20. März 2007, 12:46 Uhr

Sind Pflegefälle ein Tabu?

Wenn Eltern, Schwiegereltern oder der Partner plötzlich zum Pflegefall werden, wissen viele Berufstätige nicht weiter. Die Betreuung erfordert viel Zeit - und ist weder in der Intensität noch der Dauer berechenbar. Doch Firmen bieten da kaum Hilfe.

Für Familienangehörige ist die Pflege meist belastender als die Erziehung kleiner Kinder©

Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird in unserer überalteten Gesellschaft zumehmend ein Thema. "Wir merken, dass das Thema Pflege mehr und mehr Unternehmen belastet", berichtet der Geschäftsführer von "Beruf und Familie", Stefan Becker. "Es ist aber bei vielen noch ein Tabu. Konkrete Angebote sind erst ganz am Anfang. Dabei kann man ganz viel bei der Arbeitszeit machen." Die Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung mit Sitz in Frankfurt unterstützt in Deutschland derzeit rund 450 Firmen und Institutionen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

2020 sind knapp drei Millionen Deutsche betroffen

Zusammen mit dem Unternehmensberater Prognos hat die Initiative nach eigenen Angaben erstmals systematisch "betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege" in einem Leitfaden zusammengestellt. "Wir wollten das Thema offensiv angehen, und nicht wie bei der Kinderbetreuung immer nach Skandinavien und Frankreich schauen", sagt Becker und verweist auf die demographische Entwicklung. Rund 2,1 Millionen Menschen waren nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes Ende 2005 im Sinne des Gesetzes pflegebedürftig. Das sind 2,5 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. 2020 sind es dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge voraussichtlich schon 2,9 Millionen, wie Becker sagt. Die Folge: "Immer mehr Mitarbeiter kümmern sich neben dem Beruf um die Pflege ihrer Eltern."

Beispiele dafür, wie das gehen kann, "haben wir händeringend gesucht", berichtet Becker. Ford in Köln ist eines davon. 2003 rief der Autobauer eine Mitarbeitergruppe "Arbeiten & Pflege" ins Leben. Inzwischen gibt es Lotsen und einen Notfallplan für plötzliche Pflegefälle. Die AOK Hessen berät ihre Mitarbeiter in Fragen der häuslichen Pflege und vermittelt konkrete Angebote, wenn ein Angehöriger nach einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer schweren Krebserkrankung plötzlich auf Pflege angewiesen ist.

DaimlerChrysler bietet "Pausenmodell"

Bei DaimlerChrysler im rheinland-pfälzischen Wörth können pflegende Berufstätige von einem "Pausenmodell" Gebrauch machen. Danach können sie bis zu einem Jahr unbezahlten Urlaub nehmen, oder drei Jahre mit Wiedereinstellungsgarantie ausscheiden. Damit die Beschäftigten ihr Fachwissen nicht verlernen, sollen sie an Weiterbildungen teilnehmen und Urlaubsvertretungen übernehmen.

Solche Freistellungen und Sonderurlaube, aber auch Gleitzeitmodelle, Arbeitszeitkonten, Nachmittags-Teilzeitarbeit und Heimarbeit sind weitere Vorschläge der Experten. Damit die Arbeit des abwesenden Kollegen aufgefangen werden kann, müsse es klare Regeln für die Kommunikation und die Dokumentation geben.

Teil des Mitarbeitergesprächs

Die Kreisverwaltung Rhein-Hunsrück stellt Mitarbeiter für die Pflege Angehöriger und die Sterbebegleitung kurzfristig - bis zu einem Jahr - frei. Sie ist auch sehr kulant, wenn Beschäftigte nach dem Tod des Angehörigen früher als angenommen ins Arbeitsleben zurück kehren wollten. Der Landrat weise die Arbeitnehmer und Führungskräfte zudem regelmäßig offensiv auf die Herauforderung von Beruf und Pflege hin, und habe das Thema als festen Punkt für die Mitarbeitergespräche verankert.

Ira Schaible/DPA
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
kaksonen (21.03.2007, 09:42 Uhr)
Alzheimer
Meine Schwiegermutter, 95 Jahre alt, ist seit mehr als fünf Jahren an Alzheimer erkrankt. Da sie regelmäßig Medikamente nimmt, schreitet die Krankheit nur langsam voran. Immerhin hat sie vor einer Woche ganz aufgelöst ihr Baby gesucht, das ihr nach ihren Worten jemand gestohlen hat. Trotzdem wohnt sie noch in ihrem eigenen kleinen Häuschen.
Wie kommt sie nun zurecht? Sie wird viermal täglich von kommunalen Haushaltshilfen besucht, die ihr beim Aufstehen helfen, ihr Essen besorgen, einkaufen, die Wohnung und ihre Wäsche in Ordnung halten und sie abends wieder zu Bett bringen. Einmal wöchentlich kommt eine Krankenschwester, die ihre Medikamente besorgt. Einmal pro Woche verbringt sie einen Tag in einem Gemeinschaftshaus für Ältere, geht zur Sauna, bekommt die Mahlzeiten des Tages, beschäftigt sich zusammen mit den anderen mit anregenden Spielen.
Wir wohnen etwa 200 km von ihr entfern. Es genügt, wenn wir sie alle zwei Wochen einmal besuchen und das Tagebuch durchlesen, das von den Haushaltshilfen und der Krankenschwester geführt wird und die Rechnungen des Lebensmittelgeschäftes bezahlen, in dem die Haushaltshilfen einkaufen.
Warum das alles so einfach ist? Weil wir in Finnland wohnen!
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