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21. Oktober 2007, 13:43 Uhr

Gehälter Was die Bosse wirklich verdienen

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Wolfgang Reitzle mit Ehefrau Nina Ruge: Der Linde-Chef liebt den Luxus. Er gehört mit 8,2 Millionen Jahresgehalt zu den bestbezahlten Managern. Trotzdem wollte er eine Dienstwohnung für 7,8 Millionen. Das Interesse der Öffentlichkeit stoppte den Plan© Alexander Hassenstein/Getty Images

"Wir haben in der Vergangenheit eine wachsende Ungleichheit der Einkommen nur hingenommen, weil die Kurve für alle nach oben wies", mahnte Bundespräsident Horst Köhler ebenfalls vorige Woche. "Das muss so bleiben. Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein." Und der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) sagte dem stern: "Ich beobachte mit Sorge, dass führende Manager ihre hohen Gehälter für selbstverständlich halten. Dies ist eine dramatische Fehlentwicklung, die einem normalen Arbeitnehmer nicht vermittelbar ist. Ich behaupte: Ein Manager kann Gehälter über zwei Millionen Euro nicht tatsächlich rechtfertigen. Als Angestellter eines großen Unternehmens kann man dieses Geld im wahrsten Sinne des Wortes nicht verdienen."

Für besonderen Ärger sorgt regelmäßig auch das Thema "Manager-Rente": Top-Verdiener Harry Roels liegt mit seinem Anspruch auf 400.000 Euro Betriebsrente jährlich ab dem 60. Lebensjahr eher im Mittelfeld der Dax-Vorstände. Er war allerdings nicht einmal fünf Jahre im Unternehmen beschäftigt. Davon können normale Arbeitnehmer nur träumen. Durchschnittsrentner müssten etwa 1275 Jahre (!) in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, um diese Summe nach ihrem 65. Geburtstag ausbezahlt zu bekommen. Der wenig erfolgreiche Tui-Boss Michael Frenzel wird später mal 720.000 Euro kassieren, Eon- Chef Wulf Bernotat sogar 868 000 Euro. Utz Claassen, bis vor kurzem Chef des Energieversorgers EnBW, durfte sogar in Frührente gehen: Nach seinem Ausscheiden bekommt er 400.000 Euro jährlich.

Claassen ist erst 44 Jahre alt. In die gesetzliche Rentenversicherung müssen Vorstände von Aktiengesellschaften übrigens seit 1968 nicht mehr einzahlen.

Und es gibt noch weitere Gründe, Managern Millionen zukommen zu lassen: - Abfindungen: Wird ein Firmenchef gefeuert, wird der meist auf fünf Jahre abgeschlossene Vertrag ausbezahlt. Oft gibt es weitere Zahlungen, etwa um Ansprüche auf Firmenwagen oder Renten abzugelten oder die Beschäftigung bei der Konkurrenz zu verhindern. - Übergangsgeld: Die Managervariante von Hartz IV sorgt bei älteren Bossen, die gefeuert werden, dafür, dass sie bis zur Rente ein Auskommen haben. - Handgeld: Boni für den Wechsel zu anderen Unternehmen sind nicht unüblich. Manchmal werden sie auch als Unterstützung beim Umzug getarnt und erreichen dabei Millionenhöhe. - Sonderzahlungen: Wird ein Unternehmen aufgekauft, bangen viele Mitarbeiter um ihre Jobs. Clevere Vorstände haben sogenannte Change-of-control- Klauseln im Vertrag. Sie sichern ihnen hohe Beträge bei feindlichen Übernahmen - offiziell, um potenzielle Aufkäufer durch die Millionen-Belastung abzuschrecken. - Prämien: Sind Bosse bei Firmenübernahmen geschickt, werden sie nachträglich belohnt. Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser bekam 30 Millionen Mark nach dem Kauf seines Unternehmens durch die Telefonfirma Vodafone. Chrysler-Manager Tom LaSorda erhielt von Verkäufer Daimler gerade Millionen für den zügig abgewickelten Deal mit US-Investor Cerberus.

Man hat den Eindruck, dass mit den regulären Millionengehältern längst nicht die ganze Arbeitskraft des Führungspersonals abgegolten ist. Die Aufpreisliste wird immer länger. In Deutschlands Firmenzentralen herrscht Vollkaskomentalität: Egal, ob Jobverlust, Eigentümerwechsel oder neue Aufgabe - es wird gezahlt.

Und der Clou dabei: Die Manager tragen für ihr Handeln noch nicht einmal das Risiko. Fast alle Unternehmen schließen für ihre Spitzenkräfte Managerhaftpflichtversicherungen ab, die im Falle schwerer Fehlentscheidungen Schadensersatz leisten. Die Prämien für solche Versicherungen sind hoch, denn die Schäden können schnell in die Millionen gehen. Daimler- Chrysler-Chef Schrempp verplapperte sich einst in einem Interview über die Hintergründe der Fusion mit Chrysler. US-Aktionäre erstritten vom Konzern 300 Millionen Dollar Schadensersatz, von denen ein Großteil die Versicherungen übernehmen mussten. Schrempp selbst zahlte nichts. Im Gegenteil: Er war zeitweise mit um die zehn Millionen Euro im Jahr der bestbezahlte Manager der Republik. Er schuf für viele Milliarden Euro ein Firmenreich, in dem die Sonne niemals unterging. Als er 2005 nach einem gewaltigen Krach im Vorstand zurücktrat, waren er und seine Welt-AG gescheitert.

Nachfolger Dieter Zetsche zog die Notbremse: Er wickelte ab. Die Abspaltung von Chrysler ist auf dem Papier ein schlechtes Geschäft, denn die neue Daimler AG musste dafür zahlen, dass ein amerikanischer Investor die Risiken übernimmt. Doch Zetsche, der selbst jahrelang versucht hatte, die US-Automarken zu sanieren, sah darin offenbar die beste Lösung. Das Kuriose daran: Experten schätzen, dass Schrempps Aktienoptionen durch den Kursanstieg nach der Brutal-Sanierung inzwischen um die 100 Millionen Euro wert sind. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man damit durchkommt, als Manager vor allen Dingen eigene Ziele zu verfolgen. Dass es nur darauf ankommt, Widerstände zu brechen, egal, was das für Firma und Mitarbeiter bedeutet.

Kurios ist auch der Fall Reitzle: Der Linde- Chef verhandelte persönlich über den Kauf einer Villa in München. 7,8 Millionen Euro sollte sein Industriegase-Konzern für das fragliche Haus mit bunten Wandmalereien und Whirlpool zahlen. Die Firma hatte sich vertraglich verpflichtet, ihrem Chef einen Dienstsitz zu stellen. Natürlich ist der Manager mit dem Hang zum schönen Wohnen auf Firmenkosten selbst im notorisch teuren München nicht auf eine solche Sozialleistung angewiesen: 2006 verdiente er knapp 8,2 Millionen Euro. Trotzdem versuchte Reitzle die kuriose Vertragsklausel bereits zum zweiten Mal durchzusetzen. Auch am Linde-Stammsitz Wiesbaden hatte der Konzern wenige Jahre zuvor bereits ein Millionenobjekt für ihn gekauft und umgebaut. Kurz danach zog es Reitzle samt Linde-Hauptverwaltung in die bayerische Hauptstadt. Erst als der Preis zu hoch wurde und die Sache drohte an die Öffentlichkeit zu gelangen, verzichtete der Manager auf die Sonderregel.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 42/2007

KOMMENTARE (10 von 37)
 
Facti (24.10.2007, 12:08 Uhr)
Fast ein Hellseher?
Vor über 30 Jahren entfuhr mir auf einem Seminar auf die Frage "Wie stellen wir uns einen Manager vor?"; spontan die Antwort "Dick, dumm, faul und gefräßig". Erschüttert stelle ich heute fest, der Flachs von damals wird durch heutige Realität mehr als übertroffen.
Jan_Torf (22.10.2007, 19:11 Uhr)
Und was macht Angela?
Unsere (Außen)Kanzlerin Merkel hatte beim G8-Gipfel einen persönlichen Berater in Sachen Afrika(!): Herrn Jürgen Schrempp! In Klimawandelangelegenheiten berät sie der Chef von Vattenfall(!!!). Und dann ist da noch der abgehalfterte Herr von Pierer, auch ein enger Berater der Frau Merkel! Kann es sein, daß das größte Problem, das wir in Deutschland haben, unsere sogenannten Spitzenpolitiker sind? Mich würden die letzten Kontoauszüge unserer Politiker interessieren, aber die werden bestimmt nicht ausgespäht . . . (weil sie bestimmt irgendwo im Ausland angelegt sind, denn sonst würde es solche Steueroasen wie die Schweiz oder Luxemburg nicht mehr geben!) Also schaun mer mal bei der nächsten Wahl, oder gehen wir gar nicht hin oder wie oder was?
sportartmakler (22.10.2007, 12:54 Uhr)
diese diskussion ist doch müßig....
zumindest ist sich der stern nicht zu schade dieses thema in den letzten wochen immer wieder mal zu bringen. dazu noch ein schönes bildchen mit lachenden raffzahnbeispielen und schon dürfen wir unseren frust über die ungerechtigkeiten ( wieder mal) aufschreiben.
Malt (22.10.2007, 12:02 Uhr)
Edit!
Und was "die Bosse wirklich verdienen" ist was ganz anders, als das, was Sie bekommen.
Echoes (22.10.2007, 11:51 Uhr)
Horst Köhler
Am niedlichsten finde ich, wie Herr Köhler über diese Zuschlagsverdiener "empört" ist.
Soll er doch mit Wattebällchen werfen! Ist ja schön, dass unser Bundespräsident mit uns auf dem Sofa einer Meinung ist. Und sonst?
Entweder er macht was, oder er gibt zu, dass er nichts machen kann. Zweiteres würde ihm gut zu Gesicht stehen.
Malt (22.10.2007, 11:45 Uhr)
Nicht Neid...
...sondern vielmehr das gerechtfertigte Gefühl, verarscht zu werden, ist der Grund für die Empörung! Denn wenn einige Menschen Millionen verdienen und gleichzeitig die Menschen entlassen, die diese für Sie erwirtschaftet haben, dann ist da was ganz und gar faul! Ich finde, das Bild von Schrempf zeigt es ganz deutlich: Der Spruch, wer hoch fliegt kann tief fallen stimmt schon längst nicht mehr. Im gegenteil. Je höher man fliegt, desto höher wird man noch getragen... egal, was man treibt. Und wenn der 08/15 Normalverdiener dann sehen muss, dass er selbst eine Abmahnung bekommt, wenn z.B. ein geschenk eines Lieferanten angenommen hat (oft im kleinen und ohne Hintergedanken), der Manager des gleichen Unternehmens aber Scheiße baut und dafür auch noch eine Abfindung im Multi-Millionenbreich bekommt (und das ganze bei vollem bewußtsein darüber, was man macht)... dann hat das nichts mit Neid zu tun. Das ist einfach ungerecht. Aber so ist das bei uns (nicht erst seit gestern). Die Kleinen hängt man, die großen läßt man laufen. Das Schlimme ist nur, dass diese Leute heute nicht mal mehr soviel Schamgefühl haben, das ganze im Verborgenen zu tun. Die machen das ganze noch total öffentlich, stellen sich vor die Kameras und sagen: Das ist so richtig, das habe ich mir verdient! Und das ist die Sauerei dabei! Es wird zeit, dass mal wieder ein paar Benz in die Luft fliegen, um die Verhältnisse wieder gerade zu rücken.
endbenutzer (22.10.2007, 11:34 Uhr)
Wieso...
...wird eigentlich immer das Wort "Neiddebatte" verwendet, wenn es um überzogen Einkommen von Spitzenmanagern geht? Wäre es nicht besser von "Gerechtigkeitsdebatte" zu sprechen? Ist es gerecht, dass ein Mensch z.B. als Altenpfleger sehr hart arbeitet und dafür mit einem mageren Gehalt abgspeist wird, während ein Manager, der "seinem" Unternehmen einen Millioneverlust serviert hat, auch noch mit einigen Millionen abgefunden wird?
nightmare_online (22.10.2007, 09:31 Uhr)
Wenn sie gute Arbeit machen (würden) ...
Mir ist ziemlich egal wie viel ein Manager verdient, wenn er gute Arbeit macht.
Herr Iacocca hat in den 80ern (?!) für 1$ Grundgehalt (!) + Erfolgsprämie in den USA Millionen verdient. Ist für mich in Ordnung.
Aber hier in D verdienen die Manager Millionen (selbstredend nicht auf Erfolgsbasis) und die Leistung dieser Leute geht in aller Regel gerade so eben als "mangelhaft" durch.
Es gab vor langer Zeit mal ein Buch, "Nieten in Nadelstreifen". Das verdient seit langem eine akualisierte Ausgabe.
Achja: Ludwig Erhard sinnierte AFAIK mal darüber, das es nicht in Ordnung sei, wenn ein "Fabrikdirektor" mehr als 10 mal mehr verdient als einer seiner Arbeiter. Erzählen Sie das mal heute einem der sich selbst als Neoliberal bezeichnet :-)
GordonBleu (22.10.2007, 09:09 Uhr)
neid oder raffgier
ich glaube, wir führen in der tat keine neid- sondern eine raffgier-diskussion. falsch, wir führen nicht einmal eine diskussion. mal gibt's nen bericht in der presse/ im tv und man empört sich. ich schreibe nen kommentar und empöre mich. so what? diejenigen, die ihren eigenen geldhahn bedienen, stört's wohl kaum.
was ich mich frage, wo bleibt eigentlich die öffentliche empörung der gewerkschaften? oder können die sich nicht empören, weil die führenden gewerkschaftsfunktionäre in den auffsichtsräten der dax-unternehmen sitzen und diese monströsen managergehälter selber genehmigt haben? hallo herr sommer, herr bsirske? sind sie da???
iovialis (22.10.2007, 09:01 Uhr)
Neid und Gerechtigkeit
Der soziale Friede wird durch eine Neiddebatte massiv gestört. Neid entsteht, indem das, was ich habe in Relation zu dem gestellt wird, was jemand anderer hat. Reicht aber das, was ich habe nicht aus, um mein Leben zu finanzieren, würde ich das nicht mehr Neid nennen, sondern von Ungerechtigkeit.
Gerecht ist, wenn erstmal jeder Leben kann; sozial gerecht wird's dann, wenn jeder auch den gleichen Zugang zu den Möglichkeiten einer Gesellschaft hat - sei es Arbeit, sei es Bildung, sei es Rechtsprechung.
Wenn nun jeder vom volkswirtschaftlichen Gesamtvermögen einen Teil bekommt (damit jeder leben kann) und jene, die etwas erwirtschaften bis zu einer bestimmten Höhe ihren Teil erhalten (steuerfreie bis zu einer Obergrenze, weil "eigener Hände Arbeit"), ist ein wichtiger Punkt der Gerechtigkeit erfüllt. Deshalb: Jovialismus!
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http://www.iovialis.org/download
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