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4. Juli 2007, 17:42 Uhr

Die Mär vom Mangel

Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel. Bildungsministerin Schavan will deshalb die Zuwanderung hochqualifizierter Ausländer erleichtern. Aber eine stern-Umfrage ergab: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen diesen Plan. Von Frank Donovitz

Eine Chemiefachkraft bei der Arbeit. Die Bundesbildungsministerin will die Zuwanderung ausländischer Arbeiter erleichtern© Jens-Ullrich Koch/DDP

Die Arbeitslosigkeit sinkt. Zuletzt zählte die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit 3,687 Millionen Erwerbslose. Das ist der niedrigste Stand seit sechs Jahren. Zudem sind derzeit knapp 650.000 Stellen unbesetzt. Einige Branchen, darunter die IT-Wirtschaft sowie Teile der Metall- und Elektro-Industrie, klagen bereits über Fachkräftemangel. Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) glaubt, dass in zehn Jahren rund 200.000 Ingenieure in Deutschland fehlen könnten.

Prompt will Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Zuwanderung von hochqualifizierten Ausländern erleichtern. Eine knappe Mehrheit der Bundesbürger (52 Prozent) lehnt dies jedoch ab. Das ergibt eine repräsentative Umfrage des Forsa-Insituts im Auftrag des stern. Insbesondere Arbeiter und Angestellte sind gegen vereinfachte Fachkräftezuwanderung (siehe Grafik).

Tatsächlich kann von massenhaftem Fachkräftemangel derzeit keine Rede sein. Die Dauer ungewollter Nichtbesetzung von Stellen hat sich im Durchschnitt nur sehr gering erhöht: Von 19 Tagen im Jahr 2005 auf 21 Tage im vergangenen Jahr. Überdurchschnittlich gestiegen sind diese so genannten Vakanz-Tage vor allem in den Wirtschaftszweigen Chemie, Bau und Handel. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die stern.de vorliegt.

Anders ist die Situation in Branchen, die zuletzt besonders über Fachkräftemangel geklagt haben. Im Jahr 2006 war laut IAB zwar knapp ein Fünftel aller offenen Stellen schwer besetzbar, zu vorderst in der Metall-, Elektro- und Fahrzeugindustrie (siehe Tabelle). Doch deren eingeplante Suchdauer nach neuen Mitarbeitern hat sich im Jahresvergleich von 70 auf 56 Tage verringert. "Das lässt vermuten, dass es bei deren Fachkräfte-Klagen nicht immer darum geht, dass keine geeigneten Personen gefunden werden, sondern dass die Besetzung ganz schnell gehen soll", sagt IAB-Wissenschaftlerin Anja Kettner. Dies gelte auch für den Bereich der wirtschaftlichen Dienstleistungen. Dazu zählen unter anderem der IT-Sektor, die Beraterbranche sowie die Immobilienwirtschaft.

Eher Mängel statt Mangel

"Diese Ergebnisse erhärten unsere Auffassung, dass es zwar partiellen Fachkräftemangel gibt, dies aber kein volkswirtschaftlich gravierendes Problem ist", sagt Forscherin Kettner. Vielmehr rächten sich jetzt die jahrelange Stellenstreichungspolitik vieler Unternehmen. Der unerwartet robuste Wirtschaftsaufschwung habe sie rasch an ihre personelle Kapazitätsgrenze gebracht, schnell qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren, sei angesichts der verbesserten Arbeitsmarktlage schwieriger als noch vor Jahren, so Kettner weiter. Die Arbeitsmarktexpertin empfiehlt den Unternehmen deshalb umzudenken: mehr betriebliche Fortbildung, flexiblere Arbeitszeiten besonders für Frauen, mehr und breiter gefächerte Ausbildung in Berufen mit längerfristiger Perspektive.

Müntefering zum Schavan Vorschlag Bundesarbeitsminister Franz Müntefering hat den Vorstoß von Bildungsministerin Annette Schavan abgelehnt. Den Vorschlag der CDU-Ministerin, die Einkommens-Untergrenze für qualifizierte Zuwanderer von 83.000 auf 40.000 Euro zu senken, halte er "für ziemlichen Unsinn", sagte der SPD-Minister der "Rheinischen Post". Der Vorschlag würde bedeuten, "dass jeder Unternehmer jeden Arbeitnehmer irgendwo aus der Welt, der mehr als 3.300 Euro im Monat verdient, beliebig nach Deutschland holen kann und wir ihm die Möglichkeit zur Niederlassung hier geben müssen", kritisierte Müntefering. Die Welt sei kein Arbeitskräfte-Reservoir, das man anzapfe, wenn im eigenen Land gute Konjunktur sei und man nicht genug Leute ausgebildet habe. "Wir dürfen nichts tun, was die Neigung verstärkt, sich die Ausbildung und Weiterbildung zu sparen."

Von Frank Donovitz
 
 
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