28. Oktober 2010, 21:31 Uhr

Zurück in die Protestzukunft

Die Preis-Lüge

Die Verbraucher kostet der Umbau Geld. Viel Geld. Exakt - sagen wir auf zehn Milliarden genau - kann heute niemand den Investitionsbedarf schätzen. Doch der Preis des Ausstiegs wird kein kleiner sein. Hohe Milliardenbeträge können Verbraucher und Bürger erschrecken - für Energie- Unternehmen sind solche Größenordnungen normal. So war das bei Kohlekraftwerken, so war es bei Atomkraftwerken, so wird es auch bei Wind- und Sonnenkraftwerken sein.

Die Bundesregierung und die Energiekonzerne erklären, die Verlängerung der Laufzeiten sei notwendig, um den Verbrauchern bezahlbaren Strom garantieren zu können. Verschiedene Institute haben jedoch berechnet, dass längere Laufzeiten den Strompreis in Zukunft bestenfalls um knapp fünf Prozent reduzieren. Ein Großteil des Strompreises resultiert aus verschiedenen Steuern, die der Staat erhebt. Die Politik sitzt also selbst an der Strompreisschraube. Wenn sie den Preis wirklich senken will - niemand kann sie hindern.

Auch die Stromkonzerne könnten den Preis schon morgen drastisch reduzieren. Seit 1992 haben sich die Umsätze der Strombranche in Deutschland verdreifacht. Gut für den Gewinn. Von den 46 Milliarden Euro, die beispielsweise RWE im vergangenen Jahr eingenommen hat, behielt der Konzern vor Steuern 5,6 Milliarden Euro als Gewinn. Eine Umsatzrendite von rund 12 Prozent. Ein Industrieunternehmen ist damit schon weit im Gier-Bereich. Wäre RWE ungefähr so gierig wie Siemens oder BASF gewesen, dann hätte sich der Stromkonzern mit rund der Hälfte begnügt. Bei dieser Rechnung könnte man den Strompreis ordentlich senken. Das, und nicht die längere Laufzeit von Reaktoren, würde bezahlbaren Strom auf Jahre hinaus sichern.

Im alten Denken der zentralwirtschaftlich gelenkten Stromkonzerne ist der Umbau der Energie- Infrastruktur ein Kostenfaktor. Tatsächlich liegt darin eine der größten Chancen für die deutsche Wirtschaft. Im Know-how und im Anlagenbau für Wind- und Solarstrom gehört Deutschland weltweit zur Spitzengruppe. US-Präsident Obama will die "clean energy economy" zu einem zentralen Wirtschaftszweig ausbauen. Sein Vorbild dabei sind deutsche Unternehmen. Im April besuchte er eine Windräderfertigung von Siemens in Iowa. "Unglaublich eindrucksvolle Technologie!", schwärmte Mr President. Yes, we can! Endlich mal ein ökonomischer Megatrend, den Deutschland nicht verschläft, sondern bei dem es vorn, ganz vorn dabei ist.

Oder nur dabei war? Die Laufzeitverlängerung des Atomstroms nimmt Forschung, Entwicklung und Investitionen in alternative Energien einen Großteil ihrer Attraktivität. Die befürchtete Vollbremsung in dieser Schlüsseltechnologie wäre ein GAU für die deutsche Volkswirtschaft.

Die Modernitäts-Lüge

Für die Gegner der Atomkraft bedeutet jedes weitere Jahr Laufzeit ein weiteres Jahr GAU-Risiko. Die Bundesregierung beruhigt das Volk mit dem Märchen von den modernsten und sichersten Reaktoren der Welt, die in Deutschland stehen. Tatsache ist: Der deutsche Atomkraftwerkspark ist der drittälteste in der Welt. Nur in den USA und Großbritannien sind die Mühlen älter. Neckarwestheim 2, das jüngste AKW, ging vor 21 Jahren ans Netz. Biblis A, der älteste noch aktive Reaktor, hat bereits 36 Jahre auf dem Buckel. Betriebszeiten von bis zu 50 Jahren und mehr, wie sie nach den neuen Plänen der Bundesregierung vorgesehen sind, wurden bisher noch nirgendwo ausprobiert. In Deutschland wird also der Feldversuch stattfinden, um herauszufinden: Wie lange hält ein Atomkraftwerk?

Eines weiß man schon jetzt: Je älter, desto störanfälliger wird eine Atomanlage. Deutschland lag darum in den vergangenen drei Jahren auf dem drittschlechtesten Platz, was die "ungeplante Abschaltung von Reaktoren" angeht. Schlechter waren nur Großbritannien und Schweden. In Schweden betreibt der berüchtigte Vattenfall-Konzern die Kernkraftwerke. Der Betreiber von Krümmel und Brunsbüttel gilt auch hierzulande als so unzuverlässig, dass selbst die Bundeskanzlerin vergangenes Jahr öffentlich darüber nachdachte, ihm die Betriebserlaubnis zu entziehen.

Unsere ollen Meiler sind nicht nur wenig zuverlässig, ihnen fehlt auch die neueste Sicherheitstechnologie. Die angeblich modernsten und sichersten Atomkraftwerke der Welt ähneln in Wahrheit altersschwachen Autos, ohne ABS, Airbag und ESP. Würden sie heute so noch einmal gebaut, der TÜV dürfte sie nicht zulassen. So ist beispielsweise keines der 17 Kernkraftwerke ausreichend gegen den Absturz eines großen Passagierflugzeugs gesichert. Und viele sind nicht mit den neuesten, sichersten Rohrleitungen ausgerüstet.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 39/2010
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