Tausende Kleinanleger wollten ihr Erspartes für sicher anlegen und vertrauten dafür Zertifikaten von Lehman und anderen Krisenbanken. Dieses Geld ist jetzt futsch. Das Risiko kannten die meisten Anleger gar nicht. Den Banken droht deshalb eine Klagewelle - und den Kleinanlegern eine düstere Zukunft. Von Karin Spitra

© Volkmar Schulz/Keystone
Er möge sich doch bitte in Geduld fassen - das war der Rat, den Citibank-Kunde Manfred E.* (Name geändert) in einem Brief seiner Bank bekam. Doch da konnte er schon lange nicht mehr ruhig schlafen. Der Grund: Auf Anraten seines Beraters hatte Manfred E. 27.000 Euro - seine gesamten Ersparnisse - in Zertifikate der mittlerweile bankrotten Bank Lehman Brothers gesteckt. Zwar hatte E. in allen Beratungsgesprächen immer darauf hingewiesen, dass er keineswegs eine riskante Anlage wünsche - doch im guten Glauben auf die Kompetenz des Beraters investierte er dennoch. Wie riskant seine Anlage eigentlich sei, wurde ihm gar nicht mitgeteilt. Jetzt ist Lehman Brothers pleite und Manfred E. hat seinen letzten Notgroschen fürs Alter verloren.
Risiko? Kannten die Anleger nicht
"Leider kein Einzelfall," stellt Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg fest. Denn die Experten der Verbraucherzentralen werden gerade bundesweit mit einer Flut von Anfragen verunsicherter Anleger überschüttet. Und die Fälle gleichen sich (siehe auch die nebenstehend anonymisierten Fälle). "Meist geben die Betroffenen an, gar nicht über das Ausmaß und das Risiko ihres Investments informiert worden zu sein", so Schmitz.
So auch Klaus A.* (Name geändert): "Ich habe während des Beratungsgesprächs bei der Sparkasse darauf hingewiesen, dass ich ab 2011 auf dieses Geld (30.000 Euro) angewiesen sein werde, um die Zeit bis zum Renteneintritt finanziell überbrücken zu können. Von möglichen Problemen war bei dieser Anlage im Beratungsgespräch aber keine Rede." Auch Rüdiger F.* (Name geändert) fühlt sich von seiner Bank verraten: "Ich bin seit drei Jahren arbeitslos und habe mit 53 Jahren kaum noch eine Chance, einen vernünftigen Job zu finden. Ich erhalte keinerlei Unterstützungsleistungen. Ich lebe von dem, was ich mir in meinem Berufsleben erarbeitet habe. Aus diesem Grunde habe ich einen Teil meiner Abfindung sicher anlegen wollen. Ich bin kein Selbstmörder. Aber ich bin Laie in Finanzdingen, weshalb ich ja auch zu einer Finanzberatung ging. Der Begriff 'Inhaberschuldverschreibung' und der Hinweis auf fehlende Einlagensicherung wurden nicht erwähnt."
Wenig Hoffnung
Jetzt ist Rüdiger F. im Besitz von Zertifikaten der US-Banken Lehman Brothers und J.P. Morgan - und sein Geld wahrscheinlich verloren. Über seine Zukunft macht er sich wenig Illusionen: "Ich werde wohl irgendwann dem Staat auf der Tasche liegen."
Oft geht es gar nicht um Riesensummen: Bei den Verbraucherzentralen werden Verluste zwischen 4000 und mehreren Tausenden Euro gemeldet. Doch für die Betroffenen handelt es sich oft um das ganze Ersparte. Da ist vom Notgroschen fürs Alter bis zum Geld für die Ausbildung der Kinder alles dabei.
Alles richtig gemacht?
Wie fatal die Lage dieser Kleinanleger ist, wissen auch die beteiligten Banken. Bei der Citibank heißt es dazu in einer Stellungnahme gegenüber stern.de: "Wir verstehen die Sorge und Verunsicherung der Kunden selbstverständlich sehr gut und setzen alles daran, unsere Kunden über die relevanten Entwicklungen zeitnah und detailliert zu informieren." So wäre gerade Anfang der Woche ein zweiter Rundbrief verschickt worden, um die Kunden über den Stand der Dinge und das weitere Verfahren der Lehman-Brothers-Insolvenz zu informieren. Auch würden die Mitarbeiter in den Filialen und Call Centern immer auf den neuesten Stand der Entwicklung gebracht, damit sie Kunden umfassend beraten und informieren könnten.
Doch was die Berater von Citibank - und auch von Sparkassen, Dresdner und Deutscher Bank - trifft, die ebenso in den Zertifikate-Handel involviert sind, ist der Vorwurf, ein zu riskantes Produkt verkauft zu haben. "Marktbeobachter haben den dramatischen Fall und die Insolvenz von Lehman nicht vorhergesehen. Lehman Zertifikate verfügten über gute Ratings and wurden von einer der angesehensten Banken der Welt garantiert und emittiert, die seit mehr als 158 Jahren erfolgreich am Markt tätig war," rechtfertigt sich die Citibank. Auch wären alle Kunden über die generell bestehenden Risiken bei Wertpapieren vor einer Ordererteilung aufgeklärt worden.
Banken droht Klagewelle
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz schätzt, dass in Deutschland knapp 10.000 Zertifikate-Anleger von der Lehman-Pleite betroffen sind und der Schaden im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich liegt. Die US-Bank hatte nach Angaben des Deutschen Derivate Verbands (DDV) hier einen Marktanteil von 0,2 Prozent. Größte Herausgeber dieser Zertifikate waren laut DDV Deutsche Bank und Commerzbank mit einem Anteil von knapp 50 Prozent. Doch auch die Citibank und Banken des Sparkassensektors werden von den Betroffenen genannt. Diese Banken dürfen sich warm anziehen: Bundesweit sitzen Anwälte bereits an entsprechenden Klageschriften, auf die Banken rollt eine Prozessflut zu.
Für geprellte Anleger hält Verbraucherschützerin Schmitz dennoch einen Rat bereit: "Alle Opfer sollten sich schleunigst bei einer Verbraucherzentrale zur Beratung melden." Zwar sieht sie wenig Chancen auf eine Sammelklage, denn dazu müsste es jeweils identische Fälle geben. "Aber in einer Beratung kann man schon viel genauer auf den jeweiligen Einzelfall eingehen." Der nächste Schritt sei dann der Gang zum Anwalt. "Dabei macht es durchaus Sinn, sich von uns einen Spezialisten empfehlen zu lassen. Nur wenn ein Anwalt mit einer gewissen Zahl von Fällen im Rücken bei der Bank anklopft, besteht auch die Chance, dass diese einlenkt," so Schmitz. Denn Ziel der geschädigten Bankkunden sollte eine außergerichtliche Einigung mit ihrem Finanzinstitut sein - und da haben viele geeinte Kunden bessere Chancen, als Einzelkämpfer.
Die Bankkunden sind trotzdem meist doppelt getroffen: Zum Verlust des Geldes kommt für sie auch noch der Vertrauensverlust. Meist wurden sie von ihren langjährigen Bankberatern zum Abschluss der - vermeintlich - sicheren Anlage gedrängt. An dem nun eingetretenen Imageverlust werden die Finanzinstitute noch lange zu knabbern haben. Denn so wie unser Leser Detlef F.* (Name geändert) denken auch viele andere: "Bankkaufmann war für mich immer ein anständiger Beruf, Banken der Hort der Sicherheit. Diese Ansichten sind nachhaltig zerstört."