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26. März 2009, 14:55 Uhr

Am besten sofort auflegen

Ungebetene Werbeanrufe haben sich zu einem großen Problem entwickelt: Pro Tag werden rund 900.000 Menschen am Telefon mit Gewinnspielen und Lockangeboten belästigt. Mit schärferen Gesetzen will die Regierung gegensteuern. Verbraucherschützern gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug. Von Mandy Schünemann

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Ein Callcenter: Täglich erhalten rund 900.000 Menschen einen unerbetenen Anruf© Oliver Berg/DPA

Mitten im Media Park in Köln: Auf engstem Raum sind hier 60 Computerarbeitsplätze installiert. Ein Flachbildschirm, ein Headset und die entsprechende Software - mehr bedarf es in einem Callcenter nicht. Per Mausklick werden die gespeicherten Nummern ausgewählt. Immerhin ordert "CallOn", das im Auftrag der Firma "Lottoteam" Systemlottoscheine verkauft, rund 250.000 Adressdatensätze im Monat. Die meisten sind von Menschen, die an Gewinnspielen teilgenommen haben. Teilnehmer, die angekreuzt haben, dass sie die Weitergabe ihrer Adressen nicht verbieten. "Oder die vergessen haben, das anzukreuzen", erklärt ein Teamleiter den neuen Mitarbeitern. Mit dabei: Günter Wallraff, Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist.

Verbot von Telefonwerbung verschärfen

Vor zwei Jahren war Wallraff sowohl bei "CallOn" als auch bei "ZIU-International" undercover unterwegs. Seine Ergebnisse? Erschreckend. Jeden Tag rief der heute 66-Jährige rund 80 Kunden - er selbst nennt sie "potenzielle Opfer" - mit einer unterdrückten Nummer an. Sein Arbeitsauftrag bei jedem Anruf: eine Kontonummer ergattern. Das ist das Prinzip vieler Callcenter. Sie handeln mit Lottolosen und Zeitschriftenabonnements, mit Nahrungsmitteln und Versicherungsverträgen. Was sie auch immer verkaufen, im Regelfall ist es überteuert. Gerade in den letzten Jahren hat sich unerwünschte Telefonwerbung zu einem erheblichen Problem für die Verbraucher entwickelt - und das, obwohl die Werbung per Anruf bereits gesetzlich verboten ist.

Um dem entgegenzuarbeiten, hat der Bundestag deshalb am Donnerstag ein neues, verschärftes Gesetz verabschiedet. Er beschloss mit breiter Mehrheit, dass die Kunden bei telefonisch abgeschlossenen Abonnements oder Handy-Verträgen das Recht zum Widerruf bekommen sollen. Wenn Firmen gegen das Verbot der Telefonwerbung ohne Einwilligung der Verbraucher verstoßen, drohen ihnen bis zu 50.000 Euro Strafe. Call Center, die ihre Rufnummer unterdrücken, müssen mit Geldbußen von bis zu 10.000 Euro rechnen.

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), eines der größten Marktforschungsunternehmen der Welt, fand in einer Umfrage heraus, dass es allein im ersten Quartal 2006 rund 82,6 Millionen unaufgeforderte telefonische Werbekontakte gab. Das heißt, pro Tag erhalten rund 900.000 Menschen einen unerbetenen Anruf. Wie der Bundesverband der Verbraucherschutzzentralen außerdem mitteilt, fühlen sich zwischen 82 und 86 Prozent der Verbraucher sowohl durch die Anrufe als auch durch Werbepost belästigt.

Hohe Bußgelder gegen Verstöße

"Der vorliegende Entwurf enthält durchaus einige Verbesserungen", sagte im Vorfeld Karin Binder, Sprecherin für Verbraucherpolitik der Fraktion Die Linke. Sie kritisiert aber, dass nach wie vor telefonische Verträge abgeschlossen werden können - ohne schriftliche Bestätigung. "Es gibt viele Menschen, die einfach am Telefon überrumpelt werden", sagt sie. Viele würden oft erst im Nachhinein merken, dass sie sich in Abhängigkeit begeben haben. Ihrer Meinung nach sollten deshalb reine telefonische Verträge bei einem unerlaubten Werbeanruf gar nicht erst möglich sein. Außerdem bemängelt sie, dass das maximale Bußgeld in Höhe von 50.000 Euro nicht hinreichend sei. Deshalb hatte ihre Fraktion einen Änderungsantrag eingereicht, der 250.000 Euro als Höchstbetrag vorsieht.

Der Verbraucher muss aktiv werden

Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen empfindet den vorgeschlagenen Bußgeldkatalog nicht als abschreckend genug. Helke Heidemann-Peuser, Referatsleiterin für Wirtschaftsrecht, vertritt eine ähnliche Position wie die Fraktion der Linken. Eine Bußgeldobergrenze von 250.000 Euro, die sich an der Höchstgrenze für Ordnungsgelder der Zivilprozessordnung (ZPO) orientiert, sei eher vorstellbar, sagt sie. Des Weiteren kritisiert die Verbraucherschützerin: "Der Betroffene hat zwar die Möglichkeit, den Vertrag zu widerrufen, aber er muss es auch tun. Sonst ist er irgendwann an diesen Vertrag gebunden, obwohl der Anruf illegal war."

Als Verbraucher selbst habe man nur wenige Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen, sagt Heidemann-Peuser. "Sie können sagen: Ich bin mit dem Anruf nicht einverstanden. Sie können auch sofort auflegen. Aber die meisten Verbraucher wollen auch nicht unhöflich sein." Am besten sei es, wenn alle Daten zum Telefonat notiert werden: der Name des Anrufers, der genaue Zeitpunkt und der Auftraggeber. "Wenn diese Informationen vorliegen, können die Verbraucherschutzzentralen und wir mit einer Unterlassungsklage dagegen vorgehen." Bisher ist es nur möglich, eine Unterlassung herbeizuführen. Erst wenn danach ein erneuter Werbeanruf eingeht, kann ein Ordnungsgeld verhängt werden.

Dies soll sich nach dem Willen der Bundesregierung in Zukunft ändern. "Jetzt wird der Erstverstoß schon mit Bußgeld belegt. Damit wird gezeigt, dass es eben nicht nur ein Kavaliersdelikt ist, sondern ein massiver Eingriff in die Privatsphäre der Kunden."

Von Mandy Schünemann
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
Dosenbiertrinker (27.03.2009, 15:10 Uhr)
auflegen bringt eben nichts....
sondern nur das man -gelegentlich- dazu beiträgt das solche anrufe schlichtweg unrentabel sind.
je länger man in der leitung ist, z.b. man gaukelt interesse vor, kauft aber schlussendlich doch nichts desto teurer wirds für das callcenter....
Medley (26.03.2009, 23:12 Uhr)
"Höflichkeit ist eine Zier...."
...doch besser kommt man aus ohne ihr."
Also, ich sach' bei solchen präkeren Gelegenheiten immer: "Aha.....Telefonspam......" oder wenn mal ein nettes Fröilein im gebährfähigen Alter an der Strippe ist, auch schleimig-freundlich: "Ächem...naja...neeeee, also eigentlich hab ich kein Interesse, tut mir wirklich ECHT leid.", lasse anschließend noch ein wenig meine männlichen Muskeln im Telefonarm und die in der rechten Gesichtshälfte zucken und lege danach beherzt auf. Bis Dato zumindest klappt diese Methode eigentlich ganz gut, zumindest was die quantitative Verminderung derartiger Werbebelästigungsanrufe betrifft. Sicher nicht immer, aber immer öfter.
Und bitte, bringe mal niemand hier seine voll totale Betroffenheit über das harte Los der Lohnsklaven des IT-Zeitalters tränenreich mit Sätzen wie: "Ach Gottchen, die armen, armen ausgebeuteten Callcentermitarbeiter, die tun ja doch auch nur ihrer Arbeit/Plicht/Broterwerb nachgehen um nicht zu verhungern/zu verdursten/unter Brücken schlafen zu müssen/usw/usf." zur Geltung. Denn solch ähnliche windelweiche Ausflüchte, die hatte man nämlich auch schon von 33 bis 45 als wohlfeile Schutzbehauptung aufgeführt.
Krakatoa41 (26.03.2009, 20:30 Uhr)
Nervig
Diese ständigen Anrufe nerven gewaltig, ich als höflicher Mensch Frage jetzt jedes mal den Anrufer, ob er nichts dagegen hat, das ich dieses Gespräch aufzeichne, danach wird abrupt vom Anrufer aufgelegt und die Firma meldet sich nie mehr.
Herr_Lich (26.03.2009, 17:31 Uhr)
Wo das Problem ist?
Auflegen und Schluß reicht leider nicht unbedingt. Und auch der arme User hier, der meint, man solle sich nicht aufregen, es beträfe ja NUR ältere Menschen, sollte sich nicht zu früh freuen.
Es geht auch und im Besonderen um ältere Mitmenschen, aber nicht ausschließlich. Es reicht bei der derzeiteigen Gesetzeslage z.B., daß jemand deine Adress- und Konto-Daten hat (die kann er z.B. gekauft haben). Der ruft dich an und hat damit den Nachweis, daß ein Gespräch stattgefunden hat. Dann kann er behaupten, daß er die Daten und die Zustimmung zu einem Vertrag während des Telefongesprächs von dir erhalten hat. Eine schriftliche Zustimmung des Angerufenen ist für die Rechtmäßigkeit eines solchen Vertrages absurderweise nicht notwendig. So vergeht die Widerspruchsfrist und der Vertrag ist rechtsgültig, ohne daß du überhaupt weißt worum es geht.
CarlComma (26.03.2009, 17:19 Uhr)
Wo ist das Problem ?
etliche Foristen haben es schon treffend ausgedrückt, Auflegen und Schluss ...
Nur, das die Politik immer Jahre benötigt bis sie den Unmut aus der Bevölkerung erhört ist beschämend für unser Land.
Hauptsache der Rubel rollt und reagieren reicht bekanntlich ja immer noch aus wenn die Situation am überkochen ist.
Wann werden die Kiddis vor dummen und überteuerten Klingeltonabos geschützt?
Wann verschwindet per Gesetz literweise Blut aus dem alltäglichen tv-Sendungen ?
Da haben Frau Merkel und Co. noch einiges Abzuarbeiten wenn es denn dann endlich nach dem gefühlten 5 Jahres Verschleppungsplan geändert ( verbessert ) werden soll...
kfpdm (26.03.2009, 17:19 Uhr)
@schlusi09
Ich kann diese Praxis bestätigen. Nachdem ich vor Jahren mein Stern-Abo gekündigt habe, bekomme ich, zugegenen in recht großem zeitlichem Abstand, Anrufe ob ich nicht wieder G+J Produkte abonnieren möchte. Auch die Briefwerbung von G+J versiegt nie....
Gruß,
A.
schlusi09 (26.03.2009, 17:09 Uhr)
stern himself
das ausgerechnet der stern dies jetzt zum thema macht,wundert mich schon.bedient sich doch der stern selbst ganz gerne der ach so nervenden callcenter!!!!ich als ehemaliger abonnement,habe das selbst erlebt,fühlte mich regelrecht,von der dame am telefon unter druck gesetzt meine kontonr. an zu geben.o-ton:das geschenk bekommen sie nur in verbindung mit der kontonr.ich habe mich,erfolgreich geweigert,den stern gelesen,und auch das geschenk eingeheimst ;-))))
Angste (26.03.2009, 16:51 Uhr)
@RDUKE7777777
Natürlich müssen sie so einen Job machen, alles andere wäre Arbeitsverweigerung und führt zur Sperre.
Die Callcenter holen sich liebend gerne Leute von der ARGE, da reicht die Drohung mit"Arbeitsverweigerung", und die Leute spuren.
Elli59 (26.03.2009, 16:25 Uhr)
Es geht auch brutal....
ein toller Tipp, den mir eine Freundin
gab. Eine Trillerpfeife wirkt Wunder. In der Regel kommt von derselben Firma kein zweiter Anruf mehr....
hastenichgesehn (26.03.2009, 16:00 Uhr)
Nicht übertreiben!
im endeffekt wie ein vorredner schon geschrieben hat trifft es eher die älteren bis alten. dadurch, dass wir in einer gesellschaft leben, in der das abzocken zur tagesordnung dazugehört (muss/kann) man sich damit abfinden. ich verstehe nicht wieso soviel wind über diesen artikel gemacht wird. höflich antworten "nein" und wenn weiter versucht wird nachzuharken ---auflegen und gut is---
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