Einfach mal raus. Für ein paar Monate. Durchatmen. Neue Horizonte entdecken und überschreiten. Sich selbst wiederfinden. Das klappt nie? Doch, das klappt! Ein Sabbatical nehmen ist gar nicht so schwer, wie Sie glauben. Denn auch die Chefs haben erkannt, dass sie dabei gewinnen. Von Markus Götting

Auf dem Gipfel der Zufriedenheit: Oliver Piskora, 34, in der nordchilenischen Atacama-Wüste. Der Hamburger Projektmanager reiste sechs Monate durch Südamerika© Oliver Piskora
Vielleicht hatte er etwas zu vehement auf die große Vorspultaste des Lebens gedrückt. Es war ein Freitag, als Oliver Piskora seine Diplomarbeit abgab, er ging mit den Jungs am Abend noch ein paar Bier trinken, und am Montag drauf war schon Dienstbeginn. Mit Anzug und Krawatte. So schnell geht also Erwachsenwerden.
Sein Job war es nun, den Deutschen eine französische Zigarette schmackhaft zu machen. Sechs Jahre lang ging das so, alles drehte sich um liberté toujours, um ständige Freiheit - aber eben nur am Schreibtisch und in Konferenzräumen. Jetzt darf man nicht den Fehler machen, sich den Marketingmann Piskora als willenlosen Hamster im Rädchen vorzustellen. Das war schon ein gutes Leben mit Verantwortung und Kreativität, Spaß und Anerkennung. Aber sollte es das schon gewesen sein? Ist die Welt nicht groß und aufregend? Die echte Freiheit? "So peu à peu wurde die Sehnsucht immer stärker, noch einmal auszubrechen", sagt er. "Einmal noch abhauen, bevor es auch privat ernster wird."
So was kann zur fixen Idee werden: dass da draußen, jenseits des Bürofensters, das Abenteuer wartet. Und ein Leben, das man bisher nicht gelebt hat. Für das die paar Wochen Jahresurlaub nicht reichen. Dass es noch einen anderen Takt gibt als den des Terminplaners, der mit einem Bimmeln an die nächste Sitzung erinnert.
Oliver Piskora, 34, fragte beim Betriebsrat und in der Personalabteilung, wie es in der Firma mit Sabbaticals aussieht, und blickte in ratlose Gesichter. "Aber ich wusste: Wir sind ein Unternehmen, in dem der Einzelne viel mitgestalten kann", sagt Piskora. Also sprach er vorsichtig den Chef an. "Es war ein Präzedenzfall, klar, aber ich habe auch offene Türen eingerannt. Mein Chef sagte nur: 'Gute Idee! Mach doch!'" Und ein paar Monate später saß Piskora im Flugzeug nach Quito, Ecuador; mit Hin- und Rückflugticket und einer Spitzenidee: "Mein Plan war es, ein halbes Jahr lang gar keinen Plan zu haben."
Der Begriff Sabbatical ist im Grunde ein alttestamentarisches Konzept im englischen Wortkostüm - sonst wäre es für einen Human Resources Manager wohl auch nicht modern genug. "Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten." So steht es im 3. Buch Mose, Kapitel 25, und in die Gegenwart übersetzt heißt das nichts anderes als: Gönn dir eine Pause für Körper und Geist - so wie der Bauer den Acker ruhen lässt.
Nun, 38 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland würden das auch gern mal machen, sogar mit Gehaltsverzicht: einfach abhauen, und währenddessen wird der Bürostuhl hübsch warm gehalten.
Oder sie haben eine Auszeit bitter nötig. Je nachdem. Unsere Arbeitswelt ist dynamischer denn je, der Job endet nicht mehr pünktlich um 17 Uhr, und dann wird der Griffel fallen gelassen. Stress und Druck wachsen, machen viele Menschen unruhig oder krank. Im gleichen Maße wie Büros zu Wohlfühlwelten mutieren, mit Kaffeebar, Sofa und Kickertisch, genauso verwandelt sich das Zuhause in ein Büro. Hat der Boss kurz vor Mitternacht noch eine gute Idee, schreibt er eine SMS - die piepst daheim auf dem Handy. Wie eine Anklageschrift. Die Einführung der sogenannten Vertrauensarbeitszeit hat nur zu noch mehr unbezahlten Überstunden geführt. Also ist die moderne Gesellschaft wie noch nie auf längere Ruhephasen angewiesen. Aber: Wer gönnt sich die?
Niemand weiß genau, wie viele Leute tatsächlich eine Auszeit nehmen, weil Sabbaticals in jenen Firmen, die sie anbieten, meist als normale Teilzeit verbucht werden. Die Alternative wäre die Kündigung - wenn man das wirklich als Alternative sehen will. Experten schätzen, dass jedes Jahr drei Prozent aller Angestellten ins Sabbatical gehen. Das mag an fehlender Nachfrage liegen. Oder vielmehr daran, dass 56 Prozent der deutschen Arbeitnehmer berufliche Nachteile befürchten, wenn sie eine Auszeit nähmen, wie eine Forsa-Umfrage für den stern ergab. Traum und Wirklichkeit der Arbeitswelt.
Es war ein verdammt mutiger Schritt von Oliver Piskora, keine Frage, aber Pioniere müssen mutig sein. Man weiß ja nie, wie der Chef auf so eine Idee reagiert. Die Chance auf Fehlinterpretation ist gewaltig: Keinen Bock mehr? Ausgebrannt? In dem Alter? Piskora sagt: "Gerade für BWLer ist die Biografie ein wichtiger Punkt." Er sagt: "In den Köpfen konservativer Chefs geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst schnell nach oben zu kommen. Wer da ein halbes Jahr Karrierepause in seiner Vita hat, ist mindestens suspekt."
In Wahrheit hat Piskora den Traum nachgeholt, den andere nach dem Abi oder ihrem Studium ausleben, so sie es sich erlauben können. Piskoras Augen leuchten, wenn er seine Route runterrattert: Quito, Galapagos-Inseln, Recife und die südamerikanische Ostküste von Norden nach Süden. Er sagt: "Ich bin durch die Eiswüste Patagoniens gewandert und hab mir nur gedacht: Gut, dass du das erlebt hast, solange es sie noch gibt." Er tourte durch die chilenische Salzwüste, dann ging's weiter nach Bolivien und Peru und am Ende noch mal für eine Weile nach Buenos Aires. Und langsam wurde ihm klar, dass man nicht viel mehr braucht als einen Rucksack und den "Lonely Planet"-Reiseführer, um die große Freiheit zu spüren. "Nach einem Sabbatical", sagt Piskora, "verschieben sich die Wertigkeiten. Man wird gesünder im Kopf."
Das Sabbatjahr der Moderne ist eine Auszeit von drei bis zwölf Monaten und stammt aus dem US-Hochschulbetrieb: Professoren konnten sich so in Ruhe mit ihren Forschungsprojekten beschäftigen. In Deutschland übernahm zuerst Anfang der 90er Jahre ausgerechnet der spröde öffentliche Dienst die Idee - auch, um den Personalüberhang der Nachwendezeit abzufedern. Die freie Zeit finanziert sich durch Überstunden, Verzicht auf Lohnzusatzleistungen oder Gehaltseinbußen oder eine Kombination aus allem (siehe Kasten Seite 71); smarte Rechenmodelle, die netto weniger schmerzen, als man zunächst annimmt. Dennoch hat sich der Ausstieg auf Zeit in der deutschen Wirtschaft noch immer nicht durchgesetzt.
Man kann das als kulturelle Rückständigkeit betrachten. In den Köpfen steckt womöglich noch diese protestantische Arbeitsethik, wonach nur derjenige vom lieben Gott begünstigt wird, der auch ordentlich malocht. Neben dem Imageproblem und finanziellen Sorgen mag die Statusangst eines der größten Hindernisse für das Sabbatical sein. Die Furcht, dass eine Auszeit gleichbedeutend ist mit Draußensein. Personalchefs beklagen, dass hierzulande die Berufsauffassung viel zu sehr von einer Präsenzmentalität geprägt sei: Als fleißig gilt, wer brav auf seiner Planstelle hockt. Egal, was er dort treibt.
Die Bremer Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers hat ihre Doktorarbeit über das Thema Sabbatical geschrieben und herausgefunden, dass es nicht nur um Weltenbummel geht. Sie sagt: "Meist ist das Sabbatical ein Reflex auf strukturelle oder persönliche Notsituationen." Kinder müssen betreut werden, weil Krippenplätze fehlen; kranke und alte Verwandte werden versorgt, weil es an Pflegepersonal mangelt. Der Traum vom Eigenheim ist oft nur möglich, wenn man selbst mitwerkelt. Für so was reicht ja der Jahresurlaub nur selten aus. Und viele Angestellte lassen sich freistellen, um durch Weiterbildung ihre Position im verschärften Konkurrenzkampf zu sichern. Frau Siemers sagt: "Für einen Roland-Berger- Berater, der nebenbei promoviert, oder einen Gesellen, der die Meisterschule besucht, ist die Auszeit somit erst recht eine Powerzeit."
Da muss man nur Hasim Ispiroglu fragen. Der sitzt jeden Tag von acht Uhr morgens bis kurz vor fünf am Nachmittag im Klassenzimmer und paukt für die Meisterprüfung. Und manchmal, sagt der Elektrotechniker aus Ainring in der Nähe von Bad Reichenhall, "schaltet man einfach nur auf Durchzug, da geht nichts mehr rein". Zehn Monate hat sein Betrieb, die Annahütte, ihn freigestellt, damit der Geselle Ispiroglu, 24, den Meister machen kann. Alles war gut, der Job, die Bezahlung, aber er wollte mehr: "Es gibt so ein Sprichwort: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit." Und heute müsse man sich in jedem Job weiterbilden, "so ein Meistertitel ist doch die beste Versicherung für Krisenzeiten".
Jeden Montag fährt Ispiroglu rüber nach Regensburg, wo er sich ein kleines Zimmer gemietet hat, zehn Quadratmeter für 320 Euro. Insgesamt wird ihn die Fortbildung sicher 25.000 Euro kosten, und es ist schwer zu sagen, wie lange er arbeiten muss, bis er das wieder reingeholt hat. Zumal in seiner Firma nicht mal eine Planstelle für einen Meister frei ist. Ispiroglu sagt: "Mir geht es nicht ums Geld. Ich mach das für mich. Für mein Selbstbewusstsein. Ich will die Zusammenhänge in meinen Job besser verstehen."
Am Anfang war der Personalchef der Annahütte ziemlich skeptisch, als Ispiroglu um die Auszeit bat. Aber dann legte sein Meister noch mal ein gutes Wort für den Jungen ein, mit dem simplen Argument, dass die Firma nach der Schule einen höher qualifizierten Mitarbeiter hat, der mit dem Gehalt eines Gesellen zufrieden sei. Und genau das ist wohl gemeint, wenn Personalverantwortliche in der Wirtschaft das Sabbatical als eine klassische Win-win-Situation beschreiben.
Übernommen aus ...
Ausgabe 16/2008
Tipps aus dem Internet www.ratgeber-aussteigen.de
Allgäuer Ehepaar, das per Fahrrad durch
die Welt reist, gibt viele konkrete Tipps
zur Finanzierung und Organisation
des Ausstiegs.
www.fernwehforum.de
Reise- und Erfahrungsberichte und
nützliche Tipps für Traveller, dazu Foren
zu Kontinenten oder einzelnen Ländern,
plus Hotelbewertungen, Links zu Billigfluggesellschaften
etc.
www.aus-innovativ.de
Die juristische Fakultät der Uni Köln hat
eine 25 Seiten starke Dokumentation
ins Internet gestellt: Dort können sich
Interessierte über Arbeitszeitmodelle
und alle anderen rechtlichen Fragen
rund um das Sabbatical informieren.
www.ba-auslandsvermittlung.de
Wer's auch im Sabbatical nicht lassen
kann, findet über die Zentrale
Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)
eventuell einen Job im Ausland.
Telefon: 0228/713 1 3 13