
Wolfgang Reitzle mit Ehefrau Nina Ruge: Der Linde-Chef liebt den Luxus. Er gehört mit 8,2 Millionen Jahresgehalt zu den bestbezahlten Managern. Trotzdem wollte er eine Dienstwohnung für 7,8 Millionen. Das Interesse der Öffentlichkeit stoppte den Plan© Alexander Hassenstein/Getty Images
"Wir haben in der Vergangenheit eine wachsende Ungleichheit der Einkommen nur hingenommen, weil die Kurve für alle nach oben wies", mahnte Bundespräsident Horst Köhler ebenfalls vorige Woche. "Das muss so bleiben. Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein." Und der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) sagte dem stern: "Ich beobachte mit Sorge, dass führende Manager ihre hohen Gehälter für selbstverständlich halten. Dies ist eine dramatische Fehlentwicklung, die einem normalen Arbeitnehmer nicht vermittelbar ist. Ich behaupte: Ein Manager kann Gehälter über zwei Millionen Euro nicht tatsächlich rechtfertigen. Als Angestellter eines großen Unternehmens kann man dieses Geld im wahrsten Sinne des Wortes nicht verdienen."
Für besonderen Ärger sorgt regelmäßig auch das Thema "Manager-Rente": Top-Verdiener Harry Roels liegt mit seinem Anspruch auf 400.000 Euro Betriebsrente jährlich ab dem 60. Lebensjahr eher im Mittelfeld der Dax-Vorstände. Er war allerdings nicht einmal fünf Jahre im Unternehmen beschäftigt. Davon können normale Arbeitnehmer nur träumen. Durchschnittsrentner müssten etwa 1275 Jahre (!) in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, um diese Summe nach ihrem 65. Geburtstag ausbezahlt zu bekommen. Der wenig erfolgreiche Tui-Boss Michael Frenzel wird später mal 720.000 Euro kassieren, Eon- Chef Wulf Bernotat sogar 868 000 Euro. Utz Claassen, bis vor kurzem Chef des Energieversorgers EnBW, durfte sogar in Frührente gehen: Nach seinem Ausscheiden bekommt er 400.000 Euro jährlich.
Claassen ist erst 44 Jahre alt. In die gesetzliche Rentenversicherung müssen Vorstände von Aktiengesellschaften übrigens seit 1968 nicht mehr einzahlen.
Und es gibt noch weitere Gründe, Managern Millionen zukommen zu lassen: - Abfindungen: Wird ein Firmenchef gefeuert, wird der meist auf fünf Jahre abgeschlossene Vertrag ausbezahlt. Oft gibt es weitere Zahlungen, etwa um Ansprüche auf Firmenwagen oder Renten abzugelten oder die Beschäftigung bei der Konkurrenz zu verhindern. - Übergangsgeld: Die Managervariante von Hartz IV sorgt bei älteren Bossen, die gefeuert werden, dafür, dass sie bis zur Rente ein Auskommen haben. - Handgeld: Boni für den Wechsel zu anderen Unternehmen sind nicht unüblich. Manchmal werden sie auch als Unterstützung beim Umzug getarnt und erreichen dabei Millionenhöhe. - Sonderzahlungen: Wird ein Unternehmen aufgekauft, bangen viele Mitarbeiter um ihre Jobs. Clevere Vorstände haben sogenannte Change-of-control- Klauseln im Vertrag. Sie sichern ihnen hohe Beträge bei feindlichen Übernahmen - offiziell, um potenzielle Aufkäufer durch die Millionen-Belastung abzuschrecken. - Prämien: Sind Bosse bei Firmenübernahmen geschickt, werden sie nachträglich belohnt. Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser bekam 30 Millionen Mark nach dem Kauf seines Unternehmens durch die Telefonfirma Vodafone. Chrysler-Manager Tom LaSorda erhielt von Verkäufer Daimler gerade Millionen für den zügig abgewickelten Deal mit US-Investor Cerberus.
Man hat den Eindruck, dass mit den regulären Millionengehältern längst nicht die ganze Arbeitskraft des Führungspersonals abgegolten ist. Die Aufpreisliste wird immer länger. In Deutschlands Firmenzentralen herrscht Vollkaskomentalität: Egal, ob Jobverlust, Eigentümerwechsel oder neue Aufgabe - es wird gezahlt.
Und der Clou dabei: Die Manager tragen für ihr Handeln noch nicht einmal das Risiko. Fast alle Unternehmen schließen für ihre Spitzenkräfte Managerhaftpflichtversicherungen ab, die im Falle schwerer Fehlentscheidungen Schadensersatz leisten. Die Prämien für solche Versicherungen sind hoch, denn die Schäden können schnell in die Millionen gehen. Daimler- Chrysler-Chef Schrempp verplapperte sich einst in einem Interview über die Hintergründe der Fusion mit Chrysler. US-Aktionäre erstritten vom Konzern 300 Millionen Dollar Schadensersatz, von denen ein Großteil die Versicherungen übernehmen mussten. Schrempp selbst zahlte nichts. Im Gegenteil: Er war zeitweise mit um die zehn Millionen Euro im Jahr der bestbezahlte Manager der Republik. Er schuf für viele Milliarden Euro ein Firmenreich, in dem die Sonne niemals unterging. Als er 2005 nach einem gewaltigen Krach im Vorstand zurücktrat, waren er und seine Welt-AG gescheitert.
Nachfolger Dieter Zetsche zog die Notbremse: Er wickelte ab. Die Abspaltung von Chrysler ist auf dem Papier ein schlechtes Geschäft, denn die neue Daimler AG musste dafür zahlen, dass ein amerikanischer Investor die Risiken übernimmt. Doch Zetsche, der selbst jahrelang versucht hatte, die US-Automarken zu sanieren, sah darin offenbar die beste Lösung. Das Kuriose daran: Experten schätzen, dass Schrempps Aktienoptionen durch den Kursanstieg nach der Brutal-Sanierung inzwischen um die 100 Millionen Euro wert sind. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man damit durchkommt, als Manager vor allen Dingen eigene Ziele zu verfolgen. Dass es nur darauf ankommt, Widerstände zu brechen, egal, was das für Firma und Mitarbeiter bedeutet.
Kurios ist auch der Fall Reitzle: Der Linde- Chef verhandelte persönlich über den Kauf einer Villa in München. 7,8 Millionen Euro sollte sein Industriegase-Konzern für das fragliche Haus mit bunten Wandmalereien und Whirlpool zahlen. Die Firma hatte sich vertraglich verpflichtet, ihrem Chef einen Dienstsitz zu stellen. Natürlich ist der Manager mit dem Hang zum schönen Wohnen auf Firmenkosten selbst im notorisch teuren München nicht auf eine solche Sozialleistung angewiesen: 2006 verdiente er knapp 8,2 Millionen Euro. Trotzdem versuchte Reitzle die kuriose Vertragsklausel bereits zum zweiten Mal durchzusetzen. Auch am Linde-Stammsitz Wiesbaden hatte der Konzern wenige Jahre zuvor bereits ein Millionenobjekt für ihn gekauft und umgebaut. Kurz danach zog es Reitzle samt Linde-Hauptverwaltung in die bayerische Hauptstadt. Erst als der Preis zu hoch wurde und die Sache drohte an die Öffentlichkeit zu gelangen, verzichtete der Manager auf die Sonderregel.
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Stern
Ausgabe 42/2007