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Interview

"Wir haben fast keine Gründer, die den Killerinstinkt haben"

Frank Thelen, einer der Investoren der Vox-Show "Die Höhle der Löwen", wünscht sich viel mehr Mut in Deutschland. Mit dem stern sprach er über feige Gründer und die langsamen Mühlen der Politik.

Frank Thelen ist Investoren der Vox-Show "Die Höhle der Löwen"

Herr , wie lebt es sich als Dieter Bohlen der Startup-Szene?
Es ist ein Spagat. Stimmt schon, ich bin ein bisschen der Show-Master der Szene. Ich habe aber gemerkt, wie viele Türen man mit dieser Art von Selbstvermarktung öffnen kann.

Die wichtigste Lektion über die Macht des Geldes?

Ich habe nicht genug! Ich will viel mehr. Ich brauche Geld, damit ich noch mehr Unternehmens-Gründer, noch größere, verrücktere, ambitioniertere Projekte unterstützen kann. Momentan kann ich maximal eine halbe Million Euro pro Startup riskieren.

Wie viel sollte es denn sein?

Ich wäre schon sehr gerne Milliardär, damit ich auch mal 50 Millionen in einen herausragenden Gründer investieren kann. Im Valley schreiben Jeff Bezos oder Sergey Brin solche Schecks an einem Wochenende. Das fehlt uns in Deutschland.


Welcher Typ muss man sein, um ein Startup zu wagen?
Den meisten fehlt das Getrieben-Sein. Wer ein Startup baut, geht durch die Hölle. Er muss in den ersten vier, fünf Jahren alles andere nach hinten schieben, Gesundheit, Familie. Es zählt nur eins: Kommt mein Produkt an den Markt – und hält es sich? Alles andere ist Priorität B.

Sie selbst haben mit 24 Jahren eine grandiose Pleite mit einem Netzwerkrouter hingelegt.
Das war ein tolles Ding. Wollte nur leider niemand haben. Am Ende hatte ich eine Million Euro Schulden.

Muss man mal Pleite gegangen sein, um nicht Pleite zu gehen?
Wahrscheinlich passiert es einem dann nicht mehr so schnell. Ich weiß, wie es ist, wenn ich alles verliere; wenn ich Leute entlassen muss; wenn ich angeschrien werde, weil ich Schulden nicht begleichen kann. Damals war ich komplett im Arsch.

Ist Scheitern undeutsch?

Früher konnten wir über Jahrzehnte Technologien aufbauen, das Dieselauto etwa. Heute ändern sich komplette Märkte in wenigen Monaten, von zu Smartphone, von SMS zu WhatsApp. Wenn ich in meiner DNA Scheitern nicht erlaube, kann ich auf diese schnellen Veränderungen nicht reagieren. Das ist ein Riesenproblem.

Fehlt Risikobereitschaft?
Jeff Bezos hat mit dem Firephone eine halbe Milliarde in den Sand gesetzt. Wenn ich mit dem Vorstandschef der Post spreche, sagt der: Das kann ich nicht riskieren, was sagen denn meine Shareholder. Aber wenn ich nichts wage, werden diese Unternehmen sterben, selbst Giganten wie die Post.


Wird in Deutschland zu wenig groß gedacht?
Wir denken an den nächsten Shopping-Club, das nächste Restaurant-Ticketing. Wir haben fast keine Gründer, die neue Technologien entwickeln und den eines Elon Musk oder Mark Zuckerberg haben. Das wird Deutschland in zehn Jahren in eine richtig böse Krise treiben. Wenn man sich die Wertentwicklung von Facebook, Apple, Google der letzten fünf Jahre anguckt – das frisst den ganzen DAX auf, Lufthansa, BMW, alles Konzerne, die wir bislang so toll finden.

Geht es unseren Konzernen zu gut?
Nehmen Sie die Autoindustrie. . Super Unternehmen. Super stabil. Alle sagen: Läuft doch. Aber Nokia ging es genauso – und innerhalb eines Jahres waren die am Ende. Wir haben diese Disruption, diesen schnellen, radikalen Wechsel noch nie erlebt. 3D-Druck, unendliche Speicher- und Rechenkapazitäten, da kommen ganz viele technische Komponenten zusammen und plötzlich ändern sich Industrien viel schneller als vorher. Unsere Vorstände haben das noch nicht gelernt, weil sie es noch nie gesehen haben.

Die beste Gründerzeit?
Heute! Wir haben das krasseste Toolset in der Geschichte der Menschheit. Jeder Hartz-IV-Empfänger hat Zugriff auf unendliches Wissen. Er muss nur was daraus machen. Das ist der Twist. Mehr Gleichberechtigung hatten wir niemals zuvor. Das ist phantastisch.

In Deutschland werden pro Jahr etwa 300.000 Startups gegründet. Viel oder wenig?
Das ist schon gut. Aber da ist dann auch jedes kleine Nagel-Studio dabei. Die Frage ist doch: Wie viel relevante Startups haben wir in 2016 gesehen?

Zu wenige?
Viel zu wenige.

Was tun?
Wir müssen in den Schulen viel besser ausbilden. Künstliche Intelligenz wird ungeheuer viele Bereiche revolutionieren. Software-Entwicklung muss deshalb in den Lehrplan. Sonst ziehen wir eine Generation digitaler Analphabeten groß und werden brutal abgehängt. Übrigens: Jeder kann Programmieren lernen. Das ist nicht nur etwas für unsere geistige Elite.

Sie haben in Lilium Aviation investiert – ein Startup, das Elektroflugzeuge für jedermann herstellen will. Was sagt Ihnen, dass dieses Projekt Erfolg hat?
Am Anfang konnte ich mir das auch nicht vorstellen. Grober Blödsinn.

Aber?
Die Jungs waren cool, Superbrains, die haben alle "Jugend forscht" gewonnen. Die hatten einen Prototypen. Der ist geflogen. Also haben wir unser bisher grösstes Investement getätigt. Das Team hat unsere Erwartungen übertroffen. Das Ding ist nicht lauter als ein Porsche turbo, startet und landet vertikal, fliegt 300 km/h, und der Flug ist günstiger als mit dem Auto zu fahren. Und es fliegt. Unser Video des ersten Flugs wurde innerhalb von einer Woche über 30 Millionen-mal angesehen.

Autofahren in der Luft wie in "Bladerunner", hört sich krass an.
Das revolutioniert unsere Mobilität so ähnlich wie das Internet die Kommunikation. Autos werden zur Hälfte von diesen Fliegern abgelöst werden. Daraus wird eine Industrie entstehen. Die Frage ist nur, ob wir diese Flieger bauen – oder wieder die Amerikaner. Ich habe mit dem Verkehrsminister darüber gesprochen.

Und? Große Begeisterung?
Nee. Das erste Gespräch mit Herrn Dobrindt war enttäuschend. Doch wir hatten nun ein gutes Vier-Augen-Gespräch, in dem er die Tragweite von Lilium Aviation erkannt und mir konkrete Vorschläge zur Unterstützung gemacht hat. Das hat mich sehr gefreut.

Von welchem Zeitraum reden wir bis zur Serienreife?
Vor einer Woche haben wir den e-Jet gelauncht. Jetzt läuft das Zulassungsverfahren. In drei bis fünf Jahren wird dieses Flugzeug mit Personen fliegen. Eigentlich ist es blödsinnig, da einen Piloten reinzusetzen. Der fliegt schlechter, unsicherer. Diese Flieger sind intelligent und untereinander vernetzt, sie wissen selbst, wo sie langfliegen müssen. Wir gehen allerdings davon aus, dass wir zehn bis 15 Jahre benötigen, um das politisch durchzukriegen. Der pure Zeitverlust! Aber selbstfahrende Autos werden ja auch stiefmütterlich behandelt in Deutschland. Das ist echt traurig.

Wir denken nicht nur nicht groß, sondern sind auch noch zu langsam?
Viel zu langsam. Wenn ich sehe, dass ein Wolfgang Schäuble noch Finanzminister ist. Ich habe Respekt vor seiner großartigen Lebensleistung. Deutschland und Europa hat ihm sehr viel zu verdanken. Aber, mit Verlaub, heute haben wir Kryptowährungen, müssen mit Big Data und Künstlicher Intelligenz im Finanzsystem arbeiten. Da kann es nicht sein, dass ein 74-Jähriger ohne IT-Wissen an der entscheidenden Stelle sitzt.

Was muss ein Finanzminister können?
Digitalisierung ist so wichtig. Was ist Big Data? Wie funktioniert die Blockchain? Das bestimmt die Finanzmarktplätze der Zukunft. Herr Schäuble kann diese neuen Technologien und Regeln ohne IT-Verständnis nicht tiefgreifend beurteilen. Ich brauche jüngere, dynamische Köpfe. Wenn wir nicht zum weltweiten Technologieführer werden, dann haben wir ein Problem.

Big Data, Blockchain, Toolset – ist jemand zurückgeblieben, der Sie nicht auf Anhieb versteht?
Zumindest dürfen wir ihn nicht über unsere Zukunft entscheiden lassen.

Welchem Politiker würden Sie ein erfolgreiches Startup zutrauen?
Wenn man es schafft, in der Politik länger als zwei, drei Monate zu überleben, kann man kein Gründer mehr sein. Ich merke das an mir. Wenn ich in die Politik reingehe, Diskussionsrunden, da werde ich wahnsinnig. Die Tische sind immer viel zu groß, man hat Angst, jemandem auf die Füße zu treten. Deshalb bin ich aus allen Gremien rausgegangen. Ich kann das nicht, ich werde aggressiv oder depressiv.

Würden Sie Ex-Politiker einstellen?
Die Welten passen nicht zusammen.

Angela Merkel interessiert sich trotzdem für Sie und hat Sie einige Male eingeladen. Versteht sie Ihr Metier und Digitalisierung?
Ich bin positiv überrascht, wie tief sie in der Materie steckt. Sie hat mal programmiert, sie versteht Bitcoin in Grundzügen, lässt sich stundenlang von Experten das Internet erklären – Hardcore Technologie. Sie ist pfiffig. Das Problem sind die Manager unter dem CEO Merkel.

Ihre Minister?
Genau. Hier fehlt die Fachkompetenz für das, was in fünf bis zehn Jahren kommt. Technologie wird diese Bereiche bestimmen.

Ein Tipp für Merkel, wie sie die Wahl gewinnen kann?
Sie muss den Mut haben für stärkere Reformen. Sie muss sich auf Deutschland konzentrieren und ein klares Programm aufsetzen. Wir brauchen eine Agenda 2020, damit wir schneller harte Veränderungen machen. Die Digitalisierung ist in den Politikerköpfen noch nicht wirklich angekommen. Wenn Autos, Flugzeuge, Operateure wirklich digital werden, dann ist Deutschland Schlusslicht.

Was würden Sie sagen, wenn Merkel Ihnen anböte: Gut gebrüllt, Löwe, Sie können mein Minister für Digitalisierung werden.
Dann hätte ich ein echtes Problem. Ich möchte es nicht machen, weil ich verrückt würde in der Politik. Andererseits finde ich Macher in der Politik so wichtig, dass ich ernsthaft darüber nachdenken würde.

Donald Trump ist doch das beste Beispiel dafür, dass Unternehmer nicht in der Lage sind, einen Staat zu führen.
Falsch! Das ist doch gar kein Unternehmertyp. Jedenfalls kein guter. Der ist Erbe. Mehr nicht. Und ein schweinchenschlauer Abzocker. Außerdem hat er keine Unternehmer-Ehre. Er bezahlt seine Mitarbeiter schlecht. Ein Jeff Bezos wäre ein viel besserer Präsident.

Sie sind CDU-Mitglied.
Ich war CDU Mitglied, bin aber ausgetreten.

Wieso das?
Ich bin begeistert, wie Merkel und ihr Generalsekretär Peter Tauber sich für Startups einsetzen. Deswegen bin ich vor einigen Jahren Mitglied geworden. Das war ein Fehler. Ich bin nach wie vor beeindruckt von Frau Merkel, ihrer Intelligenz, ihrer Energie und bin ihr wirklich sehr dankbar, dass sie noch mal vier Jahre für unser Land und Europa kämpfen will. Aber mir geht es um Deutschland, nicht um einzelne Parteien. Ich will mich politisch stärker einmischen und äußern, ohne parteipolitisch gebunden zu sein. Ich finde überhaupt, dass die deutschen Unternehmer ihre ignorante Haltung gegenüber der Politik aufgeben sollten.

Wir haben den Eindruck, Sie würden die Bundesregierung gern so zusammenstellen wie Jogi Löw das Nationalteam.
Wäre das so schlecht? Weniger parteipolitisches Kastendenken, keine Minister-Deals nach dem Motto: 'Hauptsache der Partei-Freund hat eine angemessene Position'. Einfach der Beste für die Position. Und: mehr Bildung, weniger Verteidigung.

Und schon sind wir nicht nur beim Fußball Weltmeister? So einfach funktioniert Demokratie nicht.
Einiges könnte aber bedeutend einfacher sein. Lasst uns für das Land kämpfen! Lasst es uns in der Politik wenigstens ein bisschen so machen, wie Startups funktionieren. Die beste Idee entscheidet. Und wenn der Praktikant die beste Idee hat, dann gewinnt der. Schnell sein, offen sein. Statt ewig diese Grüppchen zu bilden.

Ihr Austritt aus der CDU bedeutet mehr Beinfreiheit?
Ja, ich brauche politische Unabhängigkeit. Sonst kommt das alles in den falschen Hals. Aktuell fühle ich mich einfach nur bedroht: Donald Trump, der Brexit, Martin Schulz ...

...interessante Reihenfolge.
Wieso? Wegen Schulz? Den pack ich dazu, weil der mit der Linken zusammengehen will. Es wäre viel gewonnen, wenn sich alle von Idioten wie der AfD und der Linken distanzieren würden. Schröder war ein Super-Typ. Aber der Schulz ist für mich unwählbar, wenn er sich nicht von der Linken distanziert.

Wer ist denn für Sie wählbar?
In Deutschland überzeugt mich FDP-Chef Christian Lindner - als Mensch und mit seinen Themen Schule, Digitalisierung und Steuern. Und was wir gerade in Frankreich erleben, macht mir Hoffnung. Da steht mit Emmanuel Macron plötzlich ein 39-Jähriger mit einem Fuß im Élysée-Palast, der keinem parteipolitischen Lager zuzuordnen ist. Ich freue mich über diesen Zuspruch für einen Anti-Parteien-Politiker. Und natürlich Angela Merkel. Nur sie kann Deutschland voranbringen und Europa zusammenhalten.

Interessieren Sie sich wirklich für Politik? Oder wollen Sie nur bessere Konditionen für Ihr Business bekommen?

Quatsch. Jetzt antworte ich mal böse. Ich könnte jederzeit gehen. Kaufe mir ein Schloss. Und Ruhe ist. Geld genug hätte ich. 2016 haben so viele Millionäre Deutschland verlassen wie noch nie zuvor. Ich will aber nicht. Ich zahle sehr viele Steuern. Ich bin gerne in Deutschland. Ich bin in einfachen Verhältnisse aufgewachsen. Ich fliege auch heute Eco, Reihe 15. Privater Reichtum interessiert mich nicht. Mir geht es darum, wie wir unseren hohen Standard erhalten können. Ich bin Deutschland-Fan.

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