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9. November 2008, 10:34 Uhr

Warum habt ihr uns um unser Geld gebracht?

© stern-Infografik

Die Langenkämpers sagen, sie wussten nicht, wie ihr Geld angelegt wurde. Was Zertifikate sind, können sie nicht erklären. Wenn ihr Berater sie anrief und verkündete: "Es ist Geld frei", antwortete Karl-Heinz Langenkämper: "Dann schichten Sie um, aber ohne Risiko." Erst jetzt, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sahen sie sich ihr Depot an und entdeckten, dass ihre Anlagen in den Abgrund trudelten.

Riskante Unwissenheit

Selbst schuld, könnte man sagen. Wer sich so naiv seinem Berater anvertraut, muss damit rechnen, über den Tisch gezogen zu werden. Leider sind nicht nur die Langenkämpers finanzielle Analphabeten: In Umfragen kann die Mehrzahl der Deutschen nicht erklären, was es mit dem Dax auf sich hat, dem Deutschen Aktienindex, der die Börsenkurse der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften abbildet.

Norbert Zipf, Betriebsrat bei der Landesbank Baden-Württemberg, kritisiert die Kunden: Immer öfter wollten sie Schnäppchen statt solider Anlagen. Die Dresdner Bank schreibt in einer Stellungnahme gegenüber dem stern zum Fall Langenkämper, das Ehepaar habe nach Anlagen mit mehr Ertrag gefragt. Belegen kann die Bank das allerdings nicht.

Norbert Zipf meint: "Kunden und Berater schaukeln sich gegenseitig hoch - schneller, höher, weiter. Wegen ein paar Cent mehr geht der Kunde zu einer anderen Bank." In kaum einem anderen Land Europas buhlen so viele Geldinstitute um die Gunst der Privatanleger. "Germany is overbanked", in Deutschland gebe es zu viele Banken, analysieren Rating-Agenturen. Gut für die Kunden: Sie werden mit Angeboten überschüttet, bekommen bei vielen Banken ein kostenloses Girokonto und werden in schicken Foyers freundlich empfangen. Schlecht für die Kunden: Die Banken trauen sich nicht, ihnen offen zu sagen, dass all die hübschen Werbeprospekte und Designermöbel irgendwer bezahlen muss - nämlich sie, die Kunden. Beratung ist kostenlos, wird immer noch suggeriert. Die Hypo-Vereinsbank fordert in ihrem Werbeslogan direkt dazu auf, ihr alle Gelddinge sorglos zu überlassen: "Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details."

Auslese nach Kontostand

Wie das im Detail dann aussieht, kann Anja Meissner erzählen. Sie ist Beraterin in einer Filiale der Hypo-Vereinsbank in München. Dort herrsche ein "Zweiklassensystem", erzählt sie: Wer vermögend sei, kritisch und gut informiert, der werde einigermaßen seriös beraten. "Der Rest bekommt Standardprodukte aufgedrückt."

Anja Meissner hat von jedem ihrer Kunden ein Profil angelegt, fragt gezielt nach dem kranken Hund, der Einschulung der Kinder: "Dann fühlen sich die Leute individuell behandelt und vertrauen mir." Sie fasst es manchmal nicht, wie sehr sich Menschen in ihre Hände geben: "Die glauben alle noch an die Bank. Das ist so, als würde ich an den Weihnachtsmann glauben." Kunden, die sie mag, warnt Anja Meissner schon mal: "Kaufen Sie nichts, was Sie nicht verstehen. Ich bin von der Bank, ich vertrete nicht Ihre Interessen."

So einen ehrlichen Satz hätte sich Jonas Wolf* von seinem Berater bei der Citibank in Neuss auch gewünscht. Der 23-jährige Student hatte von seinen Eltern 12 000 Euro geschenkt bekommen, die er für seine Zukunft sparen wollte. Angelegt wurde das Geld in Lehman-Zertifikaten. Noch wenige Tage vor der Pleite der Bank hatte ihm sein Betreuer versichert, die Papiere seien sicher. Jetzt sitzt Jonas Wolf zusammen mit seiner Mutter dem Verkäufer gegenüber. Seine Schuhe sinken in einen weichen Teppich, die Wände schimmern leicht golden, der Raum ist in warmes Licht getaucht. Der Berater trägt Krawatte mit Goldstreifen. Zumindest die Verpackung stimmt im "Citibank Goldkunden-Bereich".

So kompliziert wie möglich

Der Berater redet beruhigend auf Jonas Wolf und seine Mutter ein: "Ihre Zertifikate wurden über die holländische Tochter von Lehman vertrieben, die stand auf gesunden Füßen. Es kursieren Gerüchte, dass Sie bis zu 60 Prozent Ihrer Anlagen zurückerhalten." Alle diese Informationen sind falsch, und der Bankberater müsste das auch wissen. Die "holländische Tochter" von Lehman ist nur eine Vertriebsagentur, die Zertifikate kommen direkt von der Pleitebank aus den USA. Und wie viel zurückgezahlt wird, ist ungewiss. Jonas Wolf, den ein stern-Mitarbeiter inkognito zum Gespräch begleitet hat, wurde schlecht beraten, aber seinen Namen will er nicht nennen: "Ich stehe sonst als Idiot da."

Rolf Gruber* hat viele der Anlageideen entwickelt, die die Berater an die Kunden bringen sollen. Als Investmentbanker einer deutschen Großbank mischte der 33-Jährige chinesische und vietnamesische Aktien in Asienfonds und erfand neue Rohstoff-Investments. Kompliziert sollten die Produkte sein, denn je verschachtelter, desto mehr Gewinnmarge kann die Bank darin verstecken. "Aber bis neue Trends, wie etwa chinesische Aktien, beim Kunden ankamen, war die Blase schon riesengroß", sagt Gruber.

Roswitha Langenkämper und ihr an multipler Sklerose erkrankter Mann Karl-Heinz verloren mehr als 40.000 Euro© Andreas Endemann

Im vergangenen Jahr schrieb er an Freunde und Bekannte, unter ihnen auch Unternehmer. Er warnte vor einem baldigen Crash, vor Bankenpleiten. Sein Arbeitgeber kündigte ihm. Rolf Gruber sitzt nicht mehr im lärmigen Frankfurter Großraumbüro zusammen mit 400 anderen Investmentbankern, sondern in seinem kleinen Wintergarten zu Hause im Sauerland. Er werde nie wieder als Investmentbanker arbeiten, sagt er. Er selbst würde nur noch ganz einfache Anlageprodukte kaufen, dazu ein bisschen Gold. "Dieses Kurzfrist-Denken ist vorbei. Die Bankenwelt besinnt sich." In den Tarifverhandlungen der Bankbranche fordern die Arbeitgeber, bei ihren Beratern einen größeren Teil des Gehalts an die Leistung zu knüpfen. Aber solange die Leistung darin besteht, möglichst vielen Kunden immer wieder neue teure Produkte aufzuschwatzen, wird sich nichts ändern in der Bankenwelt. Im Gegenteil.

Seitenwechsel

Matthias Krapp glaubt, dass die Banken die Zeitenwende immer noch nicht verstanden haben. Der 46-Jährige hat vor einem halben Jahr seinen Job als Kundenbetreuer bei einer Genossenschaftsbank gekündigt. An seinem letzten Arbeitstag umklammerte er das Abschiedsgeschenk seiner Kollegen - "eine hochwertige Aktentasche" - und heulte los. "Wie ein kleiner mutterloser Hund stand ich da, es war ein bisschen peinlich", sagt Krapp. Er hat ein nicht abbezahltes Haus, zwei Kinder. "Aber ich konnte so nicht weitermachen." Jetzt ist er selbstständig und berät Anleger gegen ein festes Honorar. Er sagt, endlich könne er seinen Kunden wieder in die Augen sehen: "Man muss sich entscheiden: Berater oder Verkäufer. Ein Mittelding gibt es nicht. ‚Ein bisschen schwanger‘ geht ja auch nicht."

Einige Banken versuchen ihn dennoch, den Mittelweg zwischen Vertriebs- und Kundeninteresse. Die kleine Quirin Bank zum Beispiel verzichtet auf pauschale Provisionen, verlangt dafür ein Monatshonorar und beteiligt sich am Anlageerfolg ihrer Kunden.

Die "Frankfurt School of Finance", das größte unternehmensübergreifende Fortbildungsinstitut für Bankkaufleute, setzt wieder auf mehr Fachwissen, sagt Geschäftsführer Ingolf Jungmann. Bei jungen Bankangestellten wurde in letzter Zeit hauptsächlich darauf geachtet, dass sie charmant auf Menschen zugehen können. "Da gab es Übertreibungen, jetzt wird wieder in Kompetenz investiert", sagt Jungmann. Auch beim Fach "unternehmerische Ethik" sieht er "Nachholpotenzial".

Gefährliche Grauzone

Verbraucherschützer fordern neue Gesetze, um Anleger besser zu schützen. Zwar gibt es bereits seit vergangenem Jahr eine europäische Richtlinie, genannt Mifid, die die Banken verpflichtet, ihre Kunden ordentlich zu informieren. Konsequent umgesetzt werden die Mifid-Regeln aber nicht. Und wenn ein Kunde falsch beraten wurde, gelingt es ihm meist nicht, das auch zu beweisen. Das Verbraucherministerium überlegt, die Beweispflicht umzukehren. Die Banken müssten dann belegen, dass sie fehlerlos beraten haben. Bis es so weit ist, raten Verbraucherzentralen den Kunden, ein Protokoll jedes Gesprächs zu verfassen und vom Berater unterschreiben zu lassen. Bei wichtigen Terminen sollte man einen Zeugen mit in die Bank nehmen.

Für die Langenkämpers aus Bottrop kommen diese Tipps zu spät. Als sie entdeckten, was man ihnen ins Depot gepackt hatte, seltsame Anlagen mit Namen wie "Global Champion Zertifikat" und "Bonus Barriere", als sie dann noch die fallenden Kurse sahen, gerieten sie in Panik und verkauften alles auf einen Schlag. Verzweifelt schob Roswitha Langenkämper an diesem Tag im Oktober den Rollstuhl ihres Mannes aus der Bank. Die Kurzschlussreaktion kostete sie mehr als 40.000 Euro, fast die Hälfte ihres angesparten Vermögens.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 45/2008

Mitarbeit: Rolf-Herbert Peters, Joachim Reuter
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