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28. November 2005, 06:58 Uhr

Immer der Arbeit nach

In der Heimat überflüssig, im Ausland begehrt: So viele Deutsche wie noch nie fanden seit Ende des Zweiten Weltkriegs einen Job in der Ferne. Auswanderer erzählen von Glücksmomenten und Krisen - und wie sie es geschafft haben.

Franz Loibl (39), Metzgermeister, wanderte im April 2004 mit Familie von Schöllnach/Bayern nach Johannesburg aus© Per-Anders Petterson

Thomas Reiche, 46, hat sich eine Fahne gekauft, blaues Kreuz auf rotem Grund - am Nationalfeiertag wird sie gehisst, dann zieht er seinen guten Anzug an und winkt den Umzügen zu. Thomas Reiche ist Deutscher, aber er wohnt im Örtchen Manstad in Südnorwegen. Dort hat er einen gut bezahlten Job als Maurer, ein weißes Holzhäuschen mit rotem Schuppen, vier Angelruten und ein kleines Boot im Oslo-Fjord. "Hier geh ich nicht mehr weg", sagt er. "Ich kann das nicht, mich noch mal in die Schlangen vor dem Arbeitsamt einreihen."

Die Auswanderung nach Norwegen war für den Maurer aus Markranstädt bei Leipzig eine Befreiung. In Deutschland musste er vor fünf Jahren seine Baufirma schließen und elf Mitarbeiter entlassen. Es folgten zwei Jahre Sozialhilfe, dann Jobs ohne Zukunft - als Hausmeister im Westen, als Leiharbeiter in Österreich. Das Angebot, nach Norwegen zu gehen, machte ihm das Europa-Job-Center Magdeburg, das Deutsche mit Sprachkursen und Bewerbungstraining aufs Ausland vorbereitet. "An einem Freitag hab ich's erfahren, Montag sollte es losgehen", erinnert sich Reiche. "Also habe ich nicht lange nachgedacht, alle Sachen ins Auto gepackt und bin losgefahren."

Raus aus der Depression: Mehr als 150.000 Deutsche haben es 2004 gemacht wie Thomas Reiche - sie sind fortgezogen aus Deutschland und haben sich irgendwo auf der Welt einen neuen Platz gesucht, zum Leben und zum Arbeiten. 150.000 - das ist, als würde etwa ganz Heidelberg die Koffer packen. Es sind 18 Prozent mehr als 2003, und es ist die höchste Zahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und mit den 150.000 sind längst nicht alle Auswanderer erfasst. Der Osnabrücker Migrationsforscher Professor Klaus Bade sagt: "Es gehen mehr Deutsche ins Ausland, als aus der offiziellen Fortzugstatistik hervorgeht." Erfasst werden nur diejenigen, die sich beim Amt offiziell abmelden. Das machen aber viele nicht, aus Unsicherheit darüber, ob sie nicht doch bald zurückkommen.

Wer jetzt geht, tut das nicht unbedingt, weil ihm ein verlockendes Jobangebot gemacht wurde oder weil die Firma ihn schickt. Immer mehr Menschen treibt die Not. "Hauptgrund sind die schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt", sagt Forscher Bade. "Außerdem wird das Netz der sozialen Systeme in Deutschland lockerer. Ein Durchrutschen ist leichter als früher." Da versucht man es schon mal mit einem Job fern der Heimat, verlässt die Familie, geht in ein Land, das man nicht kennt, und hofft, dass alles klappt.

Metzgermeister Franz Loibl, 39, hatte drei Monate Zeit, um sich für sein neues Leben zu entscheiden. Drei Monate Bedenkzeit, ob er die 5000-Seelen-Gemeinde Schöllnach/Bayern gegen die Drei-Millionen-Metropole Johannesburg/Südafrika eintauschen sollte. Nach der Probearbeit sagte er seinem neuen Arbeitgeber zu und buchte schließlich die Tickets für seine Frau Lisa, 34, und die Söhne Leo, 3, und Konstantin, 8. Mit einem zwölfstündigen Flug ließen sie Deutschland und Europa hinter sich.

Die Scheibenwischer seines Autos hat Franz Loibl seit Monaten nicht mehr benutzt. In Südafrika ist derzeit Frühling, 28 Grad, blauer Himmel. Seine Frau genießt das schöne Haus, das sie sich jetzt leisten können, und den Pool. Doch Franz Loibl träumt vom Schnee. Auch nach eineinhalb Jahren in Johannesburg hat er immer wieder Heimweh. Er sagt: "Zu Hause fängt bald die Skisaison an."

Aber zu Hause ließ sich kein Geld mehr verdienen. Zwei Metzgereifilialen mit 15 Mitarbeitern hatte Loibl im Bayerischen Wald. Erst starben die Tante-Emma-Läden, die treuesten Abnehmer. Dann kauften die Supermärkte ihre Würstchen nur noch bei günstigen Großlieferanten. Zuletzt brachten tschechische Metzger ihre Ware über die nahe Grenze. Den Preiskampf konnte er nicht gewinnen. "Ich habe versucht, mich mit einem Catering-Service zu retten, aber das machte alles keinen Sinn", erzählt Loibl.

Dann las er in einer Fachzeitschrift, dass Metzger im Ausland gute Chancen hätten. Wenn es um die Wurst geht, sind Deutsche weltweit führend, Deutsch ist sogar Fachsprache. Über die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur fand Loibl eine Stelle als Produktionsleiter in einem Metzgereibetrieb mit 180 Angestellten. Das Unternehmen stellt deutsche Spezialitäten für die Oberschicht Südafrikas her - und billige Wurst und Trockenfleisch für die schwarze Bevölkerung. Ein Stück Heimat holt sich Franz Loibl bei der Arbeit zurück: "Seit ich hier bin, gibt es wieder eine richtige Kruste auf dem Leberkäs, und die Weißwürste werden jede Woche frisch gemacht."

Monika Varnhagen, Direktorin der ZAV, sieht in der zunehmenden Zahl der Auswanderer einen Trend: "Dass Menschen weltweit nach Arbeitsplätzen suchen, ist nur eine logische Folge der Internationalisierung. So wie Unternehmen mehrere Standorte aufbauen, so reagieren auch die Menschen auf den Markt. Dieser Trend wird sich noch verstärken."

Manager, Studenten, Wissenschaftler, abenteuerlustige Globetrotter - die waren schon immer mobil und sind gern für ein paar Jahre ins Ausland gegangen. Die neuen Auswanderer sind gut qualifizierte, aber einfache Leute: Maurer, Dachdecker und Kellner, Bauern, Erzieher und Pfleger. Sie verfügen weder über Beziehungen, noch haben sie Stipendien, sie sprechen kaum Englisch, und alles, was sie anzubieten haben, sind ihr Mut und ihr berufliches Können. Das aber zählt viel im Ausland: Australien wirbt beispielsweise seit August in einer großen Kampagne deutsche Fachkräfte an. Und der Maurer Thomas Reiche ist in seinem Übungsbuch "Ny i Norge" (Neu in Norwegen) zwar nie über Kapitel vier hinausgekommen. Doch weil sein Chef schnell merkte, dass der Neue aus Tyskland sein Handwerk versteht, bekam Reiche einen festen Vertrag. 21 Euro verdient der Maurer in der Stunde, "in Deutschland gibt's auf dem Bau selten mehr als acht Euro".

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 48/2005

Wohin die Deutschen gehen 2004 meldeten sich 150.000 Deutsche in der Heimat ab. Sie zogen in über 200 Staaten. Die zehn beliebtesten Länder:
USA 12 976
Schweiz 12 818
Polen* 9658
Österreich 8532
Großbritannien 7842
Frankreich 7270
Spanien 7196
Niederlande 3571
Italien 3448
Belgien 2548
* Experten gehen davon aus, dass es sich hier vor allem um Aussiedler handelt, die nach Polen zurückgehen.

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