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21. Oktober 2007, 13:43 Uhr

Gehälter Was die Bosse wirklich verdienen

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Bernd Pischetsrieder: Gescheiterter BWM- und gescheiterter Volkswagen-Boss - hohes Gehalt auf dem Abstellgleis© Sebastian Willnow/DDP

Reitzle ist eigentlich einer der besseren Manager in Deutschland. Der Ingenieur machte aus dem Gemischtwarenladen Linde in wenigen Jahren einen zukunftsfähigen Weltkonzern. Als einziger Spitzenverdiener unter den Vorständen, die der stern danach fragte, äußerte er sich selbst zum Thema Gerechtigkeit: "Mein Gehalt ist, wie auch das meiner Vorstandskollegen, in einem hohen Maße erfolgs- und leistungsabhängig und kann von Jahr zu Jahr stark variieren. Im Geschäftsjahr 2006 hat der variable Anteil annähernd 70 Prozent ausgemacht. Diese Summe berücksichtigt die in jeder Hinsicht außergewöhnlich gute Entwicklung, die Linde im vergangenen Jahr vollzogen hat." Doch in den Augen der Öffentlichkeit verspielt der überzeugte Menjoubärtchen-Träger und Ehemann von TV-Talkerin Nina Ruge immer wieder durch seinen Hang zum Luxus viel Sympathie.

Jenseits von Gehalt, Prämien, Firmenwagen und Altersversorgung sind Sachleistungen wie die Dienstvilla von Wolfgang Reitzle eher die Ausnahme geworden. Siemens wickelte gerade erst seine jahrelang nicht bilanzierte Zweckgesellschaft ab, die in München Grundstücke in besten Lagen für künftige Vorstandsmitglieder bereithielt. Die Ex-Chefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld bauten noch auf solch günstig erworbenen Flächen. Ex-Karstadt-Chef Walter Deuss musste für die Bezahlung der Über- stunden seines Fahrers, der ihm vertragsgemäß lebenslang zusteht, zumindest einen Prozess führen - gewann allerdings.

Andere Konzerne schafften gerade den Firmen-Weinkeller und die Vorstandsjagd ab. Und Daimler verkaufte gar die Flotte der firmeneigenen Langstreckenjets.

Aber so wie bei den allzu auffälligen Natural- Leistungen abgebaut wurde, stiegen die direkten und versteckten Zahlungen der Firmen an ihr Top-Personal. Die Fixierung auf die dicken Gehälter führt zu einer ganz eigentümlichen Motivation: Nicht der langfristige Unternehmenserfolg, ein stetiges Wachstum und eine breite Geschäftsbasis sind gut für den Manager. Um sein Einkommen zu optimieren, ist es besser, er geht höhere Risiken ein, optimiert kurzfristig die Rendite und sorgt für Aktienhöchststände immer dann, wenn die Bonusberechnung ansteht. Langfristige Investitionen sind in diesem Kalkül nur persönliche Gehaltsvernichter.

Anleger, Mitarbeiter, ja selbst die Kunden leiden darunter, wenn technologische Fortschritte, etwa in der Medizin oder beim Umweltschutz, auf sich warten lassen, weil weniger entwickelt wird. Grundlagenforschung bleibt heutzutage zunehmend staatlichen Einrichtungen überlassen, weil die Chance auf schnelle Rendite dabei gering ist. Die Struktur der Managerversorgung führt dazu, dass Unternehmenschefs häufig nicht wie Unternehmer handeln, sondern wie Zocker. Geht die Wette auf das schnelle Geld schief, fliegt man zwar raus. Aber immerhin gibt es dann Abfindung, Übergangsgeld - und meist schnell wieder einen neuen Job.

Wie zum Beispiel bei Bernd Pischetsrieder: Der ehemalige BMW-Chef stolperte über den Ankauf des maroden britischen Autoherstellers Rover. Nach etwas mehr als einem Jahr heuerte er als Vorstand bei Volkswagen an und wurde bald Vorstandsvorsitzender. Er blieb es vier Jahre und wurde dann Ende 2006 von seiner Aufgabe entbunden. Sein Chefgehalt bekommt er noch immer.

Um Ansehen und Vertrauen in die Arbeit der Manager wiederherzustellen, müsste sich einiges ändern: - Offenheit: Die Struktur von Managergehältern und besonders die Bemessung von Erfolgsprämien und die Begründung von Sonderboni sollten veröffentlicht werden. Von der Motivation eines Managers hängt zu viel ab, als dass hier Geheimniskrämerei zu rechtfertigen wäre: Arbeitsplätze, Standorte, Innovationen, milliardenschwere Übernahmen. - Einfachere Vergütungsstrukturen: Ein guter Manager sollte nicht erst durch ein komplexes Vergütungssystem motiviert werden müssen. - Risikobeteiligung: Die völlige Verschiebung der Manager-Risiken auf Versicherungen ist eine Unsitte und zudem sehr teuer. Eine Selbstbeteiligung wäre richtig. Außerdem fehlt es an Professionalität bei der Unternehmenskontrolle: Unter den 15 wichtigsten deutschen Aufsichtsräten sind 13 aktive oder ehemalige Vorstände. Sie üben zusammen 50 Aufsichtsratsmandate aus. In einem solchen Netzwerk, in dem der eine über den Arbeitsvertrag des anderen entscheidet, ist es schwer vorstellbar, dass immer nur die Interessen der Firma bedacht werden.

Selbst die von Gewerkschaftsseite Gestellten Aufsichtsratsmitglie- Der machen eine unglückliche Figur: Jeder einzelne in Deutschland abgeschlossene Vorstandsvertrag wurde schließlich von ihnen mitgetragen. Offenbar akzeptieren sie regelmäßig die gängigen Argumente, die ständig steigenden Gehälter seien eben "Marktpreise" und: In den USA werde sogar noch mehr gezahlt.

Doch beide Argumente stimmen nicht: In einem funktionierenden Markt regeln Angebot und Nachfrage den Preis. Stiege die Nachfrage nach qualifizierten Managern, müsste sich laut Theorie nach einiger Zeit das Angebot erhöhen und - das ist wesentlich für einen funktionierenden Markt - der Preis, also hier das Gehaltsniveau, wieder fallen. Doch das passiert nicht. Qualifizierte Manager gibt es reichlich, keine Führungsposition bleibt lange unbesetzt. Und doch steigen und steigen die Gehälter. Der Markt funktioniert also nicht.

Und die USA als Maßstab gelten erst recht nicht. Ganz abgesehen davon, dass bisher noch kein deutscher Top-Manager mit der Aussicht auf mehr Gehalt in die USA abgeworben wurde und umgekehrt noch kein deutscher Großkonzern je einen Amerikaner als Chef angeheuert hat: Arbeitsmärkte haben regionale Preise. Ingenieure in Tschechien verdienen bei gleicher Qualifikation weniger als die in Deutschland, aber mehr als die russischen Kollegen. Lokführer in der Schweiz bekommen höhere Gehälter als ihre deutschen Kollegen. Trotzdem würde die Lokführergewerkschaft GDL dieses Argument niemals nutzen. Die Antwort "Dann geht doch in die Schweiz" wäre zu einfach. Und wenn es die Lokführer nicht dürfen, warum sollten wir es den Managern durchgehen lassen?

Mitarbeit: Stefan Braun, Juliane Eichblatt, Mathias Rittgerott

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 42/2007

Von Jan Boris Wintzenburg
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KOMMENTARE (10 von 37)
 
Facti (24.10.2007, 12:08 Uhr)
Fast ein Hellseher?
Vor über 30 Jahren entfuhr mir auf einem Seminar auf die Frage "Wie stellen wir uns einen Manager vor?"; spontan die Antwort "Dick, dumm, faul und gefräßig". Erschüttert stelle ich heute fest, der Flachs von damals wird durch heutige Realität mehr als übertroffen.
Jan_Torf (22.10.2007, 19:11 Uhr)
Und was macht Angela?
Unsere (Außen)Kanzlerin Merkel hatte beim G8-Gipfel einen persönlichen Berater in Sachen Afrika(!): Herrn Jürgen Schrempp! In Klimawandelangelegenheiten berät sie der Chef von Vattenfall(!!!). Und dann ist da noch der abgehalfterte Herr von Pierer, auch ein enger Berater der Frau Merkel! Kann es sein, daß das größte Problem, das wir in Deutschland haben, unsere sogenannten Spitzenpolitiker sind? Mich würden die letzten Kontoauszüge unserer Politiker interessieren, aber die werden bestimmt nicht ausgespäht . . . (weil sie bestimmt irgendwo im Ausland angelegt sind, denn sonst würde es solche Steueroasen wie die Schweiz oder Luxemburg nicht mehr geben!) Also schaun mer mal bei der nächsten Wahl, oder gehen wir gar nicht hin oder wie oder was?
sportartmakler (22.10.2007, 12:54 Uhr)
diese diskussion ist doch müßig....
zumindest ist sich der stern nicht zu schade dieses thema in den letzten wochen immer wieder mal zu bringen. dazu noch ein schönes bildchen mit lachenden raffzahnbeispielen und schon dürfen wir unseren frust über die ungerechtigkeiten ( wieder mal) aufschreiben.
Malt (22.10.2007, 12:02 Uhr)
Edit!
Und was "die Bosse wirklich verdienen" ist was ganz anders, als das, was Sie bekommen.
Echoes (22.10.2007, 11:51 Uhr)
Horst Köhler
Am niedlichsten finde ich, wie Herr Köhler über diese Zuschlagsverdiener "empört" ist.
Soll er doch mit Wattebällchen werfen! Ist ja schön, dass unser Bundespräsident mit uns auf dem Sofa einer Meinung ist. Und sonst?
Entweder er macht was, oder er gibt zu, dass er nichts machen kann. Zweiteres würde ihm gut zu Gesicht stehen.
Malt (22.10.2007, 11:45 Uhr)
Nicht Neid...
...sondern vielmehr das gerechtfertigte Gefühl, verarscht zu werden, ist der Grund für die Empörung! Denn wenn einige Menschen Millionen verdienen und gleichzeitig die Menschen entlassen, die diese für Sie erwirtschaftet haben, dann ist da was ganz und gar faul! Ich finde, das Bild von Schrempf zeigt es ganz deutlich: Der Spruch, wer hoch fliegt kann tief fallen stimmt schon längst nicht mehr. Im gegenteil. Je höher man fliegt, desto höher wird man noch getragen... egal, was man treibt. Und wenn der 08/15 Normalverdiener dann sehen muss, dass er selbst eine Abmahnung bekommt, wenn z.B. ein geschenk eines Lieferanten angenommen hat (oft im kleinen und ohne Hintergedanken), der Manager des gleichen Unternehmens aber Scheiße baut und dafür auch noch eine Abfindung im Multi-Millionenbreich bekommt (und das ganze bei vollem bewußtsein darüber, was man macht)... dann hat das nichts mit Neid zu tun. Das ist einfach ungerecht. Aber so ist das bei uns (nicht erst seit gestern). Die Kleinen hängt man, die großen läßt man laufen. Das Schlimme ist nur, dass diese Leute heute nicht mal mehr soviel Schamgefühl haben, das ganze im Verborgenen zu tun. Die machen das ganze noch total öffentlich, stellen sich vor die Kameras und sagen: Das ist so richtig, das habe ich mir verdient! Und das ist die Sauerei dabei! Es wird zeit, dass mal wieder ein paar Benz in die Luft fliegen, um die Verhältnisse wieder gerade zu rücken.
endbenutzer (22.10.2007, 11:34 Uhr)
Wieso...
...wird eigentlich immer das Wort "Neiddebatte" verwendet, wenn es um überzogen Einkommen von Spitzenmanagern geht? Wäre es nicht besser von "Gerechtigkeitsdebatte" zu sprechen? Ist es gerecht, dass ein Mensch z.B. als Altenpfleger sehr hart arbeitet und dafür mit einem mageren Gehalt abgspeist wird, während ein Manager, der "seinem" Unternehmen einen Millioneverlust serviert hat, auch noch mit einigen Millionen abgefunden wird?
nightmare_online (22.10.2007, 09:31 Uhr)
Wenn sie gute Arbeit machen (würden) ...
Mir ist ziemlich egal wie viel ein Manager verdient, wenn er gute Arbeit macht.
Herr Iacocca hat in den 80ern (?!) für 1$ Grundgehalt (!) + Erfolgsprämie in den USA Millionen verdient. Ist für mich in Ordnung.
Aber hier in D verdienen die Manager Millionen (selbstredend nicht auf Erfolgsbasis) und die Leistung dieser Leute geht in aller Regel gerade so eben als "mangelhaft" durch.
Es gab vor langer Zeit mal ein Buch, "Nieten in Nadelstreifen". Das verdient seit langem eine akualisierte Ausgabe.
Achja: Ludwig Erhard sinnierte AFAIK mal darüber, das es nicht in Ordnung sei, wenn ein "Fabrikdirektor" mehr als 10 mal mehr verdient als einer seiner Arbeiter. Erzählen Sie das mal heute einem der sich selbst als Neoliberal bezeichnet :-)
GordonBleu (22.10.2007, 09:09 Uhr)
neid oder raffgier
ich glaube, wir führen in der tat keine neid- sondern eine raffgier-diskussion. falsch, wir führen nicht einmal eine diskussion. mal gibt's nen bericht in der presse/ im tv und man empört sich. ich schreibe nen kommentar und empöre mich. so what? diejenigen, die ihren eigenen geldhahn bedienen, stört's wohl kaum.
was ich mich frage, wo bleibt eigentlich die öffentliche empörung der gewerkschaften? oder können die sich nicht empören, weil die führenden gewerkschaftsfunktionäre in den auffsichtsräten der dax-unternehmen sitzen und diese monströsen managergehälter selber genehmigt haben? hallo herr sommer, herr bsirske? sind sie da???
iovialis (22.10.2007, 09:01 Uhr)
Neid und Gerechtigkeit
Der soziale Friede wird durch eine Neiddebatte massiv gestört. Neid entsteht, indem das, was ich habe in Relation zu dem gestellt wird, was jemand anderer hat. Reicht aber das, was ich habe nicht aus, um mein Leben zu finanzieren, würde ich das nicht mehr Neid nennen, sondern von Ungerechtigkeit.
Gerecht ist, wenn erstmal jeder Leben kann; sozial gerecht wird's dann, wenn jeder auch den gleichen Zugang zu den Möglichkeiten einer Gesellschaft hat - sei es Arbeit, sei es Bildung, sei es Rechtsprechung.
Wenn nun jeder vom volkswirtschaftlichen Gesamtvermögen einen Teil bekommt (damit jeder leben kann) und jene, die etwas erwirtschaften bis zu einer bestimmten Höhe ihren Teil erhalten (steuerfreie bis zu einer Obergrenze, weil "eigener Hände Arbeit"), ist ein wichtiger Punkt der Gerechtigkeit erfüllt. Deshalb: Jovialismus!
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http://www.iovialis.org/download
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