Lange Zeit galten sie als die Lösung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen: Teilzeitjobs. Doch sie führen Millionen von Frauen in die Sackgasse. Sie reiben sich auf, verdienen wenig Geld und machen selten Karriere. Zeit, Abschied zu nehmen von einem lieb gewordenen Modell. Von Catrin Boldebuck und Doris Schneyink

Chemieingenieurin Martina Finke-Höppner, 39, entschied sich für eine 80-Prozent-Stelle. "Sonst hätte ich keine Führungsposition übernehmen können"© Marek Vogel
Um vier Uhr klingelt der Wecker, schnell duschen, anziehen, ein Blick auf die Mädchen und ihren Mann, die Sachen für die Kleinen hat sie abends schon rausgelegt, dann rein ins Auto. Um 4.40 Uhr fährt Elke Zahner-Meike los, Bayern 5 sendet noch das Nachtprogramm. Knapp 90 Kilometer sind es von München nach Augsburg, wo die 39-jährige Biologin im Landesamt für Umwelt arbeitet. Sie fängt montags und dienstags um sechs Uhr an und hört gegen zwölf Uhr auf, dann hetzt sie zurück nach München, um Johanna, 5, und Sophie, 2, aus Kindergarten und Krippe abzuholen. Und abends, wenn die Mädchen friedlich schlafen, stellt Mama die Spülmaschine an, hängt Wäsche auf, checkt ihre E-Mails und wälzt Literatur für ihr Fernstudium zur Fachjournalistin.
Elke Zahner-Meike findet es völlig normal, was sie sich da zumutet: Für 16 Stunden bezahlte Arbeit pro Woche steht sie mitten in der Nacht auf, fährt fast 400 Kilometer Autobahn, arbeitet mittwochs von zu Hause aus und organisiert das komplette Familienleben. Allein. Ihr Mann ist als IT-Projektleiter beruflich voll eingespannt und kommt erst spät nach Haus. "Ich könnte mir manches einfacher machen", sagt die Biologin, "aber es ist mein Anspruch, alles möglichst gut zu machen. Ich will meinen Kindern gerecht werden und in der Arbeit präsent sein", sagt sie.
Elke Zahner-Meike arbeitet Teilzeit. Wie fast neun Millionen Frauen in Deutschland. Mit einer unglaublichen Energie versuchen diese Frauen, das Unmögliche möglich zu machen - zu arbeiten und Kinder zu betreuen, in einem Land, in dem die Schulen um 13 Uhr schließen und Krippenplätze rar sind. Also konkurrieren viele morgens mit den Männern im Büro und nachmittags mit den Vollzeitmüttern um das beste Bildungsangebot für die Kinder. Turnen, Englisch, Trachtentanz, Flöte, Kindertanz - all das bietet Elke Zahner-Meike ihren Töchtern. Im Elternrat des Kindergartens engagiert sie sich auch noch.
Rund 40 Prozent aller Paare leben wie Elke Zahner-Meike und ihr Mann in der "modernen Ernährerkonstellation". Das heißt: Er arbeitet 40 Stunden, sie um die 20. Er macht Karriere und schafft den größten Teil des Einkommens herbei. Sie verdient ein bisschen dazu und hält ihm den Rücken frei. Im Fußball würde man sagen, sie spielt auf der Libero-Position - hinten hält sie den Laden zusammen und rückt ab und zu in die Spitze vor. Dieses Modell hat die traditionelle Hausfrauen-Ehe abgelöst und den Arbeitsmarkt radikal verändert: So hat sich die Zahl der Teilzeitjobs in den vergangenen 15 Jahren von 5,5 Millionen auf 11 Millionen verdoppelt. Jede dritte Stelle ist keine Vollzeitstelle mehr. Und es sind zu 75 Prozent Frauen, die diese Jobs übernehmen.
Sie brauchen Teilzeit, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Doch dafür verzichten die Frauen auf viel: auf Anerkennung, Geld, Karrierechancen, eine ordentliche Rente. Welcher Mann würde das auf Dauer freiwillig tun? Der Familienforscher Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg sagt: "Der Druck auf die Frauen ist enorm gestiegen, für die Männer hat sich nicht viel verändert."
Martina Bethke gehört zu den Frauen, die ständig unter Druck stehen. In letzter Zeit streitet sie sich immer häufiger mit ihrem Mann und den vier Töchtern. Ihren richtigen Namen möchte die Architektin nicht nennen, ihre Probleme versucht sie klein-zureden. "Ich habe doch alles: vier gesunde Kinder, ein Haus, einen Mann. Eigentlich geht es mir doch gut", sagt die 39-Jährige. Eigentlich. Martina Bethkes Tag beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 22 Uhr, wenn sie das Essen für den nächsten Tag vorgekocht hat. Sie arbeitet 25 Stunden pro Woche in einem Ingenieurbüro und baut auch noch gemeinsam mit ihrem Mann das Haus in Hannover um. Eigentlich braucht Martina Bethke dringend Unterstützung, aber sie will nicht mal eine Putzfrau engagieren. "Das würde in unserem Chaos gar nicht viel bringen", winkt sie ab. Und zu teuer ist es auch.
Martina Bethke ist erschöpft, nachts findet sie kaum Schlaf. Vor Kurzem nahm sie fünf Tage an einem Burn-out-Präventionskurs der Techniker Krankenkasse teil. Die Plätze dafür sind Wochen im Voraus ausgebucht. "Der Bedarf ist gigantisch", sagt Leiterin Helen Heinemann. In ihren Kursen sitzen vor allem Mütter mit Halbtagsjobs, Durchschnittsalter 42, viele haben studiert. "Die Frauen schämen sich, sie denken: Ich arbeite doch nur halb und bin trotzdem völlig fertig."
Übernommen aus ...
Ausgabe 32/2008