Es trifft besonders die Motivierten und Engagierten: Burnout ist Endstadium einer langen Erosion von Körper und Seele. Männer und Frauen erzählen, welche Warnzeichen sie übersehen haben - und mühsam lernten, zur Ruhe zu kommen. Von Peter Sandmeyer

Bei Friseurmeister Matthias Kühn zeigten sich zuerst körperliche Anzeichen des Burnout-Syndroms© Robert Fischer
Trott. Tretmühle. Hamsterrad. Endlose Müdigkeit. Schon beim Weckerklingeln oft die Sehnsucht, sich fallen zu lassen. Den Sohn, den Mann, den Haushalt versorgen, den Kühlschrank füllen, kochen, waschen, bügeln. Dazwischen die eigene Arbeit. Freies Lektorat. Texte lesen, umschreiben, besser machen. Keine unangenehme Arbeit, aber einsam. Der Computer steht zu Hause. Keine langen Wege, mehr Zeit zum Arbeiten, das Kind unter Kontrolle. Doch im "Home- Office" gibt es keine Kollegen; Computer sagen nie "gut gemacht", und ein kleiner Sohn sagt nicht "Zeig mal", wenn es beim Schreiben stockt.
Sie arbeitet täglich 14 Stunden, am Herd, am Computer, am Bügelbrett. Vieles könnte noch gelungener sein, findet sie. Ihre Texte, das Essen, ihr Aussehen, der Garten. Zusammenreißen! Weitermachen. Schaffen andere Frauen doch auch. Wenn nur diese Müdigkeit nicht wäre.
Dann eine berufliche Krise des Mannes. Plötzlich hängt mehr von ihrer Arbeit und ihrem Verdienst ab. Der Druck steigt. Dann stirbt der Vater. Die trauernde Mutter braucht jetzt jemanden, der bei ihr ist. Selbstverständlich steht die Tochter zur Verfügung. So hat sie es gelernt. Da zu sein: für die Mutter, den Mann, den Sohn, für alle. Sie gibt immer und bekommt nie. Das Hamsterrad dreht sich schneller. Aus Müdigkeit wird Erschöpfung.
In der folgenden Zeit erlitt er Schwindelanfälle, manchmal wurden seine Arme taub, nachts suchten ihn Schwitzattacken heim. "Da war etwas, aber man konnte nichts feststellen." Sein Leben setzte Wichmann fort wie gewohnt, mit all den Sorgen um seine Frau, deren Gesundheit angegriffen war, um seine Töchter, die jüngere leidet an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, und vor allem um Job und Karriere. Er arbeitete rastlos. Meist nahm er noch Akten mit nach Hause, ackerte bis 22 Uhr und stand um fünf Uhr wieder auf.
Als sein Unternehmen fusionierte und die Zentrale verlegt wurde, beschloss er, in Hamburg zu bleiben. Eine klare Entscheidung. Aber keine leichte. Nach einem Urlaub in Kalifornien, in dem er sich nicht erholt hatte, erkrankte seine Frau schwer, eine sofortige Operation war notwendig. Da kippte er. "Ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Angst, totaler Erschöpfung, das nicht mehr wich." Auch als seine Frau wieder zu Hause war, bekam er sich nicht in den Griff. "Ihr ging es langsam wieder besser, mir immer schlechter." Eines Morgens schaffte er es nicht mehr, sich die Zähne zu putzen. Heute, zwei Jahre später, nach Klinikaufenthalt, mühseliger Rehabilitation und schrittweiser Rückkehr in den Beruf, blickt er zurück und sagt leise: "Ich würde mir wünschen, es nicht so weit getrieben zu haben; es war eine schockierende Erfahrung - man verliert die Kontrolle und weiß einfach nicht, wie es weitergeht."
Seltsam: Die Konjunktur brummt, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, die Konsumfreude überschlägt sich, aber in den Wartezimmern der Psychiater drängen sich die Hilfesuchenden. "Es sind zunehmend Jüngere, die mit den Belastungen ihres Lebens nicht fertig werden." Das beobachtet der Hamburger Chefarzt und Therapeut Michael Stark. Erschöpft, überfordert, ausgebrannt - das Burnout-Gefühl verbreitet sich wie Grippe im Februar. Und Opfer der Epidemie sind vor allem Menschen zwischen 30 und 50, die auf der Höhe ihrer körperlichen Kräfte sind und ihre Leistungsfähigkeit viele Jahre bewiesen haben. Weshalb geraten sie plötzlich an ihre Grenze?
Soziologen haben für den biografischen Abschnitt zwischen dem Ende der Ausbildung und der Lebensmitte eine griffige Bezeichnung gefunden: Rushhour des Lebens. Alles drängt sich hier zusammen, Familiengründung, Kinderbetreuung und Berufseinstieg, dazu häufig der Erwerb eines Eigenheims und die Sorge um alt gewordene Eltern. Die Tücke dieser Lebensphase: Eigentlich Unvereinbares muss vereint werden.
In der Zeit, in der wir am meisten Zeit für die Familie brauchen, müssen wir auch am meisten arbeiten. Irgendwann ist es ein Teufelskreis, wie ihn der Hamburger Werber Carsten G. erlebt: Statt des dritten Wunschkindes bringt seine Frau Zwillinge zur Welt; damit fällt sie für jede Art von Berufstätigkeit aus; die zu klein gewordene Wohnung wird gegen ein eigenes Haus am Stadtrand getauscht; die täglichen Wege verlängern sich, die knappe Freizeit geht für Hausbasteleien drauf, eine Reduzierung der beruflichen Belastung ist schon wegen der Kreditverpflichtungen unmöglich; und jetzt ist auch noch die Schwiegermutter krank geworden. Die Tochter kann aber nur helfen, wenn ihr Mann sich noch mehr um die Kinder kümmert. "Mir bleiben", rechnet G. vor, "sechzig Minuten am Tag für mich: dreißig, wenn ich morgens ins Büro fahre, dreißig, wenn ich abends heimkehre." Und meistens klingelt da auch noch das Handy.
Dem klagenden Patienten gab die 25. Zivilkammer des Landgerichts München jetzt recht. Sie folgte dem Erlanger Professor Wolfgang Sperling, der in seinem Gutachten den engen Zusammenhang zwischen dem Ausbrennen des Finanzmaklers und seinem Persönlichkeitsprofil deutlich machte. Die "beruflich bedingte exogene Belastung" habe zum Burnout beigetragen, aber mehr noch die "aus seiner Persönlichkeit heraus getriebene permanente Unruhe und fast zwanghaft anmutende Tendenz zum Perfektionismus, der er auf Dauer nicht gewachsen sein konnte". Es sind vor allem Menschen mit leistungsorientierter oder idealistischer Einstellung, die gefährdet sind. Die Faktoren, die Überforderung hervorrufen, sind vielfältig. Besonders dramatisch, so der Psychiater Schürgers, wirke sich die enorme Beschleunigung des Lebens aus: Dank Handy, Smartphone, Blackberry, E-Mail et cetera ist jeder jederzeit erreichbar, der Austausch von Informationen erfolgt blitzschnell, ebenso schnell müssen Entscheidungen gefällt werden. Zeit für reifliche Überlegung bleibt selten, Stress wird zum ständigen Begleiter. Dank modernster Technik kann auch immer und überall gearbeitet werden, die Freizeit ist porös geworden. Das führt zu einer Daueranspannung, besonders bei Jüngeren, Erfolgsorientierten, die manchmal kaum noch Phasen wirklicher Entspannung erleben.
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Stern
Ausgabe 30/2007