Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger ist ein Marktwirtschaftler reinen Wassers, in Angela Merkels Wohlfühl-CDU gerät er zunehmend in die Defensive. Im stern.de-Interview verdeutlicht Oettinger, was er vom Mindestlohn hält, welche Branchen davon profitieren sollen - und wie es liberalen Christdemokraten in der eigenen Partei ergeht.

Eigentlich ein Gegner des Mindestlohns: Baden-Württembergs Regierungschef Günther Oettinger auf dem CDU-Parteitag in Hannover© DPA
Die Bundespolitik muss der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen weiterhin absoluten Vorrang einräumen. Deswegen ist mir die Position unseres Leitantrags wichtig, dass ein Mindestlohn nur dort und nur dann infrage kommt, wenn Arbeitsplätze nicht gefährdet werden und der Wettbewerb nicht behindert wird.
Das hängt von der Höhe des Mindestlohns ab. Ein Mindestlohn kann eine gewisse soziale Sicherung sein und sittenwidrige Löhne verhindern. Ich will keine Arbeitsplätze erhalten, die nur deshalb existieren, weil sittenwidrige Löhne bezahlt werden. Umgekehrt darf der Unternehmenserfolg durch den Mindestlohn nicht gefährdet werden.
Beim Bewachungsgewerbe kommt ein maßvoller Mindestlohn infrage. Bei der Zeitarbeit gar nicht. Die Zeitarbeit ist das Erfolgsmodell, mit dem wir Arbeitslose wieder in Beschäftigung gebracht haben. Und immer häufiger kommen diese Menschen von befristeten Beschäftigungsverhältnissen in feste Verträge. Deswegen ist mit mir über einen Mindestlohn bei der Zeitarbeit nicht zu verhandeln.
Ich halte die Vereinbarung bei der Post über 9,80 Euro für nicht überzeugend. Aber in einer Koalition müssen einmal gemachte Zusagen auch eingehalten werden. Umso strenger müssen wir künftige Anträge auf Mindestlöhne prüfen.
Der Mindestlohn ist sehr populär. Aber ich glaube, dass die Union bislang viel zu wenig unternommen hat, um die volkswirtschaftlichen und sozialen Gegenargumente zu kommunizieren. Ich bin sicher, wir könnten die Mehrheit unserer Wähler für eine differenzierte und distanzierte Position zum Mindestlohn gewinnen.
Ich sehe bei vielen Delegierten und Bundestagsabgeordneten eine klare Zustimmung zu einer marktwirtschaftlichen Position. Sie ist auch in der CDU Baden-Württembergs gut verankert. Deswegen bin ich sicher, dass die CDU mit klaren Kriterien im Frühjahr die Fülle von Anträgen auf Mindestlöhne beraten wird.
Wir haben beschlossen, dass die CDU-Programme von Leipzig, Düsseldorf und Dresden weiter gelten. Und damit gilt auch, dass der Kündigungsschutz flexibler werden muss und betriebliche Bündnisse vor Ort möglich sein müssen.
Deswegen kommt es darauf an, dass wir unsere marktwirtschaftlichen Positionen in aller Offenheit im Programm für den Wahlkampf 2009 darstellen.