stern und stern.de haben die systematische Überwachung von Angestellten im Einzelhandel aufgedeckt. Wir dokumentieren zwei Fälle von Mitarbeitern, die überwacht und entlassen wurden. Ein Lehrstück, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander umgehen. Von Malte Arnsperger, Axel Hildebrand und Frank van Hoorn

Überwacht, ausgehorcht, entlassen: Im deutschen Einzelhandel trauen viele Unternehmen ihren Mitarbeitern nicht über den Weg© Steffen Füssel/DPA
Im deutschen Einzelhandel werden Mitarbeiter nach Recherchen des stern und stern.de systematisch überwacht. Discounter wie Lidl, Penny, Plus, Netto und Norma setzen versteckte Kameras und Detektive ein, um ihre Beschäftigten zu kontrollieren. Aber auch Märkte wie Rewe, Edeka, Tegut, Hagebau oder Famila ließen ihre Mitarbeiter bespitzeln und die Beobachtungen schriftlich festhalten.
Die Enthüllungen haben auch eine Diskussion über die Atmosphäre am Arbeitsplatz ausgelöst. Unter welchen Bedingungen arbeiten Menschen heute in Deutschland? Wie gehen Chefs mit ihren Angestellten um? Und: Sind Moral und Anstand zu Füllwörtern politischer Talkshows verkommen?
stern.de erreichte in den vergangenen Tagen und Wochen eine Vielzahl von Schilderungen Betroffener: Mal ging es um den Bezirksleiter eines Discounters, der einer Angestellten bis auf die Toilette gefolgt sei. Mal um einen Mitarbeiter, der beim vermeintlichen Klauen erwischt worden war, seine Unschuld beteuerte, aber unter Druck ein Schuldanerkenntnis über 53.000 Euro unterschrieb. Und mal berichtete eine Angestellte, dass der Chef beim Arzt angerufen habe, um zu erfahren, welche Krankheit sie hat.
Die meisten Angestellten haben Angst, dass ihr Arbeitgeber von ihren Schilderungen erfährt und deshalb gelangen die wenigsten Fälle an die Öffentlichkeit. stern.de ist exemplarisch zwei Fällen, in denen Mitarbeiter sich trauten offen zu reden, nachgegangen und hat die Unternehmen damit konfrontiert.
Im ersten Fall wurde einer Lidl-Kassiererin ein Testkäufer zum Verhängnis, der ihr angebliches Fundgeld ablieferte. Die Frau gab es nicht rechtzeitig ab. Unter Druck habe sie ein Schuldanerkenntnis unterschreiben müssen - und wurde entlassen.
Im zweiten Fall wurden zwei Edeka-Mitarbeiter eines Diebstahls beschuldigt, den sie jedoch abstreiten. Nach eigener Aussage wurden sie mehrere Stunden von zwei Detektiven festgehalten, am Ende unterschrieben sie ihre eigene Kündigung, der Text wurde ihnen diktiert.
"Solches Verhalten ist bei allen Discountern gang und gäbe", sagt Achim Neumann, Handelssekretär bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Berlin stern.de. Den Firmen seien Straf- oder Arbeitsrechtsverfahren zu langwierig, deshalb würden sie die Angestellten unter Druck setzen. "In Situationen der Angst unterschreiben die Menschen ihr eigenes Todesurteil. Und das wirkt wie ein Schuldanerkenntnis." Sollten die Darstellungen der Angestellten bei Edeka stimmen, sie würden über Stunden festgehalten, wäre das Freiheitsberaubung, so Neumann.
Es sind Einzelfälle und wir wissen nicht, welche Partei hier letztlich Recht hat. Aber sie sagen - zusammen mit den Enthüllungen über die systematische Überwachung bei Lidl und Co. - etwas darüber aus, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer in diesem Land miteinander umgehen.
Mehr zum Thema ... ... im aktuellen stern. Darin: Lidl ist überall. Versteckte Kameras gibt es nicht nur beim Discounter. Neue Schnüffelprotokolle zeigen, wie Arbeitnehmer ausgespäht werden. Und: Die gängigsten Überwachungsmethoden im Überblick. Sowie: Was darf der Arbeitgeber - und was nicht: Antworten auf die 55 wichtigsten Fragen.