Gleicher Preis, weniger Inhalt: Nachdem die EU die Einheitsgrößen bei Lebensmitteln abgeschafft hat, befürchten Verbraucherschützer weitere versteckte Preiserhöhungen im Supermarkt. Die Hamburger Verbraucherzentrale warnt gegenüber stern.de vor den Folgen der "Lizenz zum Mogeln". Von Katharina Hamberger und Sönke Wiese

Inhalt reduziert? Verbraucherschützer warnen vor versteckten Preiserhöhungen© Colourbox
Die neue EU-Verpackungsverordnung hat die in Deutschland bislang vorgeschriebenen Einheitsgrößen bei Grundnahrungsmitteln und anderen Produkten gekippt. So wiegt eine Tafel Schokolade demnächst womöglich nur noch 83 statt 100 Gramm - bei gleichem Preis. "Nun hat sich die Lobby der Lebensmittelindustrie endgültig durchgesetzt", sagt Silke Schwartau stern.de. Für die Hamburger Verbraucherschützerin kommt das Dekret der EU einer "Lizenz zum Mogeln" gleich.
Hintergrund: Die genormten Größen hatten auch den Sinn, Konsumenten direkte Vergleiche zu erleichtern. Doch künftig werden sie wieder genauer auf die Angaben am Regal achten müssen. Denn die Hersteller können nun völlig frei die Verpackungsmengen bestimmen. Verbraucherschützer befürchten ein "totales Preis-Wirrwarr".
Die Händler hingegen jubeln über die Liberalisierung: "Hier hat man eine überflüssige Vorschrift abgeschafft", sagt Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). So könne man jetzt bedarfsgerechte Verpackungen etwa für Singles oder ältere Menschen anbieten.
Der wahre Grund der Freude sei ein anderer, meint Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg: "Das neue EU-Recht werden Hersteller und Händler nutzen, um noch häufiger versteckte Preiserhöhungen vorzunehmen." Tatsächlich hat man diese Masche schon früher in Supermärkten beobachtet, seit Jahren sammeln die Verbraucherschützer Beispiele. Die Verpackungsordnung wurde in der Vergangenheit Schritt für Schritt aufgeweicht. "Das ist nun der letzte Schwung, und der betrifft die wichtigsten Produkte", schimpft Schwartau.
Gleicher Preis, weniger Inhalt: Warum dieser Trick so gut funktioniert, sei klar. Die Kunden seien "Gewohnheitstiere", erklärt die Verbraucherschützerin. Die meisten wüssten zwar genau, wie teuer zum Beispiel ein Glas Nutella ist. Aber den Grundpreis würden nur wenige kennen - eine Reduzierung der Menge falle da nicht weiter auf. So lange der Kaufpreis identisch bleibt, sei keine größere Empörung zu erwarten.
Vergeblich kämpft Schwartau seit Jahren dafür, deutlichere Grundpreisbezeichnungen im Supermarkt zur Vorschrift zu machen, damit die Kunden besser vergleichen können. Aber darauf legen Hersteller und Händler keinen Wert - und die Bundesregierung offenbar auch nicht. "Berlin hat die neue EU-Vordnung ohne großen Widerstand durchgewunken", sagt Schwartau.