23. April 2004, 15:19 Uhr

Die Besten hauen ab

Amerika kauft die Spitzenforscher der Welt - auch in Deutschland. Fast 80 000 sind dem Ruf bereits gefolgt. Ein gefährlicher Aderlass für Wissenschaft und Wirtschaft.

Andreas Heinrich, 34, Nanotechnologie-Forscher im IBM-Labor Almaden, Kalifornien: "Dies ist das beste Labor"©

Falls es eines Tages gelingt, Krankheiten wie Krebs, Aids oder Hepatitis zu besiegen, dann vielleicht auch dank Thomas Tuschl: Am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen entdeckte der 37-Jährige einen Weg, gezielt einzelne Gene abzuschalten - eine medizinische Sensation, die in Fachkreisen erst auf Skepsis stieß und bald auf weltweiten Applaus. Schon jetzt wird Tuschl als Anwärter auf einen Nobelpreis gehandelt.

Aufsehen erregte auch Jörg Gerlach. An der Charité entwickelte der 42-jährige Berliner wegweisende Therapien zur Erneuerung von Zellen. Leberpatienten etwa können mit Hilfe der von ihm entwickelten "Bioreaktoren" so lange entlastet werden, bis ein Spenderorgan gefunden ist oder sich die Leber wieder erholt hat.

Einen riesigen Schritt voran brachte der Physiker Andreas Heinrich die Wissenschaft auf kleinstem Raum: Er konstruierte ein Rastertunnelmikroskop, mit dem Atome nicht nur beobachtet, sondern auch neu ausgerichtet werden können. Von Berlin bis Tokio erklärt der 34-Jährige nun vor Fachpublikum, wie seine Erfindung helfen könnte, Computer auf die Größe eines Staubkorns zu schrumpfen.

USA locken Forscher mit millionenschweren Übernahmeangeboten

Drei hochtalentierte Nachwuchswissenschaftler, drei Beispiele für Spitzenleistungen deutscher Forscher - doch keiner der drei lebt und arbeitet noch hier: Thomas Tuschl zog es vor gut einem Jahr nach New York; die Rockefeller University machte ihm ein millionenschweres Übernahmeangebot, das zu gut war, um es auszuschlagen. Andreas Heinrich entwickelte sein Mikroskop im Silicon Valley für die Computerfirma IBM. Jörg Gerlach wechselte nach seinem Erfolg zum McGowan Institute nach Pittsburgh, und nur weil er seine Arbeit an der Charité nicht ganz aufgeben wollte, ist er Berlin zumindest zum Teil erhalten geblieben.

Die drei Forscherstars in der Fremde stehen für ein dramatisches Problem, das Deutschland plagt und passenderweise einen englischen Namen trägt: "Brain Drain" - die Abwanderung hochbegabter junger Wissenschaftler ins Ausland, vorzugsweise in die USA, wo sie bessere Arbeits- und Karrierechancen sehen.

Laut einem Bericht der Europäischen Kommission arbeiten allein 70 000 Deutsche, die Naturwissenschaften oder Technik studiert haben, in den USA. Hinzu kommt die Elite: rund 7200 junge Männer und Frauen mit Doktortitel und dem Potenzial, herausragende Forscher zu werden. Deutschland subventioniere so "indirekt, aber nicht unerheblich" die USA, sagt Forschungsministerin Bulmahn.

EU-Politiker schlagen Alarm

Auch in Brüssel schlagen Politiker Alarm. Philippe Bousquin, EU-Kommissar für Forschung, spricht von "Europas verlorenen Söhnen und Töchtern" und meint damit die 400 000 Forscher, die in die USA gegangen sind. Was ihn besonders beunruhigt: Sagte früher jeder Zweite, er wolle eines Tages wieder zurück in die Heimat, ist es heute nur noch jeder Vierte.

Wenn es ums Geld geht, hat Amerika es besser: Im Jahr 2000 gaben die USA 287 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus - 121 Milliarden mehr als die EU-Staaten. Der Abstand hat sich seit 1994 verdoppelt. Die Europäer versuchen verzweifelt aufzuholen. 2002 beschlossen sie, ihre Forschungsgelder massiv zu erhöhen - von durchschnittlich 1,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf drei Prozent - und 700 000 neue Forscherstellen zu schaffen. Der ehrgeizige Plan erweist sich zwei Jahre später als Luftnummer: Die EU-Kommission gesteht, Europa sei - außer in Schweden und Finnland - "weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen".

Also ächzen die europäischen Unis weiter unter der Last, immer mehr Studenten mit immer weniger Geld ausbilden zu müssen, während die amerikanischen Hochschulen obendrein von der Sitte profitieren, dass Firmen und reiche Privatleute - oft Ehemalige - ihnen Abermillionen an Spenden zustecken.

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