10. August 2008, 10:08 Uhr

Raus aus der Teilzeitfalle

Lange Zeit galten sie als die Lösung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen: Teilzeitjobs. Doch sie führen Millionen von Frauen in die Sackgasse. Sie reiben sich auf, verdienen wenig Geld und machen selten Karriere. Zeit, Abschied zu nehmen von einem lieb gewordenen Modell. Von Catrin Boldebuck und Doris Schneyink

Chemieingenieurin Martina Finke-Höppner, 39, entschied sich für eine 80-Prozent-Stelle. "Sonst hätte ich keine Führungsposition übernehmen können"©

Um vier Uhr klingelt der Wecker, schnell duschen, anziehen, ein Blick auf die Mädchen und ihren Mann, die Sachen für die Kleinen hat sie abends schon rausgelegt, dann rein ins Auto. Um 4.40 Uhr fährt Elke Zahner-Meike los, Bayern 5 sendet noch das Nachtprogramm. Knapp 90 Kilometer sind es von München nach Augsburg, wo die 39-jährige Biologin im Landesamt für Umwelt arbeitet. Sie fängt montags und dienstags um sechs Uhr an und hört gegen zwölf Uhr auf, dann hetzt sie zurück nach München, um Johanna, 5, und Sophie, 2, aus Kindergarten und Krippe abzuholen. Und abends, wenn die Mädchen friedlich schlafen, stellt Mama die Spülmaschine an, hängt Wäsche auf, checkt ihre E-Mails und wälzt Literatur für ihr Fernstudium zur Fachjournalistin.

Elke Zahner-Meike findet es völlig normal, was sie sich da zumutet: Für 16 Stunden bezahlte Arbeit pro Woche steht sie mitten in der Nacht auf, fährt fast 400 Kilometer Autobahn, arbeitet mittwochs von zu Hause aus und organisiert das komplette Familienleben. Allein. Ihr Mann ist als IT-Projektleiter beruflich voll eingespannt und kommt erst spät nach Haus. "Ich könnte mir manches einfacher machen", sagt die Biologin, "aber es ist mein Anspruch, alles möglichst gut zu machen. Ich will meinen Kindern gerecht werden und in der Arbeit präsent sein", sagt sie.

Sie spielt auf der Libero-Position

Elke Zahner-Meike arbeitet Teilzeit. Wie fast neun Millionen Frauen in Deutschland. Mit einer unglaublichen Energie versuchen diese Frauen, das Unmögliche möglich zu machen - zu arbeiten und Kinder zu betreuen, in einem Land, in dem die Schulen um 13 Uhr schließen und Krippenplätze rar sind. Also konkurrieren viele morgens mit den Männern im Büro und nachmittags mit den Vollzeitmüttern um das beste Bildungsangebot für die Kinder. Turnen, Englisch, Trachtentanz, Flöte, Kindertanz - all das bietet Elke Zahner-Meike ihren Töchtern. Im Elternrat des Kindergartens engagiert sie sich auch noch.

Rund 40 Prozent aller Paare leben wie Elke Zahner-Meike und ihr Mann in der "modernen Ernährerkonstellation". Das heißt: Er arbeitet 40 Stunden, sie um die 20. Er macht Karriere und schafft den größten Teil des Einkommens herbei. Sie verdient ein bisschen dazu und hält ihm den Rücken frei. Im Fußball würde man sagen, sie spielt auf der Libero-Position - hinten hält sie den Laden zusammen und rückt ab und zu in die Spitze vor. Dieses Modell hat die traditionelle Hausfrauen-Ehe abgelöst und den Arbeitsmarkt radikal verändert: So hat sich die Zahl der Teilzeitjobs in den vergangenen 15 Jahren von 5,5 Millionen auf 11 Millionen verdoppelt. Jede dritte Stelle ist keine Vollzeitstelle mehr. Und es sind zu 75 Prozent Frauen, die diese Jobs übernehmen.

"Druck auf die Frauen ist enorm gestiegen"

Sie brauchen Teilzeit, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Doch dafür verzichten die Frauen auf viel: auf Anerkennung, Geld, Karrierechancen, eine ordentliche Rente. Welcher Mann würde das auf Dauer freiwillig tun? Der Familienforscher Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg sagt: "Der Druck auf die Frauen ist enorm gestiegen, für die Männer hat sich nicht viel verändert."

Martina Bethke gehört zu den Frauen, die ständig unter Druck stehen. In letzter Zeit streitet sie sich immer häufiger mit ihrem Mann und den vier Töchtern. Ihren richtigen Namen möchte die Architektin nicht nennen, ihre Probleme versucht sie klein-zureden. "Ich habe doch alles: vier gesunde Kinder, ein Haus, einen Mann. Eigentlich geht es mir doch gut", sagt die 39-Jährige. Eigentlich. Martina Bethkes Tag beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 22 Uhr, wenn sie das Essen für den nächsten Tag vorgekocht hat. Sie arbeitet 25 Stunden pro Woche in einem Ingenieurbüro und baut auch noch gemeinsam mit ihrem Mann das Haus in Hannover um. Eigentlich braucht Martina Bethke dringend Unterstützung, aber sie will nicht mal eine Putzfrau engagieren. "Das würde in unserem Chaos gar nicht viel bringen", winkt sie ab. Und zu teuer ist es auch.

Die Frauen schämen sich

Martina Bethke ist erschöpft, nachts findet sie kaum Schlaf. Vor Kurzem nahm sie fünf Tage an einem Burn-out-Präventionskurs der Techniker Krankenkasse teil. Die Plätze dafür sind Wochen im Voraus ausgebucht. "Der Bedarf ist gigantisch", sagt Leiterin Helen Heinemann. In ihren Kursen sitzen vor allem Mütter mit Halbtagsjobs, Durchschnittsalter 42, viele haben studiert. "Die Frauen schämen sich, sie denken: Ich arbeite doch nur halb und bin trotzdem völlig fertig."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 32/2008

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
starmax (12.08.2008, 00:25 Uhr)
Und als Krönung Zeitarbeit....
so werden in D tatsächlich Menschen ausgebeutet: Bis zu 60% verdienen dank SPD(!)-Clement-Addecco-Lobbyist diese Firmen an der Arbeit gerade von Niedrig- und TZ-Löhnern. Urlaubsgeld z.B., das ihnen zusteht als tarifliche Nebenleistung wie jedem Vollzeit-AN des Betriebes, wird verschwiegen und eingesackt, Urlaub wird falsch berechnet, Lohngelder einbejhalten etc.
Und: 1-Euro-Jobs kosten den Steurzahler 3 Milliarden jährlich, bringen NICHTS. Arbeitslosigkeit wird von einer völlig überflüssigen 100.000-Mann-Wasserkopf-Behörde verwaltet mit Milliardenkosten. Und dergleichen mehr. Wann gehen wir endlich auf die Straße?
2stalin2 (11.08.2008, 05:42 Uhr)
AUSBEUTUNG
...erst wenn es echte Bestrafung geben würde für Krawatenträger die Handwerker ausnehmen wird sich was enden ; ales wischi-waschi....
BodhiHangari (10.08.2008, 23:26 Uhr)
langsam-reicht-es
wahr gesprochen
BodhiHangari (10.08.2008, 23:12 Uhr)
Partner statt Rivalen!Frauen sollen Kinder kriegen!
So ein artikel kann ja nur von frauen für frauen geschrieben sein.wenn die verbrecherbande um rockefeller und co nicht diese idee mit der doppelten einkommenssteuer durch berufstätige frauen gehabt haetten,waere unsere gesellschaft noch in ordnung.maenner und frauen waeren wieder partner und keine rivalen mehr!
Sternchen2020 (10.08.2008, 18:07 Uhr)
@quarkmachtstark
Ich habe davon gesprochen, wie man hier einmal mehr alles von Staats wegen regulieren will, wie gehäuft seit einigen Jahren. Und nicht darüber, wie ich selbst das handhabe. Als bestens ausgebildete Mitarbeiterin mit ordentlichem Verdienst ist eine gute Betreuung etwas, was man selbst regeln kann. Ich sehe da überhaupt keinen Handlungsbedarf für Politik, sich wieder einmal bis in die tiefsten Privatsphären der Menschen einzumischen. Jeder soll seine Kinder so erziehen, wie er es für richtig hält. Ganztags hätte ich persönlich meine Kinder nie aus der Hand gegeben, ich gehöre allerdrdings zur Sorte Mensch, der außer einem angemessen hohen Steuerfreibetrag nichts vermisst und das Leben selbst managt. Dazu zählt auch, dass meine Arbeit einen Wert hat, den ich durch eigene Gehaltsverhandlung auch erhalte. Was fehlt, sind also nur vernünftige Rahmenbedingungen, für geeignete Betreuungen und/oder Haushaltshilfen kann jeder selbst sorgen, der gut verdient.
Anders sieht es bei Geringverdienern aus, die leider keine Wahl haben. Da besteht natürlich wesentlich mehr Handlungsbedarf, damit diese Klientel ebenfalls Wahlfreiheiten hat.
Kommentar (10.08.2008, 16:51 Uhr)
Schlechte Beispiele
In beiden Beispielen waren die Eltern Akademiker mit einem erfolgreichen Mann und einer teilzeitarbeitenden Frau, die mit der Doppelbelastung nicht zurecht kommen.
Wer sich da keine Haushaltshilfe oder Putzfrau nimmt, ist selbst schuld. Und wer als Doppelverdiener mit nem Mann im der IT-Projektleitung kein Geld dafür übrig hat, der muss dringend zur Erziehungs- und Schuldnerberatung oder in Therapie.
Mit schlechter Bezahlung von Frauen haben diese Beispiele ja nun überhaupt nichts zu tun.
Sondern lediglich mit eigener Dummheit und einem unangemessenen Lebensstil...
quarkmachtstark (10.08.2008, 16:15 Uhr)
Sternchen2020
was soll denn dieses Horrorszenario? Mein Kind geht tagsüber in den Kindergarten, wo es gut betreut wird und kommt nachmittags wieder nach Hause. Es wird dort weder ideologisch noch politisch auf Linie gebracht. Und ich kann tagsüber in Ruhe arbeiten. Für Erziehung bleibt immer noch genügend Zeit. Deren Qualität bemisst sich doch nicht daran, ob ich den ganzen Tag mit meinem Kind verbringe, sondern was ich ihm inhaltlich vermittle.
So eine Diskussion mit Extrempositionen - "gut sind nur die Berufstätigen" oder "toll sind nur die Vollzeitmütter und Fremderziehung ist Sozialismus" hilft doch niemandem weiter. Fakt ist, dass in Deutschland bezüglich familienfreundlicher Arbeitszeiten noch viel passieren muss und dass Frauen in ihrem eigenen Interesse keine Karrierechanden verschenken sollten - eine "Versorgerehe" hält nicht zwangsläufig ein Leben lang!
Sternchen2020 (10.08.2008, 15:08 Uhr)
Politik Frauenbewegungen
Nun, Politik udn auch Frauenrechtlerinnen (oftmals kidnerlos) propagieren doch inzwischen das letzte Kapitel eines Horror-Szenarios, das restlos alles wirtchaftlichen Fakrtoren unterordnet.
Nun fehlt noch die straffe Durchorganistion. Die DDR hat das damals so geregelt, das dei Kinder Montag morgens abgegben wurden und Freitag abends abgeholt wurden. In der Zwischenzeit wurden die KInder politisch auf Linie gebracht und nach Staatsgeschmack erzogen, während die Mütter anderweitig ausgelaugt wurden.
Glückwunsch zu ener solch abstrusen, bizzaren Welt. Wer das Zukunft nennt, ist genauso verblendet von Ego und Ideologie wie jene, die Kindererziehung schon mal perse als Hobby, vor allem aber nicht als harte Arbeit ansehen.
Leseratte79 (10.08.2008, 13:29 Uhr)
Bei uns...
...sieht es im Moment so aus, dass Vollzeitstellen durch 2 Teilzeitkräfte ersetzt werden. Eigentlich sollte es 1 Leitung, 1 Vollzeit und 2 Teilzeit Stellen geben. Im Moment haben wir 1 Vollzeit und 2 Teilzeit. Die 46 Stunden in der Woche die durch die Leitung fehlen müssen 2 Teilzeitler auffangen- ob sie wollen oder nicht. Durch die immer wieder befristeten Verträge muckt auch keiner auf. Ist schon hart genug "Aufstocker" zu sein- ganz in Hartz4 zu rutschen will keiner. Da nimmt man schon mal eine 6 Tage Woche in Kauf plus Wochenende und übernimmt unbezahlt ohne Ende "Führungsaufgaben" ohne einen Cent mehr oder Dank. Am Ende zittert man dann um den neuen befristeten Vertrag. Aber was hat man schon für eine Wahl? Stempeln gehen? Für mich keine Alternative. Zweitjob? Tolle Idee aber schwer wenn man seinen Schichtplan für die nächste Woche am Donnerstag vor Wochenbeginn erhält. Arbeitgeber haben ein gutes System um sich ihre "Sklaven" bei der Stange zu halten. Warum keiner aufsteht und Steiner wirft? Wer zahlt meine Miete und mein Essen wenn der Stein geflogen ist? Ich wählt schon lange nicht mehr die Schmarotzer an der Macht...anscheinend machen es aber noch zu viele andere.
arainn (10.08.2008, 13:21 Uhr)
Kinder vs. Karriere
Solange unsere Gesellschaft als obersten Zweck den Profit des Einzelnen und nicht der Gemeinschaft sieht wird sich an dieser für Kinder aus meiner Sicht negativen Konkurrenz zwischen beruflichem Fortkommen und Kindererziehung nichts ändern.
Eine gleichberechtigte Arbeitsteilung zwischen den Eltern sehe ich auch als erstrebenswert an.
Die Variante Frau macht Karriere, Mann betreut die Kinder funktioniert auf Dauer nicht, da sich die Frauen im Patriachat in der Regel einen Mann wünschen, zu dem sie aufsehen können.
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