
Von außen eine Bank wie jede andere: Der Grameen-Konzern (hier die Zentrale in Dhaka) verkauft neben Krediten auch Versicherungen, Software und für die Unterernährten im Land Volksjoghurt© Namas Bhojani
Der Nobelpreis habe ihm manche Türen geöffnet. "Wenn ich heute bei einem Staatschef um ein Treffen nachsuche, dann kriege ich es auch früher oder später." Ist der vertraute Umgang mit den Clintons, den Bonos, den Kofi Annans und den Brad Pitts dieser Welt dem guten Menschen von Dhaka zu Kopf gestiegen? Ob dieser Frage schaut Yunus ein wenig argwöhnisch. Die politische Kaste in Bangladesch wirft ihm trotz aller offiziellen Wertschätzung hemmungslose elbstdarstellung vor. "Sehen Sie, ich arbeite weiterhin 14 Stunden am Tag und komme mit fünf Stunden Schlaf aus." Wir gehen die paar Schritte hinüber zum Bungalow der Familie Yunus hinter dem Turm der Bank. Für ein paar Augenblicke wird es stockdunkel zwischen den Palmen. Stromausfall. Doch dann springt auch schon ein Generator an. "Der eigene Generator ist in unserem Land unverzichtbar", sagt Yunus mit Achselzucken.
Das Haus ist keine Hütte. Aber es ist alles andere als ein Palast. Eine Haushälterin mit Kopftuch öffnet und verschwindet dann diskret im Küchentrakt. Sie ist die einzige Bedienstete. An der Einrichtung hat garantiert kein Innenarchitekt mitgewirkt. Nur die Fotos an der Wand, eins mit der spanischen Königsfamilie, eins mit den Clintons, zeigen, dass hier nicht Herr Jedermann zu Hause ist.
Im Wohnzimmer steht der Computer, Yunus' Nabelschnur zur Welt. Hier verfasst er seine Reden und wird auch diesen Abend noch lange davor sitzen. Morgen fliegt er nach Madrid, ein Vortrag an der Uni, und dann geht es weiter nach Teheran. Auch die Mullahs hören ihm gern zu. "Ich selbst bin Moslem, aber eher ein kultureller." Hochzeiten, Begräbnisse nach islamischem Ritus, Freitag als Feiertag, das halte er ein. Aber er bete nicht fünfmal am Tag. Und in der richtigen Gesellschaft trinke er auch schon mal ein Glas Wein. Auf dem Bücherregal liegen griffbereit Richard Dawkins "Der Gotteswahn" und ein Buch mit dem vielversprechenden Titel: "Wie man arme Nationen reich macht".
Seine Frau Afrozi ist gerade unterwegs, und Monica, die ältere seiner beiden Töchter, ist für immer aus dem Haus. Sie ist Sopranistin in den USA und dabei, sich einen eigenen Namen zu machen. Papa zeigt uns stolz eine Hochglanzbroschüre. Monica in Mozarts "Don Giovanni". Monica in Verdis "Rigoletto", Monica in Massenets "Manon". Und nur ganz am Rand wird erwähnt, dass es sich bei der 25-Jährigen um die Tochter des preisgekrönten Muhammad Yunus handelt.
Der Friedensnobelpreisträger geht in die Küche. Er kehrt mit drei Gläsern Lassi, der indischen Sauermilch, und seiner zweiten Tochter Deena zurück. Die 21-Jährige trägt einen Glitzerstein im linken Nasenflügel und ein Tattoo auf dem rechten Oberarm. Deena studiert Ökonomie an der Universität von Dhaka und lernt dort, wie Yunus leicht ironisch anmerkt, genau die Wirtschaftstheorien, mit denen er bei der Grameen Bank gescheitert wäre. "Natürlich können nicht alle Inder, alle Chinesen, alle Bangladescher leben wie ihr in Deutschland, ein Auto wie ihr fahren oder gar einen dieser Benzinfresser, dieser SUV, wie in den USA. Das würde die Erde nicht aushalten." Aber ein Bett unter einem Dach, sauberes Trinkwasser, zwei Mahlzeiten am Tag, Strom, medizinische Versorgung und eine Schule in der Nähe seien für jeden Menschen machbar.
Der Professor begleitet uns zum Eingangstor. Draußen liegt stickig und laut die Millionenstadt Dhaka, in der mehr als die Hälfte der Menschen in wüsten Slums leben. "Um die Armut auszurotten, müsst auch ihr in der Ersten Welt zurückstecken, ihr könnt die Ressourcen nicht weiterhin so verschleudern wie bisher. Ihr könnt es unseretwegen nicht tun, und ihr könnt es der kommenden Generationen wegen nicht tun", sagt Yunus. Auf dem Parkplatz am Tor steht im schwachen Notlicht schimmernd ein wuchtiger Geländewagen. Er gehört Muhammad Yunus. Wie denn, Doktor, Wasser predigen und Wein trinken? Für einen Sekundenbruchteil stutzt Yunus. Er lacht kurz auf und schüttelt dann lächelnd den Kopf: "Bei unseren Straßen und der Art, wie in Bangladesch Auto gefahren wird, glauben Sie mir, da braucht man so was!"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 50/2008
Literatur Programmatisches Buch: "Die Armut besiegen" von Muhammad Yunus,
Hanser Verlag, 310 Seiten, 19,90 Euro