Der Armutsatlas verzeichnet ein krasses Wohlstandsgefälle in Deutschland. Drohen soziale Zerwürfnisse? Wer muss sich vor Armut fürchten? Was für Folgen hat die Angst vor dem Absturz? Der Soziologe Berthold Vogel gibt Antworten.

Bettlerin: "Mehr Wettbewerb soll Leistungsbereitschaft fördern"© Colourbox
Die breite Mittelschicht - gut ausgebildete Facharbeiter und Angestellte - gerät immer weiter unter Druck. Die Mitte der Gesellschaft wird immer stärker von Abstiegsängsten erfasst. Durch die Wirtschaftskrise wird sich das verschärfen - eine brisante Entwicklung.
Die Leistungsträger verhalten sich immer weniger solidarisch, weil sie selbst Existenzängste haben. Sie grenzen sich stärker von den unteren Schichten ab, Ressentiments gegenüber Menschen am Rande der Gesellschaft werden geschürt. Das sorgt für soziale Konflikte.
Durch Leih- und Zeitarbeiter, 1-Euro-Jobber, befristete Verträge. Solche Maßnahmen kamen früher nur in einfachen Beschäftigungsverhältnissen zum Einsatz. Heute sind sie auch in Berufen normal, die eigentlich die qualifizierte Mitte besetzt. Wir nennen das "Prekarisierung der Arbeit". Das Signal für die Beschäftigten: Euer Job ist nicht sicher.
Über Jahrzehnte gab es einen Konsens darüber, dass man Ungleichheiten in der Gesellschaft zumindest abdämpfen sollte. Der Abstand zwischen den sozialen Gruppen sollte möglichst gering gehalten werden. So wurde eine breite Mittelschicht geschaffen. Doch in jüngerer Zeit hat sich der gegenteilige Gedanke durchgesetzt: nämlich dass durch die staatlichen Wohltaten die Menschen passiv und inaktiv geworden seien. Neuerdings forciert die Politik wieder die Ungleichheit, zum Beispiel durch die Förderung von Zeitarbeit. Mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt soll für mehr Leistungsbereitschaft sorgen.
Ich sehe das problematisch. Natürlich sollte man die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen fördern. Aber es sollte kein Klima der Angst entstehen, weder in der Gesellschaft insgesamt noch in einzelnen Betrieben. Wer ständig in Sorge um seinen Job ist, wer sich immerzu Gedanken darüber machen muss, ob er seine Familie auch morgen noch versorgen kann, der ist nicht glücklich. Aber wer unglücklich und verunsichert ist, wird nicht besonders produktiv arbeiten.
Sämtliche Statistiken sind eindeutig: Je höher die Qualifikation, desto größer sind die Chancen, sich zu behaupten und aufzusteigen. Allerdings sind die klassischen Karrierewege früherer Tage schwieriger geworden. Eine gute fachliche Qualifikation bedeutet längst nicht mehr einen sicheren Job.
Vor allem dort, wo es globalen Druck gibt: im Maschinenbau, in der Automobilindustrie, in der Chemiebranche, bei Banken und Versicherungen. Aber auch - und das ist neu - in den öffentlichen Diensten.
Die reicheren Regionen werden sich vehement wehren, Transfers für ärmere zu leisten. Außerdem werden in Zeiten der öffentlichen Finanznot und der Wirtschaftskrise die Handlungsspielräume der Politik immer kleiner. Die Substanz wird aufgezehrt. Was die lange Sicht angeht, bin ich mit Blick auf staatliche Gestaltungsspielräume eher pessimistisch.
Zur Person Berthold Vogel ist Projektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Privatdozent an der Universität Kassel. Erschienen ist vor kurzem sein Buch "Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen".