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14. September 2007, 18:10 Uhr

"Die Verbraucher werden von der Politik betrogen"

Das Färben von Fleischabfall kann nur der Anfang sein, sagt Food-Watch-Experte Thilo Bode im stern.de-Interview. Denn nicht nur das Fleisch, sondern die gesamte Industrie ist faul. Drei einfache Schritte würden reichen, damit Gammelfleisch zum Problem von gestern wird.

Immer feste druff! Seit den jüngsten Gammelfleisch-Skandalen schlagen Politiker und Verbraucherschützer wieder auf die Fleischindustrie ein - zurecht?© Johannes Eisele/DDP

Herr Bode, die Verbraucherminister von Bund und Ländern haben heute beschlossen, dass zum besseren Verbraucherschutz Schlachtabfälle in Deutschland künftig deutlich gekennzeichnet werden müssen. Ist das Gammelfleischproblem damit aus der Welt?

Der Beschluss, Schlachtabfälle auf nationaler Ebene einzufärben, ist ein erster Schritt - wichtig, aber bei weitem nicht ausreichend. Die Politiker nehmen das Problem nicht wirklich ernst. Sonst würden sie es grundsätzlich lösen. Dies ist machbar. Aber sie machen es nicht.

Immerhin will Verbraucherminister Horst Seehofer nun "wirksamere Kontrollen".

Das sind doch Nebelkerzen! Kontrollen bewirken gar nichts. Der Anbieter von Gammelfleisch und der Abnehmer von Gammelfleisch sind sich doch immer einig. Es findet also strenggenommen kein Betrug statt. Da ist vielmehr eine kriminelle Vereinigung am Werk. Betrogen wird der Verbraucher, der das Gammelfleisch nicht erkennen kann.

Herr Seehofer möchte auch Jagd auf "raffgierige Fleischhändler" machen.

Das ist wirklich eine Volksverdummung ersten Ranges. Der Fleischskandal ist doch nicht eine Folge der Raffgier einzelner. Der Fehler liegt im System. Es ist sehr leicht, zu betrügen. Es ist sehr schwer, erwischt zu werden. Und wenn doch mal einer erwischt wird, kommt er glimpflich davon.

Was muss geschehen?

Es muss ein Entsorgungssystem mit einer wirkungsvollen Selbststeuerung geschaffen werden. Im Abfallrecht ist es heute in vielen Wirtschaftszweigen üblich, dass der Hersteller eines Produkts auch für dessen Entsorgung haftet. Das ist bei Fernsehern so. Das ist bei Autos so. Beim Fleisch nicht. Kein Mensch weiß, was mit den Abfällen der Schlachthöfe passiert. Es gibt in dieser Branche keine Nachweispflicht über die gesamte Entsorgungskette.

Lässt sich dieses Problem auf nationaler Ebene lösen?

Das natürlich nicht. Wir haben eine europäische Nahrungsmittelpolitik. Aber genau so wenig sind Autoentsorgung und Elektronikschrott ein rein deutsches Problem. Kein Wirtschaftszweig lässt sich heute noch national regeln. Doch nur in der Fleischindustrie schlagen wir uns seit Jahren mit im Grunde ganz einfachen, aber folgenschweren Problemen herum.

Für einfache Probleme müsste es doch einfache Lösungen geben.

Die gibt es. Wir brauchen auf europäischer Ebene die Verpflichtung, die Fleischabfälle einzufärben. Einen ausrangierten Fernseher können Sie nicht einfach durch Umetikettieren als fabrikneues Gerät weiterverkaufen. Bei Schlachtabfällen ist Etikettenschwindel relativ simpel.

Fleisch anzumalen ist also wirksamer Verbraucherschutz?

Das Einfärben von Schlachtabfällen wäre in der Tat sehr wirkungsvoll - aber natürlich nur im Verbund mit einer wirksamen Haftungsregelung für die Fleischproduzenten: Den Weg ihrer Fleischabfälle muss man lückenlos nachverfolgen können. Und zusätzlich müssen die Namen von Gammelfleischhändlern offengelegt werden. Diese drei Dinge brauchen wir. Dann werden wir kein Gammelfleisch mehr essen müssen.

Klingt simpel.

Eigentlich ist es das auch. Da aber Herr Seehofer und die Verbraucherminister der Länder sich um eine Politik im Sinne der Verbraucher herumdrücken, passiert nichts.

Sie pflichten also Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn bei, dass "Herr Seehofer zu allem Möglichen Bock hat, nur nicht zu Verbraucherschutz und zu Landwirtschaft"?

Da macht Herr Kuhn es sich ein bisschen sehr einfach. Immerhin haben die Grünen in ihrer Regierungszeit diese Zustände mit verursacht. Wegen der rot-grünen Gesetze, die nach der BSE-Krise verabschiedet wurden, werden heute 16 Millionen Tonnen Schlachtabfälle jährlich in Europa hin- und hergefahren! Europas größter Fleischkonzern "Vion" verdient inzwischen mehr mit Schlachtabfällen als mit Frischfleisch. Diese Absurditäten sind ein Resultat der Fleischabfall- und Tiermehlpolitik der rot-grünen Regierung.

Und was kann der einzelne Verbraucher tun?

Erst einmal müssen die Verbraucher verstehen, dass sie nicht nur von der Fleischindustrie, sondern auch von den Politikern betrogen werden. Nur wenn das klar ist, kann sich etwas ändern. Gegenwärtig denken viele Verbraucher, sie seien selbst Schuld an der Ekelfleisch-Misere, weil sie zu billig einkaufen. Das wird ihnen immer wieder eingeredet.

Da ist nichts dran?

Das ist nicht das Hauptproblem. Durch höhere Preise für Fleisch würde sich an den schweren Systemfehlern in der Fleischindustrie nichts ändern. Gar nichts.

Zur Person

Zur Person Dr. Thilo Bode, Jahrgang 1947, studierte Soziologie und Volkswirtschaft. Von 1989 bis 1995 war er Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, 1995 bis 2001 von Greenpeace International. 2002 gründete er die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch (www.foodwatch.de), die er seitdem leitet. Daneben schreibt er als freier Autor. Im Oktober erscheint sein neues Buch "Abgespeist - Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können."

Interview: Markus Wanzeck
 
 
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Der Volkswirt und Soziologe war von 1995 bis 2001 Geschäftsführer von Greenpeace International. Zuvor hatte er sechs Jahre lang die deutsche Sektion der Umweltorganisation geleitet. mehr...

 
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