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»Die Preußen Asiens«

Noch besser als die bayerischen schneiden Vietnamesische Schüler ab. Die Bildungsforscher Andreas Helmke und Vo Thi Anh Tuyet erklären, warum.

Vor kurzem durften sich die Bayern noch über ihr Abschneiden beim europäischen Leistungsvergleich Pisa freuen, jetzt vermasseln Sie Ihnen den Triumph.

HELMKE: Die Kinder aus der Region Hanoi waren Gleichaltrigen aus dem Raum München beim Rechnen haushoch überlegen. Sogar bei kniffligen Aufgaben, die ein tieferes mathematisches Verständnis erfordern, schnitten die zehnjährigen Vietnamesen besser ab als die Deutschen.

Hanoi gehört zu den ärmsten, München zu den reichsten Regionen der Erde. Wie erklärt sich der Wissensvorsprung der kleinen Vietnamesen?

HELMKE: Mit dem hohen Stellenwert von Bildung und Leistung in Vietnam. Ich war drei Jahre Gastprofessor in Hanoi und habe in einheimischen Familien gelebt. Die wenden wesentlich mehr Zeit fürs Lernen auf. Ihre Kinder bekam ich fast nie zu Gesicht.

TUYET: Unsere Kinder haben schon in der Grundschule vormittags fünf Stunden Unterricht und nachmittags nochmals drei, dazu kommen Hausaufgaben, auch für die Ferien, und oft noch zusätzlicher Unterricht am Wochenende. Nach vier Jahren Grundschule hat ein Schüler in Hanoi rund 3.500 Stunden mehr Lernzeit hinter sich als einer aus München!

Vietnams Schulsystem gilt als unterentwickelt, die Lehrerschaft als miserabel ausgebildet.

TUYET: Das ist Vergangenheit und galt vor allem fürs Land und für abgelegene Bergregionen, wo Unterricht auch heute manchmal noch in mehreren Schichten stattfinden muss, weil Räume fehlen. Inzwischen erhalten alle Lehrer eine solide Ausbildung, die je nach Schulart zwei bis vier Jahre dauert.

Nicht viel im Vergleich zur deutschen Lehrerausbildung.

HELMKE: Der Schlüssel zum Erfolg dürfte weniger im Unterricht, als vielmehr in der außergewöhnlichen Leistungsbereitschaft der Vietnamesen zu suchen sein, die als die Preußen Asiens gelten. Ihr Prinzip heißt: Anstrengung lohnt sich immer, gerade auch für schwächere Schüler. Vietnamesische Lehrer haben kein Problem, die Kinder zu motivieren, denn die sind lernbegierig - und diszipliniert. Lehrer sind in Vietnam absolute Respektspersonen. Eltern sowieso.

Das Paradies für deutsche Pädagogen ...

HELMKE: Wirklich? Lehrer in Hanoi kümmern sich den ganzen Tag um ihre Schüler, sie fühlen sich persönlich verantwortlich für jedes Kind, auch für die Schwächeren. Ich bin mir nicht sicher, ob deutsche Lehrer von diesem Aufwand so begeistert wären.

Was können wir von Hanoi lernen?

HELMKE: Ziemlich viel. Grundverkehrt wäre es allerdings, einfach abzukupfern nach dem Motto »Von Asien lernen heißt siegen lernen«. Denn es macht keinen Sinn, ein jahrhundertealtes Wertesystem übernehmen zu wollen. Ich befürworte keineswegs eine so exzessive Orientierung an Leistung wie in Vietnam. Aber wir könnten unsere Potenziale noch besser ausschöpfen, auch in Bayern. Insbesondere Eltern sollten das Lernen ihrer Kinder ernster nehmen.

Wie denn?

HELMKE: In Hanoi bekommen die Kinder auch in der kleinsten Wohnung stets den besten und hellsten Platz zum Lernen. Sobald sie in die Schule kommen, räumen die Eltern für sie den Schreibtisch oder die Hängematte. Das Lernen hat Vorrang in Hanoi, deshalb müssen die Kinder auch kaum im Haushalt helfen.

Also gibt es nur glückliche Kinder in Vietnam?

HELMKE: Ich traf dort keine ängstlich verbissenen Kinder, sondern im Gegenteil, die Schüler haben mehr Selbstvertrauen als ihre Altersgenossen in München. Zwar gibt es auch Sitzenbleiber, aber ihr Anteil ist sehr gering.

Ist deren Versagen in einer Gesellschaft, die so leistungsorientiert ist, nicht umso verheerender?

HELMKE: In Deutschland entschuldigt man schwache Leistungen gern mit mangelnder Begabung. Das ist in konfuzianischen Kulturen wie Vietnam unüblich. Wer sich maximal anstrengt, so das Motto, der wird es auch schaffen. Wer sich allerdings anstrengt und es dennoch nicht schafft, dem fehlt die Entschuldigung. Das ist die Kehrseite.

Deutschland war bei Pisa im unteren Mittelfeld. Wo sehen Sie Vietnam?

HELMKE: Ich schätze, auch da dürften die Vietnamesen den Bayern die Lederhosen auszieh'n. Ins erste Drittel kämen sie sicher.

Interview: Ingrid Eißele

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