31. August 2010, 10:07 Uhr

Die Energie von morgen

Das Ölzeitalter geht zu Ende. Der stern zeigt, wie wir künftig auch ohne fossile Brennstoffe heizen, reisen, produzieren können. Die Zukunft gehört Elektroautos, Solarhäusern und nachwachsenden Rohstoffen - und Strom wird der wichtigste Energieträger sein. Aber wie ihn effizient und umweltfreundlich produzieren? Von Roman Heflik

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Windenergie ist die billigste und sauberste Art, grünen Strom in großen Mengen zu erzeugen. In Deutschland sollen die Rotoren raus aufs Meer©

Für kaum etwas wenden die Menschen mehr Energie auf als für die Jagd nach Energie. Hunderttausende Bergleute riskieren ihr Leben und brechen tief unter der Erde mühsam Kohle aus den Flözen. Zigtausende Arbeiter suchen in der Wüste, in der Arktis oder im Meer mit kilometerlangen Bohrern nach verborgenen Gas- und Ölblasen. Was die Energiejäger finden, wird verbrannt, um zu heizen, um Fahrzeuge und Maschinen zu bewegen, um Strom zu erzeugen.

Am Energienachschub hängt die Menschheit wie ein Drogensüchtiger an der Nadel. Vor allem die Abhängigkeit vom Öl ist längst zu einem bedrohlichen Problem geworden. Auch wenn Rohöl derzeit so billig ist wie seit Jahren nicht - der Stoff ist endlich, die verbleibenden Vorkommen auszubeuten wird immer teurer, seine Preise werden langfristig steigen, seine Verbrennung belastet Umwelt und Klima schwer. Überdies verfeuert die Menschheit gedankenlos einen ihrer wichtigsten Rohstoffe, den sie dringend auch für andere Zwecke braucht.

Notgedrungen arbeiten Ingenieure und Techniker in vielen Bereichen an einer Zukunft ohne Öl. Sie entwickeln zum Beispiel Verfahren, um Plastik aus Pflanzen zu gewinnen und Flugkerosin aus Meeresalgen. Auch in der Energiewirtschaft wird das Öl seine dominierende Rolle verlieren. Der Energieträger der Zukunft ist Strom.

Strom der Zukunft

Strom sorgt bereits heute dafür, dass das Licht brennt, der Computer läuft, die Bahn fährt. Künftig wird er auch Autos antreiben oder Häuser wärmen. Seit Jahrzehnten steigt der Bedarf: 600 Milliarden Kilowattstunden verbrauchen allein die Deutschen inzwischen im Jahr. Der Haken dabei: Rund 60 Prozent des Stroms stammen aus eben jenen fossilen Energiequellen Kohle, Erdgas und Öl, die so gierig gesucht werden und bei deren Verwendung Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid freigesetzt werden. Wie also soll der Strom der Zukunft erzeugt werden?

Glaubt man dem schwedischen Stromkonzern Vattenfall, kann man ein Wundermittel gegen den drohenden Klimakollaps in der Lausitz bestaunen: Direkt neben dem Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe hat das Unternehmen eine Pilotanlage zur CO2-Wäsche in Betrieb genommen, die aus einem Teil der Abgase bis zu 90 Prozent des klimaschädlichen Kohlendioxids herauswaschen kann. Das soll, so der Plan, auf Jahrmillionen eingelagert werden, zum Beispiel in ausgebeuteten Gasfeldern. Tuomo Hatakka, Vorstandschef von Vattenfall Europe, gibt sich zuversichtlich: "Ich bin überzeugt, dass Kohle Zukunft hat." Die globalen Kohlevorräte sind zwar begrenzt, aber sie reichen nach heutigem Stand für noch etwa 200 Jahre.

Doch um im Bild des Drogenabhängigen zu bleiben: Selbst modernisierte Kohlekraftwerke entsprächen nur der Benutzung einer neuen, sauberen Spritze: weiterhin ein schöner Energierausch, hygienischer verabreicht, aber letztlich ohne Aussicht auf Heilung. Unklar sind die Nebenwirkungen: Wie energieaufwendig wird die CO2-Abscheidung im Großeinsatz sein? In den Modellkraftwerken verbraucht die Reinigung des Abgases allein ein Viertel der erzeugten Energie. Der Mainzer Physikprofessor Konrad Kleinknecht ist skeptisch: "Alle deutschen Kohlekraftwerke produzieren über eine Million Tonnen CO2 am Tag. Und es ist völlig unsicher, ob die Lagerstätten langfristig dicht sind oder das Gas relativ schnell wieder entweicht."

Umstrittenes Aus für Kernenergie

Vielleicht weiß man ja 2015 mehr. Spätestens dann nämlich soll das erste komplett umgerüstete Demo-Kraftwerk in Betrieb gehen. Eine Lösung im nationalen Maßstab wird dann allerdings noch Jahre brauchen. Und billig wird die sogenannte CCS-Technik auch nicht: Kaum ein bisher bestehendes Kohlekraftwerk kann nachträglich darauf umgerüstet werden. Man müsste die meisten komplett neu bauen.

Dass die rot-grüne Bundesregierung entschied, völlig aus der Kernenergie auszusteigen, verschärft die Situation. Bis spätestens 2022 soll der letzte der 17 noch aktiven Meiler vom Netz gehen. 22 Prozent des deutschen Stroms stammen aber heute aus Atomkraftwerken. Um die zu ersetzen, rechnet Physiker Kleinknecht vor, müsste man 30 Kohlekraftwerke bauen, der CO2-Ausstoß stiege um 15 Prozent oder 120 Millionen Tonnen pro Jahr. Weil das "klimapolitisch eine Katastrophe" wäre, gehe es ohne Kernenergie nicht.

17 Meiler abzuschalten, ohne sie durch schmutzige Kohlekraftwerke zu ersetzen, dürfte tatsächlich schwierig werden. Denn die Energiemenge aus regenerativen Quellen müsste sich in den kommenden 13 Jahren mehr als verdoppeln. Selbst dann hätten die grünen Energien nur CO2-arm produzierende Atommeiler abgelöst - aber noch kein einziges schmutziges Kohlekraftwerk. Vor allem Politiker von CDU und CSU fordern daher, die Laufzeiten der Kraftwerke zu verlängern.

Gefahrvolle Ersatzdroge

Kernenergie sei billig, sicher und klimaschonend, sagt ihr Lobbyverein, das Deutsche Atomforum. Ähnlich der Idee von sauberer Kohle suggeriert auch die Kernenergie, alles könne so bleiben, wie es ist - der Energiekonsum, die Netze, vielleicht sogar der Strompreis. Doch vor allem die großen Energieversorger würden von längeren Laufzeiten profitieren. Allein mit dem Kraftwerksblock Biblis A könnte RWE nach eigenen Angaben vor Steuern 300 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaften. Ein großer Teil dieser Gewinne, fordern Experten und Politiker, solle für die Erforschung erneuerbarer Energien und für die bessere Wärmedämmung der knapp 40 Millionen Häuser und Wohnungen eingesetzt werden. Ist Atomkraft also die Therapie, die wir brauchen?

Wohl eher eine Art Ersatzdroge, deren längere Einnahme fatal sein könnte. Denn je länger der Ausstieg verzögert wird, desto weniger Anreize haben Vattenfall, Eon, EnBW und RWE, ihre Produktion auf grüne Energien oder zumindest auf sauberere Kohle umzustellen. Um im Alleingang das Klima zu retten, taugt die CO2-arme Atomenergie schon gar nicht. Nach Berechnungen einer Enquêtekommission des Bundestages aus dem Jahr 2002 wären allein in Deutschland mehr als 50 neue Kernkraftwerke nötig, um die Ziele des Klimavertrags von Kyoto zu erreichen. Deren Bau ist schlicht undenkbar.

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