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Liechtenstein contra Gazprom

Die Behörden in Vaduz nehmen eine mit Gazprom verbundene Firma ins Visier. Wer sind die mysteriösen Profiteure der Gasgeschäfte, die ein Managerkollege von Gerhard Schröder eingefädelt hat?

Von Hans-Martin Tillack

Der russische Energieriese Gazprom bekommt Probleme mit den Behörden - und zwar ausgerechnet im kleinen Fürstentum Liechtenstein. Die Finanzmarktaufsicht (FMA) in Vaduz hat wegen möglicher Probleme bei der mit Gazprom verbundenen IDF Anlagegesellschaft ein Prüfverfahren eingeleitet. FMA-Chef Stephan Ochsner bestätigte gegenüber stern.de, "dass zur Zeit eine Prüfung läuft".

Die FMA sorgt sich offenkundig um einen möglichen Mangel an Transparenz bei der IDF mitkontrollierenden Gazprom-Tochter Siritia Ventures Limited. So interessiert sich die Kontrollbehörde für den Vorwurf, dass die zypriotische Gazprom-Tochter gegen örtliche Gesetze verstoßen hat. Wie der stern vor vier Wochen enthüllte, hatte die der Gazprombank gehörende Siritia an ihrem Sitz im zypriotischen Nikosia bis Mitte August den zuständigen Behörden keine geprüften Abschlussberichte für die Jahre 2005 und 2006 vorgelegt. Wenn ein bedeutender Aktionär eines "liechtensteinischen Finanzmarktteilnehmers Gesetze verletzen sollte, dann ist das für die FMA relevant", sagte der Leiter der Liechtensteiner Aufsichtsbehörde.

Schweigen über Geschäftsinterna

Am Siritia-Jahresabschluss für 2004 hatten selbst die von der Firma eigens bestallten Wirtschaftsprüfer von Deloitte & Touche einen Bruch von "Gesellschaftsrecht und Buchführungsregeln" beklagt. Es fehle ein "konsolidierter Jahresabschluss", in dem die Ergebnisse der Töchter enthalten seien. Im Jahr 2004 kontrollierte Siritia die Liechtensteiner Tochter IDF zu 100 Prozent. Zurzeit teilt sie sich die Aktien der Gesellschaft mit der Russischen Kommerzial Bank in Zürich. Diese wird aber demnächst von der Gazprombank übernommen.

IDF wollte gegenüber stern.de keine Fragen zu dem FMA-Prüfverfahren beantworten. Es gehe dabei um "Geschäftsinterna", sagte Geschäftsleiter Klaus Eberhard. Die Gesellschaft habe sich aber kein "unrechtmäßiges", "unehrenhaftes" oder "unmoralisches Verhalten" zu Schulden kommen lassen.

Einlage verzwanzigfacht

Bereits zuvor hatte IDF allerdings öffentlich bestätigt, dass die Liechtensteiner Aufsicht die "Tiefe der Diversifikation" eines Fonds der Gesellschaft prüft. Dieser Fonds namens Gas I hält alle Aktien an der zypriotisch-österreichischen Gashandelsfirma Centrex. Es ginge demnach um die Frage, ob der Fonds zu sehr allein von der Geschäftsentwicklung einer einzigen Firma abhängt. In Liechtensteiner Finanzkreisen heißt es jedoch, der Aufsicht gehe es um mehr. Sie wolle auch wissen, wer die mysteriösen Eigentümer der Fondsanteile bei Gas I sind.

Die Frage nach diesen Anteilseignern ist deshalb brisant, weil sie seit 2004 spektakuläre Gewinne machen konnten - nicht zuletzt, weil der Gazprom-Konzern die (ursprünglich sogar von Gazprom mit gegründete) Firma Centrex mit lukrativen Gaskontrakten ausgestattet hat. Von dem Geschäftserfolg der Centrex profitieren jedoch vor allem die geheimnisvollen Eigentümer der IDF-Fondsanteile. Sie mussten zwar jeweils mindestens eine Million Dollar investieren. Der Wert ihrer Anteile hat sich seit April 2004 aber auf mehr als das zwanzigfache erhöht.

Gerhard Schröders Kollege im Spiel

Die Gaslieferverträge mit Centrex wurden von einem Mann unterschrieben, der ein unmittelbarer Kollege von Altkanzler Gerhard Schröder ist: Der Gazprom-Vize Alexander Medvedev, der zusammen mit Schröder im Aktionärsbeirat der Pipelinegesellschaft Nord Stream sitzt. Gazprom und Gazprombank reagierten bisher nur ausweichend oder gar nicht auf die Frage, warum der Centrex-Geschäftserfolg ausgerechnet einigen anonymen Liechtensteiner Fondsbesitzern zu Gute kommt.

Nach Recherchen von stern.de war der heutige Chef der Gazprombank, Andrey Akimov, bereits in Österreich mit ähnlichen Verstößen aufgefallen, wie sie jetzt der Gazprombank-Tochter Siritia zur Last gelegt werden. Er führte in Wien jahrelang die später in Dehel GmbH umbenannte Imag GmbH. Weil Dehel nicht rechtzeitig geforderte Jahresabschlüsse eingereicht hatte, schickte das Wiener Handelsgericht Strafandrohungen - zuletzt im März 2006 auch an Akimov persönlich - und verhängte schließlich sogar Strafgelder.

Empfänger unbekannt verzogen

Die Schreiben an die Firma am Wiener Kohlmarkt 11 sowie an Akimovs Wiener Adresse kamen aber regelmäßig zurück: Die Adressaten seien unbekannt "verzogen". Ein Mitarbeiter des Dehel-Steuerberaters, Michael Hason, schrieb am 15.Februar 2007 an das Handelsgericht Wien, Akimov halte sich "im Ausland" auf und sei "derzeit nicht erreichbar". Der Brief erwähnte nicht, dass der Ex-Dehel-Chef als Direktor bei der Gazprombank in Moskau sehr wohl erreichbar gewesen wäre. Hason dürfte das gewusst haben - auch weil er bei der von der Akimov-Bank mitkontrollierten Centrex im Aufsichtsrat sitzt. Von stern.de mit diesen Widersprüchen konfrontiert, berief sich Hason jetzt auf seine "Verschwiegenheitsverpflichtung" als "Wirtschaftstreuhänder und Steuerberater". Dass Akimovs Firma Dehel den Behörden entkam, lag auch an dem rechtzeitig eingefädelten Namenswechsel.

Ursprünglich hatte das Unternehmen unter dem Namen Imag (Investment Management and Advisory Group) firmiert. Als Akimov für Imag im August 2003 die Liquidation anmelden ließ, änderte er den Namen in Dehel. Zugleich unterhielt die Firma unter ihrem alten Namen Imag am Kohlmarkt 11 aber offenkundig weiter ein Büro - jedenfalls hatte sie dort bis mindestens August diesen Jahres noch ein Klingelschild. Wegen der Namensänderung kamen die Behördenschreiben an die Imag-Nachfolgerin Dehel trotzdem alle zurück.

"Handel mit Waren aller Art"

Akimov, der seit 2002 die Gazprombank führt, war zugleich bis zum 21.August 2003 Geschäftsführer der Imag. In den 12 Jahren ihrer legalen Existenz von 1991 bis 2003 kam es bei der kleinen Gesellschaft und ihren Schwesterfirmen mehrfach zu Merkwürdigkeiten. So wie heute bei Töchtern von Gazprom und Gazprombank gab es auch bei der Imag rätselhaft verschachtelte Firmenkonstruktionen und Probleme mit der Buchführung.

Als Geschäftszweck ließ Akimov im Wiener Handelsregister den "Handel mit Waren aller Art" eintragen. Zumindest zeitweise scheint die Firma beträchtliche Aktivitäten entfaltet zu haben. 1997 betrieb sie einen stattlichen Fuhrpark mit sieben Autos - darunter ein BMW 323 und ein Audi 100.

Auffälligkeiten auch bei Imag

Im Schweizer Steuerparadies Zug operierte daneben eine Imag AG. Sie besaß zusammen mit Akimov die Anteile an der Wiener Imag. Auch hier kam es wiederholt zu Auffälligkeiten. 1998 verlangten die Wirtschaftsprüfer "eine konsolidierte Jahresrechnung" - und zwar sogar "zwingend". Eine konsolidierte Jahresrechnung hätte auch bedeutet, die Ergebnisse von Tochtergesellschaften zu berücksichtigen. Das lehnten die Firmen-Manager - darunter Akimov - auf einer Sitzung in Moskau am 21.Oktober 1998 ab. Man sei der "Auffassung, dass die Verhältniszahlen nicht erreicht werden und daher eine konsolidierte Rechnungslegung nicht zwingend erforderlich ist", heißt es in dem von Akimov verantworteten Protokoll. Die eigentlich erforderlichen Geschäftsberichte für die Jahre 1995 und 1996 wurden laut Protokoll bis Oktober 1998 überhaupt nicht erstellt.

Wegen des merkwürdigen Geschäftsgebarens der Schweizer Akimov-Firmen traten mehrfach Manager und Wirtschafsprüfer von ihren Ämtern zurück. Am 4.August 1998 gab so die Revisionsgesellschaft Revisuisse ihr Prüfmandat für die Imag AG wieder ab - und zwar rückwirkend "ab Geschäftsjahr 1997".

Fehlende Revisionsberichte

Ebenfalls zum Imag-Umfeld zählten mehrere Firmen namens Wibro: Eine Wibro AG in Zug, eine Wibro B.V. in Amsterdam sowie eine Zweigniederlassung der Wibro B.V., die wiederum als eigenes Unternehmen in Zug eingetragen war. Wibro Amsterdam wurde von einer Firma namens Granz N.V. in Curaçao auf den Niederländischen Antillen kontrolliert. Zu den Geschäftszwecken der Amsterdamer Unternehmung - gegründet bereits im März 1989 - gehörte auch der Handel mit Rechten auf "geheimen Verfahren oder Rezepturen". Geführt wurde sie zuletzt von einer Russin, die als Wohnsitz den "Hawaii Suntan Complex" im zypriotischen Limassol angab.

Auch bei Wibro gab es mehrfach Probleme. Mit Schreiben an Akimov vom 17.Juli 1997 demissionierte dessen Schweizer Statthalter Franz-Xaver Camenzind "mit sofortiger Wirkung" von seinen Posten als Verwaltungsrat bei Imag AG und Wibro AG. Grund: Vorgeschriebene, ordentliche Generalversammlungen hatten nicht stattgefunden. Auch die "notwendigen Revisionsberichte", so Camenzind, seien nicht erstellt worden.

Die Buchhaltungs- und Revisions AG Zug zog sich bei der Wibro AG am 18. August 1997 "mit sofortiger Wirkung" als Prüfungsgesellschaft und "Revisionsstelle" zurück. Begründung: "Bis heute" habe man "die Revisionsunterlagen für das Geschäftsjahr 1996 nicht erhalten". Eine Kopie des Schreibens ging auch an Akimov in Wien.

Russischer Schlendrian

Ein ehemaliger Akimov-Mitarbeiter entschuldigt die Versäumnisse rückblickend mit angeblich typisch russischem "Schlendrian". Die massiven Versäumnisse behinderten jedenfalls weder die weitere Karriere von Akimov noch die seines langjährigen Partners Alexander Medvedev. 1991 bis 1996 und erneut 1998 bis 2002 war Medvedev unter Akimov Direktor bei Imag in Wien sowie anfangs auch Gesellschafter. Als Chef von "Gazprom export" kontrolliert Medvedev heute milliardenschwere Gasgeschäfte mit Westeuropa. Und er ist zusammen mit Altkanzler Gerhard Schröder bei Nord Stream aktiv.

Als Medvedev 2002 zum Gazprom-Exportchef ernannt wurde, zitierte die russische Wirtschaftszeitung "Wedomosti" erstaunte Insider: Keiner bei Gazprom oder der Export-Tochter habe "von Medvedev vorher irgendetwas gehört." Offenbar - so die Schlussfolgerung - sei die Ernennung des früheren Imag-Mannes "mit der Präsidialverwaltung" von Wladimir Putin abgestimmt gewesen.

Putins Buddys - aus dem KGB?

Bediente der ehemalige KGB-Offizier Putin damit alte Geheimdienstkollegen? Belege für diese Spekulation gibt es nicht. Sicher ist aber, dass der heute 54-Jährige Akimov schon lange vor dem Fall der Mauer sowjetische Interessen in Westeuropa vertrat. Geboren wurde er in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, Putins Heimatstadt. 1985 bis 1987 war er Vize-Generaldirektor der russischen Vneshtorgbank im schweizerischen Zürich. Gleich anschliessend und bis 1990 führte er die russisch kontrollierte Donau-Bank in Wien - bis er im Januar 1991 die Imag gründete. Wien galt stets als Hochburg sowjetischer Geheimdienstaktivitäten.

Sicher ist auch: Eine KGB-Vergangenheit gilt bei der Gazprombank nicht als ehrenrührig. Ihr Vize-Vorstandschef Viktor Korytov war laut früheren Angaben auf der Homepage der Bank von 1979 bis 1992 in den Diensten des KGB - also 13 lange Jahre lang. Sergei Ivanov, ein Sohn des gleichnamigen Vize-Premiers Sergei Ivanov ist im Alter von 26 Jahren heute Vizepräsident der Gazprombank. Der Vater diente wie Putin beim KGB in Leningrad und gilt heute als einer der Favoriten als dessen Nachfolger im Amt des russischen Präsidenten.

Joint Venture mit Dresdner Bank

Die Merkwürdigkeiten rund um die Gazprombank dürften auch einige Finanzmanager in Frankfurt interessieren. Denn im vergangenen Jahr wäre die Gazprombank beinahe unter die Kontrolle der Dresdner Bank geraten. Sie hatte im Dezember 2005 angekündigt, ein Drittel der Akimov-Bank zu übernehmen. Die Russen ließen den bereits beschlossenen Deal aber im Juni 2006 platzen. Im Januar 2007 kündigten Dresdner Bank und Gazprombank stattdessen die Gründung eines Joint Venture für den Emissionshandel an.

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