die Höhe - und schon ist der Auftrag erteilt, 3000 weitere Lufthansa-Aktien zu kaufen.

Aktienclub statt Bankberater

Der ACC versteht sich als demokratische Antwort auf undurchsichtige Anlageberater und abgehobene Fondsmanager. Gegründet wurde er ursprünglich von Studenten der Wirtschaftswissenschaften, heute sind die meisten ACC-Mitglieder eher im Rentenalter. Viele kommen sogar von außerhalb nach Köln gefahren, um an den Anlagesitzungen teilzunehmen. Da ist zum Beispiel der Ingenieur aus Neuss bei Düsseldorf, der nicht nur im Aktienclub mitspricht, sondern jährlich auf bis zu 30 Hauptversammlungen börsennotierter Unternehmen fährt, um den Konzernlenkern die Meinung zu geigen. Und da ist der pensionierte Landwirt aus Bonn, früher im Ernährungsministerium beschäftigt, der sich von den Mitgliedern Geheimtipps für sein privates Depot erhofft: "Von Banken lasse ich mich nicht beraten. Die wissen auch nicht mehr als in irgendwelchen Börsenbriefen steht", sagt der Rentner.

Wer hier mitmacht, will nicht einfach sein Geld irgendwo abgeben und hoffen, dass es sich vermehrt. Er will sich selbst mit der Materie beschäftigen. "Aktien sind für uns ein Hobby. Wir machen das, weil es uns Spaß macht", sagt Klaus Ueker, neben Arning der zweite ehrenamtliche Geschäftsführer des ACC. Der Club lebe davon, dass sich die Mitglieder engagieren, ihr persönliches Wissen und ihre Vorlieben einbringen, ergänzt Arning. "Jeder kann hier seine Lieblingsaktien vorschlagen und dann wird darüber diskutiert." 

Vom Mini-Stammtisch bis zum Profi-Fonds

Und das geht nicht nur beim ACC in Köln so. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) schätzt, dass es mehr als 7000 Aktienclubs in Deutschland gibt. Wieviele es genau sind, weiß niemand, da die Mehrzahl nur als unverbindlicher Stammtisch existiert. "Die meisten Clubs sind aus Freundeskreisen entstanden und leben von der Geselligkeit", erklärt DSW-Sprecher Jürgen Kurz. "Da kommen Leute mit unterschiedlicher Expertise zusammen und jeder kann sich einbringen." Die Clubs schaffen es, deutsche Vereinsmeierei mit etwas zusammenzuführen, was die risikoscheue deutsche Seele eigentlich gar nicht mag: Aktien. Die Bandbreite der Aktienclubs reicht von Kneipen-Stammtischen mit 20 Mitgliedern bis hin zum mehr als 3000 Mitglieder zählenden Itzehoer Aktienclub, der einen professionellen Investmentfonds betreibt.

Auch der Aktien Club Coeln mit seinen etwa 80 aktiven Mitgliedern ist mehr als ein kleiner Stammtisch. Alle Aktienkäufe und -verkäufe, die die Mitglieder auf ihren Anlagesitzungen beschließen, werden anschließend vom Investmentfonds "ACC Alpha select AMI" umgesetzt. Der Fonds ist börsengehandelt und jeder, ob Clubmitglied oder nicht, kann dort Anteile erwerben. Einige Clubmitglieder haben sechsstellige Summen in den Fonds gesteckt, insgesamt sind knapp sieben Millionen Euro in dem Fonds investiert.

Eigene Erfolgsstrategie

Ursprünglich investierten die ACC-Mitglieder ihr Aktienvermögen noch selbst in einem Gemeinschaftsdepot. Doch da die regulatorischen Anforderungen der Börsenaufsicht für Clubs mit mehr als 50 Mitgliedern mittlerweile stark gestiegen sind, müssen sich Aktienclubs heutzutage entscheiden: Entweder so klein bleiben, das sie nicht als gewerbliche Finanzdienstleister eingestuft werden. Oder eine professionelle Struktur entwickeln. Der ACC wählte die Option des externen Fonds. Dort achtet nun ein professioneller Fondsmanager darauf, dass alle Regularien eingehalten werden - und setzt ansonsten brav alle Anlageentscheidungen der Clubmitglieder um.

Diese Entscheidungen treffen die ACC-Mitglieder nicht nur aus dem Bauch heraus, sondern anhand einer festgelegten Strategie: Zum einen werden bei den Überlegungen charttechnische Analysen berücksichtigt und für jede Aktie Kurswerte festgesetzt, zu denen automatisch ge- oder verkauft wird. Zum anderen soll ein eigenes Modell, das fundamentale Unternehmensdaten berücksichtigt, Hinweise geben, welche Unternehmen an der Börse über- oder unterbewertet sind. So schafft es diesmal das US-Unternehmen Pulte - ein hierzulande unbekannter Hausbauer - neu ins Depot. Die Mehrheit der anwesenden zwei Dutzend Clubmitglieder glaubt an einen steigenden Kurs und stimmt für "Kaufen".

Aber zahlt sich all das Zahlengeschiebe und die Fachsimpelei in der Gruppe denn auch aus? Das ist wie immer an der Börse eine Frage der Betrachtung. ACC-Geschäftsführer Arning spricht von einem "robusten Modell", das sich bewährt habe. In den vergangenen zwölf Monaten hat es der "ACC Alpha select AMI" sogar geschafft, den Aktienindex MSCI World zu schlagen und ein neues Allzeithoch zu erreichen. Auf Sicht von fünf oder zehn Jahren dagegen konnte der Aktienclub nicht mit dem Kursanstieg der Weltbörsen mithalten. Schlauer als der Markt seien eben auch Aktienclubs nicht, sagt DSW-Sprecher Kurz. "Auf Dauer den Markt outperformen, das schafft im Grunde keiner." Wer einfach nur Geld anlegen wolle, der sei mit einem ETF auf einen breiten Aktienindex besser aufgehoben.

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