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18. Oktober 2008, 19:14 Uhr
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Gestern Bielefeld, heute Schanghai

Vor vier Jahren verließen drei Brüder Bielefeld um in der Welt herumzukommen - und nebenbei das Internet zu erobern. Gekommen sind sie bis nach Schanghai: Dort besitzen sie mittlerweile eine Firma mit 40 Angestellten. Ein Besuch bei den Jungunternehmern. Von Markus Wanzeck

Glücklich fern von Bielefeld: Robert, Julius und David Dreyer vor der Skyline Schanghais© privat

Montagmorgen, knapp 9000 Kilometer von Bielefeld. Die Straßen Schanghais flirren in der Hitze. Die opake Brühe des Suzhou-Flusses, der die Yi Chang Road ein Stück weit begleitet, gluckert träge im Bett. Am Ende der Straße, in der zwischen filigranen Bambusgerüsten ein Wald von Wohnhochhäusern emporwächst, liegt ein kleines Areal, das sich dem allgegenwärtigen Gebot der Stadt - "Wachse oder weiche!" - zu widersetzen scheint. Die Häuslein hier sind nicht gewachsen, sie haben sich gewandelt.

Von den kleinen Lagerhallen, die sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts waren, zu Keimzellen der Kreativität, in denen sich mit städtischem Wohlwollen junge Start-Ups angesiedelt haben. Hier, im "Warehouse Creative Center", versteckt sich hinter einer trutzburgartigen Stahltür das Büro dreier "Lao Wai" - "Fremder". So nennen Chinesen gern die Nichtchinesen. Die schwere Tür gewährt auf Knopfdruck Zutritt, indem sie sich um die eigene Achse dreht.

Globales Nomaden- und Unternehmertum

Im ersten Stock, auf einer Art Bürobalkon, sitzt Julius Dreyer hinter einem großen Flachbildschirm. Weißes T-Shirt, Shorts, die Beine leger übereinander geschlagen. Am Nebentisch sein Bruder David. Von hier oben haben sie gute Sicht auf fast jeden Arbeitsplatz in dem Großraumbüro. Sie erzählen von früher. Einem Früher, das erst vier Jahre vergangen ist. Die Bundesrepublik, besonders in ihrer Materialisierung Bielefeld, erschien ihnen damals zu eng, zu klein, zu piefig. Sie wollten reisen, die Welt sehen. Und unterwegs im Internet den Lebensunterhalt verdienen. Mit dem World Wide Web, so ihre Hoffnung, ließen sich globales Nomaden- und Unternehmertum verweben. David, 22, und Julius, 20, hatten nur noch darauf gewartet, dass ihr jüngerer Bruder Robert endlich das Abi in der Tasche hatte. Dann schnappten sie ihn und stiegen in den Flieger, drei Weltreisende. "Im Rückblick", sagt Julius Dreyer, "war das jugendliche Kurzsinnigkeit". Schanghai sollte die erste Station ihrer Weltgeschäftsreise werden.

Schanghai, das war zugleich auch die Endstation der Reise. Schlecht war das nur fürs Nomadentum: Heute haben die Dreyer-Brüder in ihrem zweistöckigen 1000-Quadratmeter-Büro mehr als 40 Mitarbeiter um sich versammelt, Programmierer und Systemadministratoren, Marketingleute und Webdesigner aus mehr als zehn Nationen. Die meisten Mitarbeiter sind älter als sie, viele zehn, manche 20 Jahre. Sie nennen sich "The Netcircle". Sie haben sich auf spezialisierte Social Communities spezialisiert - und virtuelle Anlaufstellen für ehemalige Schulfreunde, für Homosexuelle und für Fans von One Night Stands erdacht. Viele der Seiten: halbgare Testballons, die weitgehend unbeachtet im Gewusel des Internets verschwinden. Manche aber haben abgehoben. Auf bis zu 170 Millionen Klicks bringen sie es inzwischen pro Monat. Zwei Millionen Nutzer, manchmal 14.000 zugleich, sind auf den Netcircle-Seiten online. Damit lässt sich gut verdienen. Durch Werbung vor allem und kostenpflichtige "Premium-Mitgliedschaften". Der Umsatz liegt im siebenstelligen Bereich.

"Wir hatten von relativ wenig 'ne Ahnung"

Schon in einem Alter, als sie an der Supermarktkasse noch nicht einmal Bier bekamen, hatten Julius und David Dreyer im Internet ihr erstes Geld gefischt. Mit einer simplen, aber effektiven Taktik. Sie kauften leicht einprägsame Internetseiten wie www.konzert.de und optimierten sie obendrein so, dass sie leicht von Suchmaschinen wie Google gefunden werden. Wen sie damit auf ihre Seite gelockt hatten, leiteten sie via Link zu anderen Anbietern weiter - die ihnen dafür ein paar Cent Vermittlungsgebühr überwiesen. Bis 2004 war auf diese Weise genug Geld für eine Weltreise zusammengekommen. Ihr Vater indes war wenig begeistert von dem ziellosen Fernweh seiner Söhne. Zumindest, drängte er, solle die Reise sie auch die Karriereleiter hinaufführen. Er drückte ihnen einen Artikel über Schanghai in die Hand, die "Stadt der Zukunft", hieß es darin. Noch am selben Tag buchten sie ihren Flug.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
gmathol (19.10.2008, 02:00 Uhr)
Erfolgsgeschichte?
Mit chinesischer Billig-Arbeit die Konkurrenz in Europa auszuhebeln hat nichts mit wirklichem Erfolg zu tun.
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