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Warum Amazon für das Kinderkostüm "Flüchtling" einen Shitstorm kassiert

Wut auf den Online-Händler: Bei Amazon werden Kostüme für Kinder angeboten, mit denen sich die Kleinen als Weltkriegsflüchtlinge verkleiden können. Was geschmacklos anmutet, ist ein schwerer Übersetzungsfehler. 

  Ärger für Amazon: Das Kostüm Flüchtlingskinder erzürnt die Gemüter - aber aus einem falschen Grund. 

Ärger für Amazon: Das Kostüm Flüchtlingskinder erzürnt die Gemüter - aber aus einem falschen Grund. 

Amazon steht Ärger ins Haus: Auf der Plattform der Handelsgiganten werden derzeit Kostüme für Kinder angeboten, mit denen der Nachwuchs als Flüchtling verkleidet zum Karneval gehen kann. Mädchen können sich mit einem Kleid mit Bubi-Kragen verkleiden, Jungs bekommen eine ausgebeulte Hose, eine Hemd, eine Weste und eine Schiebermütze geliefert. Dann brauchen die Kleinen nur noch etwas Schminke ins Gesicht wischen - und fertig ist das Flüchtlingskind aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg.

Shitstorm für Amazon

Das ein solches Kostüm für einen Shitstorm sorgt, ist eigentlich klar. In den Bewertungen machen sich User Luft. "Hochgradig enttäuscht von Amazon! Bitte nehmen Sie das aus Ihrem Angebot! Kostüme dieser Art sind nicht nur geschmacklos, sondern menschenverachtend und erbärmlich dumm", schreibt dort ein Amazon-Kunde. Ein anderer schreibt: "Haben Sie kein Hirn, Gewissen, Herz oder eine Seele??" 

Historischer Bezug zur englischen Geschichte

Doch wer glaubt, dass diese Kostüme Vertriebene der Weltkriege darstellen sollen, irrt. Denn diese Kostümierung hat einen anderen Hintergrund, als sich in Deutschland erahnen lässt. Sie wird nicht von Amazon selbst, sondern von einem englischen Händler vertrieben. Schaut man sich das Angebot direkt beim englischsprachigen Shop an, geht es plötzlich nicht mehr um Flüchtlinge, sondern um evakuierte Kinder. Offenbar wurde aus dem Angebot "Costume Girl: Evacuee Girl" durch einen Übersetzungsfehler "Flüchtling" gemacht.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Kinder aus Großstädten in einem großen Evakuierungsprogramm in ländlichere Gegenden geschickt, um sie vor den Bombenattacken zu schützen. Dieses Programm ist als Thema im Schulunterricht in Großbritannien fest verankert. Ein Amazon-Kunde schreibt dazu in den Bewertungen: "In England gibt es sehr viele Tage in Grundschulen, die sich um historische Ereignisse drehen, zu denen sich dann die Kids passend kleiden sollen, um Geschichte besser erfahren zu können, dazu gehört auch tatsächlich ein “2. Weltkrieg Tag”. Eltern sind diesbezüglich dankbar, dass sie dann solche Kostüme für die Kids einfach bestellen können." Der Händler "Fancy Dress Kingdom" bietet einige historische Kostüme an. 

Amazon, muss das sein?

Also alles halb so wild? Nicht ganz - denn solche Angebote müssen differenziert betrachtet werden. Zwar ist Amazon selbst nicht der Anbieter, sondern stellt lediglich die Plattform Marketplace für Verkäufer zur Verfügung, zudem haben solche Verkleidungen in England eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland. Aber: Auch wenn dieses "Flüchtlings"-Kostüme nicht in Bezug auf die aktuelle Situation in Europa anspielen, stellt sich schnell die Frage, in wie weit die Zwangsevakuierung von Kindern vor Bombennächten und dem Leid des Zweiten Weltkriegs ein sinnvoller Anlass für eine Karnevalsverkleidung ist. Dass ein solches Kostüm auch auf dem deutschen Marketplace-Auftritt angeboten wird, ist wohl eher als unglücklich zu bezeichnen.

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